TITEL kulturmagazin
Montag, 27. März 2017 | 12:40

Nora Bossong: Sommer vor den Mauern

29.08.2011

Zu Tinte zerronnen

Nora Bossongs neuer Band Sommer vor den Mauern ist eine vielpolige, in verschiedenen Richtungen verankerte Angelegenheit. Von TOBIAS ROTH

 

Da sich nun schon geographische Metaphern eingeschlichen haben, sei der italienische Pol des Buches herausgegriffen. Dessen Doppelköpfigkeit besteht, wie man nach einigen Spaziergängen in dem dick kartonierten Band der Edition Lyrik Kabinett des Hauses Hanser bemerkt, in der Bezugnahme auf katholische und bukolische Orte und Räume, verschiedene Kirchen hier, »arbusta humilesque myricae« dort. Der duftende Sommer, die reiche italische Vegetation ist von den ersten Versen an präsent, die eine »Dantegegend« mit Tälern, Dörfern, Gärten öffnet. Ein Kapitel ist »Idyllen« überschrieben und lässt eher an Theokrit denken als an die Pastellfarben des Rokoko, ein anderes Kapitel ist »Arkadien« überschrieben (das aber entgegen des kulturhistorischen Gemeinplatzes nie die bevorzugte Landschaft der bukolischen Dichtung war). Andererseits ist bereits in den Titel die Kirche San Paolo fuori le Mura eingeschrieben, der Name Assisi fällt voller Bedeutungsschwere und mit all seiner religiösen Schwingung.

 

Gewiss ist das nur ein doppelter Faden in einem Gewebe, in dem es viele rote gibt, aber: von diesem Pol an stellen sich detektierbare Spannungen her. Bald bemerkt man, dass es hier trügerisch zugeht. Da wird »Arkadien« plötzlich von sintflutartigen Regengüssen heimgesucht, es tauchen Winterkleidung und Anoraks auf. Diese Irritation hält auch in den zärtlichen, versöhnlichen Versen durch, die das »Arkadien«-Kapitel beschließen: »Ihre Geste fast Kind und zwischen uns / eine so zarte Müdigkeit, wir sitzen plötzlich / hinter den Dingen, unvorstellbar, / dass nichts seine Richtung ändert.«

 

Trügerisch, nicht im Sinne einer Täuschung, aber im Sinne einer unklar-anziehenden Luftspiegelung, fügt sich auch der beigegebene, knappe Kommentar in das Geflecht des Bandes. Die unscheinbaren Lemmata breiten teils funkelnde Fundstücke aus, besonders aus der Geschichte all der Päpste, deren Portraits sich in San Paolo fuori le Mura aufreihen. Aber diese Anmerkungen ergeben nicht den eindeutigen Verweisungszusammenhang eins Stellenkommentars, sondern liefern die Informationen in einer weiteren Schwebe. Sie sind nicht auf Vereindeutigung gerichtet, und das macht sie reizvoll. Es entsteht ein Kontext, in dem man einigen Details über einige Päpste wie Benedikt IX, Pius IX oder Leo XIII erstaunlich sprungvolles Interesse entgegenbringt. Bringt der Kommentar so auch nicht unmittelbar Licht ins Dunkel, so doch Lichtpunkte und Sonnenflecken in die Augen, in und durch das Material. Man blättert wieder neu nach vorne in den Haupttext, ohne beruhigter zu sein – bessere Wirkungen können von Anmerkungen dieser Art kaum ausgehen.

 

Aus all diesen vatikanisch, südlich und von detaillierter Beobachtung des Menschlichen gesättigten Informationen und Zügen hat Nora Bossong ein feines und lichtes Gewebe gesponnen. Die Gedichte wirken auf ihrer Oberfläche anstrengungslos, weder verrätselt noch leicht. Oft steht man vor einem Rätsel, das lächelnd seine Konturen ausstellt, ohne dass man schlauer daraus würde. »Der Sommer verfing sich in den Kronen, / er kam nicht zu uns, das Jahr war zu kurz. / Wir lauschten dreiunddreißig Tage.«

 

Die bekannten Jahreszeitencodes, Zahlengestalten, Landstriche erweisen in diesem Band einmal mehr ihre Größe, indem sie das Neue, Unverstandene, Flimmernde hervorbringen können. Dazwischen blitzen immer wieder die Substruktionen auf, massiv wie in Assisi, über denen leicht die Verse aufgetragen werden. Es öffnen sich Schächte in die Orte des Buches, im Kontrast zum gleißenden Wetter der gerne so genannten wirklichen Welt: „In die Archive drang die Hitze nicht. / Wir saßen vor monströsen Folianten / und rechneten an der Welt herum / ?...? Die Worte tanzten auf unseren Blättern, / reihten sich neu und reimten sich.« Die sogenannte wirkliche Welt besteht, so lehrt es das eben zitierte Gedicht Zweihundertsechsundfünfzig Verse, wiederum zu einem Großteil aus dem Spiel der Buchstaben. Der leichte Tanz der Buchstaben, schwer zu verfolgen und in bunter Schwebe der Bilder, gerinnt hier zu einem Bild, in das sich die Spannungen des Bandes gut fassen lassen. Eine so sommerliche wie unterkellerte Atmosphäre, so weltlich wie klösterlich, so unmittelbar wie abgeriegelt: „O Dio, che sole! / rief einer der Brüder, während ihm Rhodos / unter den Fingern zu Tinte zerrann.«

 

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