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Mikael Vogel: Massenhaft Tiere

27.06.2011

Von Tieren und Menschen und Tieren im Menschen

Jahrtausendelang hat die Menschheit mit Tieren unter einem Himmel und unter einem Dach zusammen gelebt. Seit den Fortschritten der Industrialisierung und Automatisierung, die einhergingen mit dem dschungelhaften Wachstum der Städte, gerät diese intime Beziehung zwischen Mensch und Tier immer mehr in den Hintergrund. Von MATTHIAS FALLENSTEIN

 

Während die Menschheit massenhaft Fleisch verzehrt, geht den Tieren der Lebensraum verloren. In urbanen Umwelten scheinen sie nur noch als Spielzeug oder Ungeziefer zu existieren. Verborgen bleibt dem unbedarften Bürger das Elend der industrialisierten Landwirtschaft und Massentierhaltung. Massenhaft Tiere könnte ein Buch sein, das daran erinnert. Und zweifellos ist das Leiden der Tiere unter den Lebensbedingungen der modernen Industriegesellschaft in den hier versammelten Gedichten von Mikael Vogel schmerzhaft präsent.

 

Aber Mikael Vogel, der sich, wie heute wieder üblich, einen Dichter nennt, genügt es nicht, die Poesie an ein Thema, und sei es noch so wichtig, zu binden. Gedichte gleichen nicht den aktuellen Proklamationen der Umweltverbände, so viel Unterstützung diese auch verdienen: Sie haben einen anderen Grund und eine andere Funktion. Dieser poetologische Sachverhalt wird in den Gedichten Mikael Vogels eindringlich und kunstvoll vorgeführt. Dabei ist zu betonen, dass jedes dieser Gedichte eine klare und deutliche Aussage hat, die aus der Realität kommt und auf sie zurückzielt, so dass sie weder ins Unverbindliche der bloßen Form abgleiten noch dem Druck der Wirklichkeit nachgeben, sie sind weder l'art pour l'art noch Agitprop.

 

Gefährliche Doppelbödigkeit

Dies vorausgeschickt, wird man etwas vorsichtiger sein als der Verlag, von Tiergedichten zu sprechen. Denn so verstanden wäre die Sammlung schließlich doch einem inhaltlichen Thema verbunden. Jeder konzentrierte Blick in das Buch kann darüber belehren, dass dem nicht so ist. Tatsächlich befinden sich darin Tiergedichte im klassischen Sinne, z.B. sehr genaue und einfühlsame Beobachtungen aus dem Zoologischen Garten, gleich Rilkes berühmten Panthergedicht, nur noch gespannter und weniger aufwendig zur Sprache gebracht.

 

Natürlich spielt Massentierhaltung eine Rolle, sie ist so wenig artgerecht wie das Leben im Zoo, nur viel grausamer, und sie bedeutet, auch da sieht das Gedicht genau hin, zugleich Massentötung. Von singenden Vögeln und von der bitteren Winterkälte ist die Rede, wie könnte es anders sein, bei einem Dichter, der den Vogel im Namen trägt. Ein bevorzugtes Sujet ist das Leben der Katzen, doch nicht nur der niedlichen Hauskaterchen, sondern auch großer Raubkatzen, des Löwen zum Beispiel: Einst Herrscher in der Natur, irrt er nun staubbedeckt und ziellos in den Städten umher, niemand beachtet ihn, nicht einmal die Schlächter finden ein Interesse an dem prachtvollen und stolzen Tier. Ist hier auch vom Gedicht, dem von der Literaturkritik übergangenen Gebilde, die Rede?

 

Doch damit neigt sich das Tiergedicht, soweit es der intensiven Beobachtung der tierischen Natur gewidmet ist, hinüber zu einer anderen Gattung, wo das Tier zur Metapher wird; der Übergang ist fließend zu fabelähnlichen Gedichten, die aber nicht erzählen, sondern mit den Allegorien der Fabel ein bildhaftes Spiel treiben. Es ist, wenn im Gedicht von Tieren gesprochen wird, eben auch immer vom Menschen die Rede. Erst jetzt bemerkt man, dass, was man bislang in diesem Buch für typische Tiergedichte hielt, einen gefährlich doppelten Boden hatte. Aber immerhin ist der Zusammenhang von Tiergedicht und Fabel leicht nachvollziehbar. Und auch das heutige Gedicht hat allen Grund, sich moralisch zu positionieren. Der Sarkasmus, mit dem Mikael Vogel den Neokapitalismus unter Verwendung zahlreicher dem Tiergedicht und der Fabel entlehnter Bilder beschreibt, lässt sich mit großem Vergnügen rezipieren, es sei denn, man hätte sich für das Modell der gnadenlosen Konkurrenzgesellschaft politisch entschieden. Vogels Gedichte wählen nicht den einfachen Weg, sie haben Biss und wollen nicht jedem gefallen.

 

Mikael Vogel
© S.Fischer
Lizenz: CC-by-sa 3.0/de Mikael Vogel
© S.Fischer
Lizenz: CC-by-sa 3.0/de

Plötzliche Bewusstmachung

Und trotzdem handelt es sich um Gedichte, um Gebilde also, die in einer besonderen Weise mit der Sprache selbst beschäftigt sind, ihrem Eigenleben auf der Spur und tief verschworen. Wenn man in diesem Band einer Reihe von ganz außergewöhnlich starken und gleichwohl zarten Liebesgedichten begegnet, so hat man sich mit dem Dichter ganz offensichtlich vom Tiergedicht in allen möglichen thematisch bedingten Variationen weit entfernt. Dass sie dennoch in diesen Zusammenhang gehören, kann man nur bemerken, wenn man einer reizvollen und tiefgründigen Sprachbeobachtung des Dichters nachzugehen bereit ist.

 

Denn die Sprache bewahrt die vergessene und verlorene Zusammengehörigkeit von Mensch und Tier eigensinnig auf, indem sie, wenn die Namen von Tieren fallen, diese Namen in vielfältiger Weise auch zur Bezeichnung menschlicher Verhältnisse zu verwenden gestattet. Ist der Konflikt eine zwischenmenschliche Grundsituation, so hält die Sprache eine Vielzahl kaum noch metaphorischer Tiernamen als Schimpfwörter bereit: Schwein, Hund und Esel, auch dumme Kuh oder alte Ziege, werden die häufigsten sein und bilden jeweils eine typische Konfliktsituation ab. Bestialität ist angesagt, der Kanake mutiert unversehens zur Kakerlake, der Fremde und der Außenseiter zum Ungeziefer.

 

Aber auch zärtliche Beziehungen werden mit Tiernamen ausgedrückt, oft im Diminutiv: mein Häschen, mein Mäuschen, Ferkelchen, Zottelbär usw. Man kann nun sehr deutlich bemerken, dass das einigende Band der hier versammelten Gedichte nicht thematisch durch den beobachtenden Blick auf das Tier gegeben ist, sondern dass sie zusammenhängen, indem sie sich möglichen Variationen der Verwendung von Tiernamen in der Sprache zuordnen. Es scheint sich, so gesehen, um eine rein formalistische Zusammenstellung zu handeln. Aber dem ist nicht so.

 

In eindringlicher Beobachtung dessen, was die Sprache tut, wenn sie gesprochen wird, hat Mikael Vogel sie nämlich als das Haus entdeckt, in welchem Mensch und Tier immer noch so nahe beieinander wohnen, wie sie es immer getan haben. Seine Gedichte schöpfen aus dem Quell der Sprache diese intime, den Menschen einerseits peinliche, andrerseits aber ihr Wesen grundlegend bestimmende anthropologische Wahrheit hervor: dass Mensch und Tier sich nicht unterscheiden lassen, wenn man sie nicht aufeinander bezieht – eine Wahrheit, aufbewahrt im beinahe gedankenlosen Sprachgebrauch der alltäglichsten Art, jedoch, plötzlich bewusst gemacht, zutiefst erschreckend, bevor man sie auch als befreiend erkennen kann.

 

Im klassischen Tiergedicht ist ebenfalls stets vom Menschen die Rede, aber die Beziehung zwischen Mensch und Tier ist dort im Grunde allegorisch. Bei Mikael Vogel ist sie substanziell. Und so sitzt einem schon mit der Lektüre des Eröffnungsgedichts dieses Buches der Schreck im Nacken: Hier handelt es sich unüberhörbar um mich.

 

Arme Kakerlake

Prinzessin in der Scheiße

die du ausharrst in den Abwasserrohren, im Untergrund

Der Regierungswechsel wird nicht kommen

Die Atombombe derart verbessert daß auch du sie nicht mehr überlebst

 

Mikael Vogels Gedichte sind, bei aller durchgehaltenen Ernsthaftigkeit ihrer Diktion auch dort, wo ein bärbeißiger Humor zum Vorschein kommt, leichte, wenn auch nicht überall leicht zugängliche Gebilde. Sie gleichen Spinnennetzen, und wer sich in ihnen verfängt, den lassen sie nicht wieder los.

 

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