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Jonathan Franzen: Die Korrekturen

11.03.2004

 
Großes amerikanisches Epos

Selten kam in einem amerikanischen Generationenroman die Typisierung der handelnden Figuren so deutlich zum Vorschein wie hier. Obwohl Franzen es durchaus versteht, den Figuren Leben einzuhauchen, sieht sich der Leser nur mit Typen, nicht mit wahren Menschen, konfrontiert, von denen jeder für eine bestimmte “Korrektur” des ursprünglichen Lebensentwurfs ihrer Eltern steht.


 

Die Menschen in Jonathan Franzens Roman “Die Korrekturen” sind besessen vom Wunsch, die ihnen aufgedrängten Lebenskonzepte zu korrigieren, die vorhandenen Fehler in ihrem Lebensweg aufzustöbern und auszumerzen. Sie sehnen sich danach, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben, allerdings ohne ein konkretes Ziel zu kennen. Dass gerade dieser nicht zu stillende Trieb, das Leben einem Schema zu unterwerfen, anhand dessen man dem Trugschluss verfällt, die Auswirkung vergangener Verfehlungen durch Korrekturen – einer Maschine gleich – in die richtige Bahn zu lenken, zur Lösung jeglicher Bindungen zum Leben, zur sozialen Katastrophe führt, wird Franzens Figuren im Laufe des Romans niemals richtig bewusst. Vielleicht ist es gerade die Hoffnungslosigkeit in Franzens Darstellung der Internet- und Biotech-Aktien-Generation, die “Die Korrekturen” zu einem jener großen amerikanischen Epen in der Tradition von John Dos Passos‘ Amerika-Trilogie, John Updikes Rabbitt-Tetralogie oder DeLillos “Underworld” macht.

Und selten kam in einem amerikanischen Generationenroman die Typisierung der handelnden Figuren so deutlich zum Vorschein wie hier. Obwohl Franzen es durchaus versteht, den Figuren Leben einzuhauchen, sieht sich der Leser nur mit Typen, nicht mit wahren Menschen, konfrontiert, von denen jeder für eine bestimmte “Korrektur” des ursprünglichen Lebensentwurfs ihrer Eltern steht. Chip ist der Intellektuelle und politisch Linke, der unehrenvoll entlassene Literaturprofessor, der versucht, sich mit Bildung und Intellekt der konservativen und anti-intellektuellen Weltanschauung seiner Eltern zu widersetzen. Gary wiederum ist der gnadenlose Kapitalist, dessen Geldgier und Verschwendungssucht eine Reaktion auf den grundehrlichen, bis zur Selbstaufgabe gesellschaftskonformen mittelwestlichen Konservatismus ist, anhand dessen die Eltern Alfred und Enid ihre Kinder erzogen haben. Und Denise widersetzt sich der Prüderie ihrer Eltern mit dem Rausch eines unkontrollierten sowie ziellosen Sexuallebens.

Alle diese Entwürfe der Korrektur des amerikanischen Kleinbürgertums sind in Franzens Augen zum Scheitern verurteilt. Er führt seine Figuren regelrecht vor, eine nach der anderen, und sieht ihnen nebenbei genüsslich bei ihren hoffnungslosen Korrekturversuchen zu. Dass seine Sympathien eindeutig beim gebildeten Chip liegen, den er zwar ebenso lächerlich macht wie dessen Geschwister, und dennoch am Ende zum moralischen Sieger stilisiert, überrascht wenig. Erstaunlicher ist die finale Korrektur, die Franzen mit seinem ruhigen und unspektakulären Ende geschehen lässt und die alle Versuche der Kinder sowie der Eltern als sinnlose Verzweiflungstaten bloßstellt. Intellekt, Geld, Sex, Drogen, Spaß, Freizeit, Religion, Konservatismus – nichts von alledem kann mit der allmächtigen Natur, der wahren Beschaffenheit menschlicher Existenz konkurrieren. Schon die Anfangsszene deutet an, dass es die Natur ist, und nicht die Menschen, welche die wichtigen Korrekturen unternimmt.

Jonathan Franzen gelingt es, dieses gewaltige, epische Thema leicht und vor allem unterhaltsam zu erzählen. Denn das, was diese Familiengeschichte so besonders macht und die Hymnen, die bereits auf dieses Buch angestimmt wurden, mehr als rechtfertigt, ist, dass es dem Autor gelingt, seinen Roman auf zwei Ebenen funktionieren zu lassen: einerseits als interessante Beschreibung einer typisch amerikanischen Familie und deren Freuden und Missgeschicke, die gleichsam symbolisch für die amerikanische Gesellschaft stehen sollen. Andererseits ist “Die Korrekturen aber auch ein literarisches Experiment. Der Roman unternimmt den Versuch, das Konzept der ‚Korrektur‘ zu allen nur denkbaren menschlichen Lebensbereichen in Bezug zu stellen: der Erziehung durch die Eltern, der sozialen Prägung des konservativen Umfeldes, der unterdrückten Sexualität, der fortschreitenden Demenz Alfreds.

Franzen beobachtet seine schablonenhaften Figuren wie weiße Mäuse im Versuchslabor dabei, wie sie in ihrem Korrekturwahn wieder und wieder scheitern. Am Ende schließt der Autor das Experiment ab, indem er einfach das Licht löscht. So gesehen liefert Jonathan Franzen anhand von “Die Korrekturen” vor allem eins ab: Ein Plädoyer für die Allmacht des Autors.


Sascha Seiler



Jonathan Franzen: Die Korrekturen. Rowohlt, 780 S., 24,90¤.. ISBN: 3498020862

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