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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 21. August 2017 | 17:48

     

    Hakan Nesser: Der Tote vom Strand

    19.02.2004





    Thrill mit Tiefgang




     

    Eine junge Frau auf einer Reise in ihre Vergangenheit - eine Kriminalinspektorin auf der Suche nach einer jungen Frau - zwei Kinder, die beim Buddeln am Strand einen Fuß finden: Das und noch viel mehr sind die Zutaten zu einem neuen Krimi des Schweden Hakan Nesser. Und wieder einmal zeigt sich dessen Talent, Spannung und Thrill mit Tiefsinn und Beobachtungsgabe zu einem veritablen Sittengemälde anzureichern.

    Ein guter Krimi lebt von der Dynamik der Begegnung eines Früheren mit dem Zukünftigen. Etwas ist einst geschehen, das dafür sorgt, dass nun vor uns jemand tot danieder liegt. Fortan muss das polizeiliche Personal der Gegenwart herausfinden, was warum zu jener Tat führte, während seinerseits die Stunden, Tage und Wochen erfolglos verrinnen - mögen die Beamten auch noch so emsig Zeugenaussagen sammeln und miteinander abgleichen; mögen sie Kontobewegungen untersuchen oder immer wieder aufs Neue den Tathergang rekonstruieren: Stets ist es ist im doppelten Sinne ein Wettlauf mit der Zeit. Wird man es schaffen die Vergangenheit zu erhellen, bevor sich diese wieder vollständig in ihre dunkle Höhle zurück gezogen und ihr Geheimnis mit sich genommen hat?

    Das - wie gesagt - ist das Stilprinzip vieler Krimis, doch nur wenige Autoren riskieren so konsequent einen derart ausladenden Spagat wie der Schwede Hakan Nesser. Seine Fälle, die seine Helden zu klären haben, liegen meist locker zwanzig Jahre und mehr zurück. Entsprechend ist das Intro gestaltet: Etwa - ein Mann kommt nach Jahren aus dem Gefängnis und wird noch am Tag seiner Entlassung ermordet. Kann es sein, dass das, was damals geschehen ist, von heute aus betrachtet nun in einem ganz anderem Licht gesehen werden muss?

    Und damit ist man schon beim Kern des achten Bandes seiner auf zehn Bände konzipierten Van Veeteren-Reihe angelangt, der den Titel "Der Tote vom Strand" trägt. Wieder also taucht man ein in Nesser's seltsames Phantasiereich, das seine Landsleute liebevoll stirnrunzelnd "Nesserland" nennen; holländische und deutsche Orts- wie Personennamen wechseln sich ab, ohne dass man sich in den Niederlanden oder Deutschland befindet; mal wähnt man sich an der Nordseeküste, dann wieder an der polnischen Boddenküste oder im südschwedischen Skane; bezahlt wird stets in Gulden.

    Der Held ist diesmal eine Heldin: Ewa Moreno, bisher bekannt als hartnäckige, wenn auch sonst etwas zurück haltende Assistentin aus Van Veeterens Team. Nesser mixt ihre Vergangenheitssuche mit einem noch anderen Topi des Krimis: dem des Kriminalen, der eigentlich im Urlaub ist - als ob einer, der sein Leben dem Aufdecken von Schuld, Sühne, Rache und Vergebung gewidmet hat, je Urlaub oder auch nur Feierabend machen könnte. Moreno jedenfalls trifft auf ihrer Fahrt in ihren Urlaubsort irgendwo an der Küste auf ein junges, gerade achtzehn Jahre alt gewordenes Mädchen, die unterwegs in die Vergangenheit ist: Sie will ihren Vater besuchen. Nur hat dieser vor mehr als sechzehn Jahren seine Familie verlassen müssen und lebt seitdem als psychisch kranker Mörder in einem Pflegeheim.

    Zuerst verschwindet das Mädchen; dann der Vater. Doch das soll nicht das Einzige bleiben, was sich Morenos weniger neugierigem denn professionellem Blick und Gespür zu entziehen sucht. Ihr Urlaub ist zu Ende, bevor er überhaupt angefangen hat; und man ist in jenem Küstennest wenig angetan von ihren Ermittlungen, die zu ganz anderen Ergebnissen führen werden als man gewohnt ist; und auch sonst gerät Morenos Leben in andere, ungeplante Bahnen. Wir Leser nehmen dankbar ihr Angebot einer Zeitreise ins Nesserland an. Band neun und zehn werden folgen.

    Textauszug:

    "Winnie Maas musste sterben, weil sie ihre Pläne geändert hatte.
    Später meldeten sich auch Stimmen zu Wort, die behaupteten, sie habe sterben müssen, weil sie schön und dumm gewesen sei. Was anerkanntermaßen eine riskante Kombination ist.
    Oder weil sie zu gutgläubig war und sich den falschen Menschen anvertraute.
    Oder weil ihr Vater ein Mistkerl war, der die Familie bereits im Stich gelassen hatte, als Winnie noch ein Wickelkind war.
    Es war auch die Ansicht zu hören, Winnie Maas habe ein wenig zu kurze Kleider und ein wenig zu enge Blusen getragen und sei deshalb im Grunde an allem selber schuld.
    Keine dieser Erklärungen ließ sich wohl ganz und gar von der Hand weisen, aber der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte, war doch dieser: dass sie ihre Pläne geändert hatte.
    In der Sekunde, bevor sie auf den Boden auftraf und die erbarmungslose Stahlschiene ihren Schädel zerteilte, ging ihr das sogar selber auf."


    Frank Keil-Behrens



    Hakan Nesser: Der Tote vom Strand. Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs. BTB, 351 Seiten, 21,90 ¤. ISBN 3-442-75060-1

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