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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 18. August 2017 | 20:06

    Altmann / Helbig (Hg.): Es gibt eine andere Welt

    19.09.2011

    Vortreffliche Selbsteinschätzung

    Wer die lyrischen Neuerscheinungen ein wenig im Blick hat, der weiß, dass so ziemlich jedes Kalenderjahr mit zumindest einigen interessanten Anthologien aufwarten kann, und ja: Ich lese sie gerne. Neulich wurde ich von einem Journalisten gefragt, was ich denn lieber lesen würde, Anthologien oder Einzelbände – eine Frage, auf die ich keine wahrheitsgemäße Antwort geben konnte. Ich lese auch gerne Einzelbände, aber ob ich einen guten Einzelband einer guten Gedicht-Anthologie vorziehe, oder auch andersrum, kann ich nicht grundsätzlich sagen: frische Nordseekrabben vom Kutter oder Spargel-Quiche – gottseidank kann man ja auch beides genießen, eines nach dem anderen, je nach Tagesform, Lust und Laune. Von STEFAN HEUER

     

    Während ich Gedichtbände einzelner Autoren deshalb mag und gerne lese, weil sie oftmals einen / ihren eigenen Sound entwickeln, der mich bestenfalls von der ersten bis zur letzten Seite zieht, ist es gerade die Gegensätzlichkeit und Vielfältigkeit, die mich regelmäßig zu Anthologien greifen lässt.

    Glücklicherweise sind viele (die meisten?) Lyrikanthologien keine bloße Ansammlung beliebig zusammengewürfelter Gedichte, sondern unterstehen als Textsammlung einem Konzept des/der Herausgeber(s). Da gibt es die »junge« Lyrik (was sich ein wenig relativiert, wenn man sieht/liest, wie alt manch 20jähriger daherzukommen vermag), Lyrik von Frauen und Männern, von Emigranten, von Einarmigen, politische Lyrik, Lyrik aus Finnland, Lyrik aus Serbien. Manche Herausgeber verlassen sich auf den Kanon und die Zugkraft etablierter Namen, was dafür sorgt, dass manche Gedichte in 15 Sammlungen zu finden sind; wieder andere schließen diese modernen Klassiker von vornherein aus (was das Bild mindestens ebenso zu verzerren vermag wie eine Musik-Dokumentation über die 70er Jahre, die kein Wort über Bowie verliert). Mir persönlich kommen Anthologien mit thematischer Klammer entgegen, ohne Frage nach Generation und Geschlecht. Eine Anthologie mit Themenvorgabe, an der sich die vertretenen AutorInnen abarbeiten können, die mir einen breit gefächerten Einblick in ein bestimmtes Sujet zu bieten vermag.

     

    Andreas Altmann und Axel Helbig haben im Frühjahr 2011 im Buchprogramm des Leipziger Poetenladens mit Es gibt eine andere Welt eine Lyrikanthologie herausgegeben, die sie mit gleich zwei Untertiteln versehen haben: Neue Gedichte und Eine Anthologie aus Sachsen. Neu bedeutet hier, dass sämtliche enthaltenen Gedichte nach der Jahrhundertwende entstanden sind. Bei der Vorgabe aus Sachsen waren sie großzügig genug, nicht nur gebürtige Sachsen anzufragen und aufzunehmen, sondern auch Autorinnen und Autoren, die es dorthin verschlagen hat, die eine maßgebliche Zeit dort gelebt haben oder noch leben.

     

    Die Großzügigkeit, die sie walten ließen, hat sich ausgezahlt. Ausgezahlt hat sich vor allem aber auch die Vorgehensweise, nicht auf unveröffentlichte Gedichte zu bestehen, sondern die Dichterinnen und Dichter um ihre – nach eigener Auswahl subjektiv – besten Gedichte zu bitten. Die Qualität der hier versammelten Gedichte bezeugt die vortreffliche Selbsteinschätzung der Autorinnen und Autoren, potenziert durch die abschließende Auswahl durch Altmann und Helbig, deren einziges Kriterium die Güte der Texte war, was dazu geführt hat, dass manche Autoren mit einem, andere aber auch mit bis zu vier Gedichten vertreten sind (ein Ausreißer mit fünf).

     

    Es gibt eine andere Welt demonstriert in jeder Hinsicht Bandbreite, präsentiert 269 in 12 grob strukturierende Kapitel gefasste Gedichte von 132 Autorinnen und Autoren unterschiedlichster Couleur. Viel Neues gibt es für mich zu entdecken, neue Namen, starke erste Eindrücke. Und gleichzeitig Bekanntes, das sich wie ein altes Klassenfoto auf Augen und Hirn legt und Erinnerungen wachruft. Um einige Autoren kommt man bei einer Sachsen-Anthologie nicht herum, und warum auch, starke Texte haben einer Anthologie noch nie geschadet (und es ist ein viel natürlicheres Gefüge, als wenn man diese arrivierten Autoren weggelassen hätte, nur um individuell bzw. ›dagegen‹ zu sein).

     

    Zarte, von Liebe durchwirkte Gedichte, realistische und utopische, verklärende, harte, düstere, mit Verhängnis hadernde und von Hoffnung erfüllte Gedichte; religiös motivierte bzw. esoterisch angehauchte, ebenso atheistische, misanthropische Gedichte, changierend zwischen romantisch und anzüglich-frivol. Trotz thematischer Vielfalt lassen sich bei geneigter Suche einige Ballungsgebiete ausfindig machen. Das Naturgedicht gewinnt an Boden, gerne auch in Kombination mit der inneren Landschaft. Und Selbstverständlich sind bei einer ›Sachsen‹-Anthologie auch die spezifisch (ost-)deutschen Themen präsent, Kindheit und Jugend, der Mauerbau und die Teilung Deutschlands, der Sozialismus, FDJ und NVA, auch das MfS, die Wiedervereinigung, der persönliche Kampf im Schatten bzw. vor der Kulisse des Kampfes der Systeme.

     

    An dieser Stelle einzelne Autoren hervorzuheben und wie einen Solitär vor eine mehr als grüne Hecke zu stellen, scheint mit weder angebracht noch reell – diese Anthologie funktioniert in ihrer Gesamtheit, in ihrer Komposition; hier gewinnt, wie es im Sport so oft beschworen wird, das Team. Sicher, ein jeder Leser bringt den eigenen Geschmack ins Spiel, und subjektiv können nicht alle Gedichte das gleiche Gewicht auf die Waage bringen – wie sollten sie!? Vier oder fünf der Gedichte haben mir nicht gefallen, aber was fallen einige wenige Fehlpässe bei hochkarätigem Spiel, beinahe ununterbrochenem Ballbesitz und hohem Tempo schon ins Gewicht?! (Ehe nun wieder die Lyrikpolizei ihre Sturmhauben aus dem Mannschaftswagen holt und sich darüber echauffiert, wie ich es wagen kann, fünf Gedichte nicht so gut zu finden und keine Namen an die Wand zu sprühen: Ich unterlasse dies aus dem gleichen Grund, aus dem der akrobatische Hund seine Eier leckt!)

     

    Es gibt eine andere Welt ist eine Anthologie mit breiter Basis, profitierend von hervorragender Textauswahl, angenehmer Typographie und einem ebenso fachkundigen wie unaufgeregten Nachwort von Peter Geist. Sachsen – »ein Land der Dichter« (wie es in der editorischen Notiz heißt). Verlag und Kompetenz der Herausgeber hatten bei mir große Erwartungen geweckt. Es gibt eine andere Welt löst sie ohne Abstriche ein!

     

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