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Johanna Schwedes: Den Mond unterm Arm

03.10.2011

In glühenden Schuhen durch den Märchenwald

Als fern jeder Coolness stehender 40-jähriger Mann kann ich zugeben, was viele meiner Freunde in den Jahren zwischen weiterführender Schule und Vaterschaft zu verleugnen wussten: Ich liebe Märchen! Waren es als Kindergartenkind noch Das tapfere Schneiderlein, Jorinde und Joringel oder die Die Bremer Stadtmusikanten auf abgenudelter EUROPA-Schallplatte, so war es in späteren Jahren das Epos um die Familie Skywalker. Aber ob nun die Brüder Grimm oder George Lucas, Märchen beschwören in mir unweigerlich heimelige Erinnerungen an die Kindheit herauf: im Schlafanzug und mit Keksen im Bett, an den etwas spannenderen Stellen mit bis ans Kinn hochgezogener Bettdecke, während sich mein Wellensittich in seinem mit einem Tuch verhängten Käfig der Nacht entgegenbrammelte. Von STEFAN HEUER

 

Auch Gedichte können märchenhaft sein, und auch in dem 2010 beim jungen Verlag Reinecke & Voß erschienenen Gedichtband Den Mond unterm Arm von Johanna Schwedes taucht durchaus allerlei Märchenhaftes auf, vor allem im ersten, Lieg still, lieg still betitelten Kapitel – die Gedichte werden bevölkert von Hexen, Feen und Elfen, Elemente und Naturgewalten werden mit menschlichen Zügen ausgestattet (die bäume stehen neben sich / der Wind spuckt wirr die Blätter an // ...), erzählt wird in einer gewissen zeitlichen Weite, welche die Gedichte zu ausreichend epischem Atem kommen lässt.

 

Eine fantastische, vor Assoziationen sprudelnde Welt, in denen sich die 1979 geborene Autorin in ihren Texten bewegt – das beim x-ten Durchgang des Rotkäppchens automatisch ins Bett kriechende gute Gefühl will sich hier jedoch nicht einstellen, und schnell wird deutlich warum: Während die traditionellen Märchen in ihrer zumeist recht offen dargestellten/geschilderten Gewalt (aufgeschlitzte Bäuche, Verbrennen bei lebendigem Leibe, sich selbst in glühenden Schuhen zu Tode tanzen etc.) schnell für klare Verhältnisse bezüglich Gut und Böse sorgen, schwebt über den Gedichten von Johanna Schwedes eine okkulte Bedrohung, ein Schleier aus bösartigen Optionen. Ein nach Harmonie klingender Einstieg endet hier nicht zwangsläufig in eitel Sonnenschein, der rettende Prinz mit Schwert und Schild kommt nur selten blondgelockt um die Ecke geritten. Geschickt steigert Schwedes die Authentizität ihrer Gedichte, indem sie um globale Allgemeingültigkeit einen weiten Bogen macht und sie stattdessen mit einem ICH benennt, welches die Gefährdung gegenwärtiger und die Möglichkeit eines märchentypischen Happy Ends nahezu vergessen macht.

 

Das zweite, sechs Gedichte umfassende Kapitel Geht nach Hause, geht alle nach Haus, entfernt sich ein wenig von der primär inneren Landschaft und sucht real zu benennende Orte auf; oft Großstädte, mehrheitlich nachts.

 

 

Nachts

 

Ich treffe wen auf der Straße

der trägt den Mond unterm Arm

wie Weißbrot,

und macht einen guten Preis.

ich zögere, er dreht sich um

geht in den Park und füttert die Enten

 

(die Zeitangaben sind in MEZ, der Ortszeit für

Leipzig berechnet)

 

 

Schönes Bild, den Mond in Stücke zu reißen und an die Enten zu verfüttern. Überhaupt finden sich viele schöne, unverbrauchte Bilder, nur an einigen wenigen Stellen ist es arg pathetisch, etwa wenn ein verlorner Hund im Dämmer durch die Straßen streift – aber das ist die Ausnahme.

 

In den Gedichten des dritten und letzten Kapitels (Sucht nach glücklichem Enden) zelebriert Johanna Schwedes die von der Chronologie des Lebens bestimmte Ordnung der Dinge, den Abschied, ernste Blicke auf Gegenwart und Zukunft. In jedem Wort steckt Zweifel, ist das Misstrauen spürbar, eine zeitlose Mixtur aus dem No-Future-Slogan der englischen Punk-Bewegung und existenziellen Grundängsten. Taumelnde Blätter hängen an entblößten Ästen, dazu verglühende Knochen, alles um letztendlich in der Feststellung kein Weg und kein Entkommen zu münden. Perforierte Stellen an Handgelenken, das Elend auf Stationen. Abendlied II, ein über drei Buchseiten laufendes Gedicht, ist gezeichnet von sich zurechtrückenden Wänden, von hochgeschlagenen Kragen, von in Wipfeln hängenden Köpfen und kommender Dunkelheit.

 

Das Ende, das Sterben ansich – viele schieben diese Vorstellung, diesen Teil der menschlichen Existenz, möglichst weit von sich. Und ja: Justin Bieber hat bei Twitter mehr Follower als die meisten Bestattungsunternehmer. Schwedes ist sich der Bedeutung eines würdigen, zum jeweiligen Leben des Menschen passenden Endes bewusst. Die meisten Menschen würden laut Umfrage gerne friedlich im Schlaf sterben, einfach einschlafen und nicht mehr aufwachen. Nun ja, die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, und entsprechend individuell und happy ist das Happy End, mit dem dieser Band seine Leserschaft entlässt:

 

 

Happy End

 

der Trapeztänzer der

in den Sand schlug

der Manege den Mund weit aufgerissen

 

ein Blutfaden wand sich

über die Backenzähne die Zunge die aufgebissne

Lippe

 

es gibt diese Sucht nach

glücklichem Enden

 

 

Den Mond unterm Arm ist Johanna Schwedes' erster eigenständiger Gedichtband nach Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien – er lebt von seinem eigenen, authentischen Grundton, den sich die Autorin hoffentlich lange bewahren wird.

 

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