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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 24. Juni 2017 | 14:17

    Böke / Götterwind / Herbig / Hintzen: Wir kamen in Frieden

    20.06.2011

    Acht Fäuste für ein Halleluja

    Wer Anfang der 1990er Jahre in seiner Lieblingskneipe ein gepflegtes Bier trinken, im interkulturellen Treffpunkt die Lokalmatadoren im Kickern herausfordern oder sich in der Justizvollzugsanstalt seines Vertrauens ein paar ruhige Stunden machen wollte, dem konnte es passieren, dass diese Horte der Geselligkeit seit dem letzten Besuch ihr Gesicht verändert hatten. Von STEFAN HEUER

     

    Anlässlich eines in Berlin stattfindenden und mit dem romantischen Titel Töte den Affen versehenen Literaturfestivals hatten Thomas Nöske und Jörg A. Dahlmeyer mit Social Beat die Klammer um eine Literaturszene gelegt, welche sich sowohl thematisch als auch stilistisch an den US-amerikanischen Beat-Autoren, an modernen französischen Autoren, aber auch an deutschsprachigen Kapazitäten wie Fauser, Hübsch und (vor allem im CutUp-Bereich) Ploog orientierte und eine Alternative zum etablierten, sich elitär gebenden Literaturbetrieb darstellen sollte.

     

    Das Durchbrechen der Hochkultur durch den Einzug von handfesteren Texten in den Alltag; Lesungen in Kneipen und Knästen, Festivals wie die über Jahre hinweg als Gegenveranstaltung zur feinen »Buchlust« im Kulturzentrum FAUST zu Hannover abgehaltene »Buchfrust«, die neben Lesungen oftmals auch eine alternative Buchmesse und Konzerte zu bieten hatten. Eine Literatur fernab der Schreibkurse und Universitäten, fernab des stillen Kämmerleins und des benippten Wasserglases.

     

    Zeitschriften, Little Mags im Copy-Style, gefüllt mit Sex & Drugs & (oftmals auch) Rock’n’Roll, schossen wie spermatöse Pilze aus dem Boden. Baum und Traum, Herz und Schmerz hatten hier (zumindest als Reim) Sendepause bzw. Lokalverbot, der Ton war direkt und nicht selten sexuell aufgeladen, was bei dem einen ganz kuschelig, bei vielen anderen durchaus primitiv bzw. recht asozial rüberkam. Was die anderen können, Geschichten über Kneipen und Frauen, übers Arbeitsamt und Sex, über Fusel und Kotze schreiben, das kann ich auch – so dachten viele. Ein Trugschluss der dafür sorgte, dass viele Texte in der Nachahmung fremder Aggressivität stecken blieben wie der sprichwörtliche Karren im Dreck – einer der Gründe, warum die Bewegung nach und nach versandete und schließlich von der boomenden Slam Poetry-Fraktion aufgekauft wurde.

     

    Ni Gudix hat in ihrer Vorstellung des noch jungen Hard-mouth-Zines Maulhure, nachzulesen in der Sommerausgabe der Zeitschrift Die Brücke, eine treffliche Bestandsaufnahme geliefert: Die meisten SB-Zeitschriften (Härter, Cocksucker, Der Störer, ...) sind Geschichte, andere haben einen thematischen Relaunch vollzogen und sind »seriös« geworden. Viele der damaligen Protagonisten sind mittlerweile von der Bildfläche verschwunden, man liest und hört nichts mehr von ihnen, doch einige sind noch präsent und produktiv: Kersten Flenter etwa, Hartmuth Malorny, Jaromir Konecny, Thomas Schweisthal (der in seiner PO EM PRESS, leider fernab des breiten Medieninteresses, feinste Literatur verlegt), Jan Off, Roland Adelmann oder auch Henning Chadde, der als Kulturmanager und PR-Agent für Veranstaltungen wie den mit 1.200 Zuschauern ausverkauften Slam in der hannoverschen Oper verantwortlich zeichnet.

     

    Aber Humor!

    Ein weiterer »Überlebender«, der sich und seiner Literatur in all den Jahren treu geblieben ist und den Kontakt zu den Weggefährten gehalten hat, ist Urs Böke, Herausgeber des bereits erwähnten Zines Maulhure, der seit 1992 kontinuierlich Veröffentlichungen von (hauptsächlich) Lyrik in Fanzines, Zeitschriften, Anthologien und Tagespresse vorzuweisen hat. Nach mehreren Einzelbänden (zuletzt: Das Land gefährden im bereits erwähnten PO EM PRESS Verlag) erfährt er bei seiner aktuellen Buchveröffentlichung die Unterstützung von drei weiteren Autoren. Wir kamen in Frieden, 2010 im Songdog-Verlag Wien erschienen, kommt als literarisches Quartett daher und enthält neben denen von Böke auch Gedichte von Jörg Herbig, Markus Hintzen und Jerk Götterwind. Dabei scheinen sich hier genau die Richtigen gefunden zu haben, denn die Texte passen zusammen wie Stulle und Nutella.

     

    Urs Böke wird die Aufgabe zuteil, diesen Splitband zu eröffnen. Weder seine literarische noch seine geographische Heimat verleugnend, hat sich an seiner Schreibe im Laufe der Jahre erfreulich wenig geändert. Noch immer steht er an der Theke, noch immer die Erinnerungen an die Auswärtsspiele von Rot-Weiß Essen, an die Verflossenen, an die Nachmittage auf dem Fußballplatz, der Tod in wechselnden Facetten, aber immer mit dem gleichen hässlichen Gesicht. Ich muss zugeben, dass ich die ersten Gedichte von Urs Böke, auf die ich 1994 aufmerksam wurde, allesamt wieder und wieder lesen musste, um erst dann die Zartheit zu entdecken, die ihnen innewohnt. Seine Sympathie für die Außenseiter, die seiner Schutzlosigkeit vor dem Gefühl geschuldete Verletzlichkeit: Keine Welten die ich dir geben kann / selbst der eigene Ort überfordert total.

     

    Von Jörg Herbig, wie Böke 1975 geboren, hatte ich bis dato noch nichts gelesen. Herbigs Gedichte sind auf Vers gebrochene Prosa, die ungekünstelt daherkommt. Auch er hält Rückschau auf Kindheit und Jugend (... / Später im Laufe des Tages stach mir / eine Packung Big Red-Kaugummis / ins Auge, und das Zimt-Aroma, das / sich beim Kauen auf meiner Zunge / ausbreitete, erinnerte mich augenblicklich / an meine Schulzeit, an alte Freunde, an / die großen Pausen und an Kristina, aber / auch an meinen gebrochenen Arm, als / wir gerade den Nationalsozialismus in / Geschichte durchnahmen und unser / Lehrer im Unterricht meinte, dass sich / zu seiner Zeit keiner hätte den Arm / brechen dürfen), auch er ist kritisch mit Staat und bürgerlichen Konventionen. Herbig gestattet sich eine üppige Portion Sentimentalität, schreibt von Beziehungen, von Liebe bis zur Selbstaufgabe, doch selbst damit schafft er es nicht, seine Gedichte kitschig oder verzärtelt erscheinen zu lassen.

     

    Auch die Gedichte von Markus Hintzen bewegen sich eher prosaisch vorwärts, Antriebsfeder scheint einheitlich ein alles überlagerndes Hassgefühl zu sein, mit dem der Autor seiner Umwelt, der Gesellschaft und auch der eigenen Person begegnet. Trotzig-naiv kommt es daher, wenn er seine Texte mit Ich will euch und eure scheiss / Welt nicht und ich habe sie nie / gewollt oder Zur Zeit habe ich auf nichts Lust. / Nein, schlimmer, auf einige Sachen / hätte ich durchaus Lust, doch ich / kann mich nicht motivieren sie / anzugehen eröffnet. Nichts gegen Hass, Ablehnung, Trostlosigkeit, Aggression oder Resignation, allesamt durchaus Befindlichkeiten, die ich nachvollziehen kann, aber mit diesen Gedichten werde ich auch unter Aufbietung meines negativsten Denkens nicht warm. Sein disintegrierender Grundtenor mag ihm bei der Mitwirkung in den Punkbands DISANTHROPE und ATTENTAT in die Karten spielen – hier tut er es leider nicht.

     

    Mit Jerk Götterwind schließt ein Autor dieses Buch, der wie Böke bereits so einigen Pferden des literarischen Untergrunds die Sporen gegeben hat. Götterwind, Herausgeber verschiedener Fanzines und Anthologien, Bullterrier-Freund, Sänger, Übersetzer (Jack Black: Der große Ausbruch aus Folsom Prison, gemeinsam mit Axel Monte), etliche Einzelbände mit Gedichten und Kurzgeschichten, erzählt von Nächten mit künstlichem Licht, von Lesungen, der Entjungferung seiner Ohren durch Motörhead (Und als ich das Cover sah / Hatte ich nur den Wunsch / Eines Tages auch so / Unfassbar hässlich zu werden / Wie diese Männer), von einem von der 4. RAF-Generation träumenden Freund, vom Besuch einer Glaubensgemeinschaft und wie er die ungebetenen Besucher los wurde ... Auch in Götterwinds Gedichten schlägt eine sentimentale Rückschau zu Buche, die Erinnerung an die Gier nach Abenteuer, an um die Ohren geschlagene Nächte, an Inter-Rail und einen dubiosen Unfall beim Holzhacken, der ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Trotz größtenteils derber Thematik ist bei Götterwind immer Humor im Spiel – vielleicht Galgenhumor, aber Humor!

     

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