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Dienstag, 21. Mai 2013 | 20:55

Ingrid Hedström: Die toten Mädchen von Villette

29.05.2010

Die Nazis in Belgien

Ein düsteres Kapitel der belgisch-deutschen Vergangenheit bildet den Rahmen für Ingrid Hedströms Die toten Mädchen von Villette. Ob sie das in der Geschichtsstunde durchgenommen hat, versuchte sich JUDITH HAMMER beim Lesen zu erinnern.

 

Nach einem Prolog aus dem Kriegsjahr 1943 geht es direkt in die erzählerische Gegenwart, nach 1994. Zuerst wird ein Antiquitätensammler in Brüssel tot aufgefunden. Dann sind in Villette drei Mädchen auf dem Heimweg von der Johannisprozession, dem großen jährlichen Volksfest der Stadt. Diese Mädchen treten lebend nur kurz auf; im Rest des Romans spielen sie die toten Mädchen von Villette. Nach und nach zieht Ingrid Hedström die Verbindung der Verbrechen zum persönlichen Hintergrund der Figuren. Die Familie und Freunde der Ermittlungsrichterin Martine Poirot (!) steuern ihre Lebensgeschichten dazu bei, den Themen des Romans Gesichter zu verleihen: Die Kollaboration in Belgien und der Widerstand, Vergangenheitsbewältigung in der Familie, Lebensträume, Selbstjustiz und Kommunalpolitik.

 

Persönliche Motive, (re)konstruiert

Ingrid Hedström, die jahrelang für die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter als Korrespondentin in Belgien gearbeitet hat, präsentiert hier einen Einblick in die Geschichte des Landes für historisch interessierte deutsche Leser: Was war zur Nazizeit los in Belgien? Die Belgier sympathisierten, leisteten Widerstand und verrieten einander. Um die Morde aufzuklären, graben die Ermittler in den Archiven und rekonstruieren, das dauert natürlich seine Zeit und ist nichts für ungeduldige Leser. Die Autorin gibt auch Nebenfiguren Raum und entwirft anschauliche Charaktere, so, als ob sie für Fortsetzungen der Geschichte eingeplant wären: „Denise van Espen war verkleidet in eine kühle und korrekte Antiquitätenhändlerin, sagte aber mit ihren nicht zusammengehörenden Ohrringen und ihrer kaputten Jacke, dass es hinter der Fassade eine andere Person gab.“ 

 

Die Lösung des Falles liegt – schließlich handelt es sich um einen Serienmörder – in einer sexuell motivierten Gewaltfantasie. Deren Ursprung in der Kindheit des Mörders ist nachvollziehbar, aber was die späteren Morde angeht, muss der Leser der Psychologin Ingrid Hedström schon vertrauen, dass sich die Psyche eines Mörders auf solche Opfer einschießen kann.

 

Literarische Anker

Ingrid Hedström setzt vor ihr erstes Kapitel dieses Buches ein Zitat aus Die Thibaults von Nobelpreisträger Roger Martin du Gard. Dessen Familienepos wird beim ersten Opfer gefunden, und in der Auflösung erfährt der Leser, warum. Die Thibaults, manchmal mit den Buddenbrooks oder den Werken Tolstois verglichen, sind in Deutschland weniger bekannt als in Belgien oder Frankreich, sollen aber die Situation Frankreichs vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges anschaulich schildern. Ob deutsche Leser damit viel anzufangen wissen?

 

Ein weiterer literarischer Hinweis für Eingeweihte ist Villette selbst – Charlotte Brontë schrieb 1853 den gleichnamigen Roman nach ihrem Aufenthalt am Pensionat Heger in Brüssel. Angeblich war sie in Monsieur Heger, ihren Lehrer, unglücklich verliebt. Auf die Frage nach ihrem Lieblingsautor nannte Ingrid Hedström in einem Interview Emily und Charlotte Brontë.

 

Ingrid Hedströms erster Roman, Lärarinnan i Villette, erhielt 2008 den Debütantenpreis der Schwedischen Krimiakademie. Er liegt bisher nicht auf Deutsch vor – schade für die Figuren, die auf eine Serie angelegt sind, deshalb wohl auch das Personenregister am Ende des Buches. Der dritte Band in dieser Besetzung, mit dem deutschen Titel Die Gruben von Villette, soll Anfang 2011 erscheinen.

 

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