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Lutz Steinbrück: Blickdicht

25.04.2011

»der Klang der irren Worte / die in Fetzen den Bürgersteig hinabwehen«

2008 hat Lutz Steinbrück, Jahrgang 1972, sein Debut Fluchtpunkt:Perspektiven im Berliner Lunardi Verlag vorgelegt. Unter diesem sehr optischen, gar malerischen Titel zog Steinbrück das globale, sozioökonomische Geschehen auf den Blickpunkt großstädtischer, flüchtiger Anblicke. Diese Dynamik und Zusammenschau liegt auch seinem nun erschienen zweiten Lyrikband zugrunde. Die optischen Vorzeichen des Titels haben sich jedoch umgekehrt: Steinbrücks im Berliner Verlagshaus J.Frank erschienenes Buch ist mit dem Wort Blickdicht überschrieben. Von TOBIAS ROTH

 

Der im Layout schlichte und äußerst elegante Band, versehen mit einigen gegenständlichen Illustrationen von Sina Möhring, trägt deutlich Steinbrücks Handschrift. Ebenso unverkennbar aber ist eine Weiterentwicklung der Bildsprache: sie ist schärfer, zugleich sperriger und surrealer geworden. Weiterhin aber handelt es sich, aller surreal angehauchten Bildsprache zum Trotz, im eigentlich Sinne um politische Lyrik: Gedichte, die große soziale und ökonomische Zusammenhänge in den Blick nehmen, die Hierarchien nachverfolgen und im Spiel der Meinungen und Gesten, die in dieses große Wurzelwerk verflochten sind, Position beziehen. Besonders deutlich wird das im ersten der drei Kapitel, Statements überschrieben. Verzerrte, verfremdete Standortsbestimmungen in Rollengedichten arbeiten sich hier an Schlagworten und an Schlagwortketten ab. Schlagwortketten, die sich oft genug ineinander verfilzen und aneinander den verbalen Irrsinn diagnostizieren – mit dem bitteren Nachgeschmack, dass gerade an diesem ökonomischen und politischen Vokabular oft genug die Wirklichkeit kondensiert. Deren Tau und Sprühregen kennt jeder.

 

Die Spannweite reicht vom brachialen Kolonialwarengedicht (Vegetarier sind schlecht / für die Fleisch-Industrie, die / werden niemals Exportweltmeister) über die virtuellen Welten in Computerspielen, Second Lifes oder Tourismen bis hin zum Einbruch des Kalküls in feinere zwischenmenschliche Beziehungen, wie sie das Schlusskapitel Beziehungsweisen kennzeichnen.

 

Das Gedicht leicht gesagt, das den Band eröffnet, fasst es wie folgt zusammen: der Klang der irren Worte / die in Fetzen den Bürgersteig hinab- / wehen in Rätseln. Und neben diesen Rätseln, in denen sich Alltäglichkeit und Wirklichkeit verhaken, denkt man immer wieder an Thomas Bernhards Wort, dass die Zeitungen mehr Wirklichkeit enthalten als die Wirklichkeit. Diese bedrohliche Lückenlosigkeit scheint immer wieder als das Gegenüber der Gedichte auf. Blickdicht ist in diesem Sinne eher konkret als grundsätzlich, mehr Finger als Wunde, mehr Name statt Geste, und nicht zuletzt: aktuell. Ein lyrisches Ich spricht sich als Erblast gar ein »Sarrazin-Gen« zu (Es bleibt dringend zu hoffen, dass diese Anspielung schon in naher Zukunft niemand mehr versteht, der nicht im Kommentar nachschlägt). Gegenwärtiges, alltägliches Vokabular wird bei Steinbrück in die montierte und montierende Syntax moderner Lyrik eingespeist, und Wörter wie Wirtschaft, Generation, Flachbildschirm, Datenpool oder Bratwurst werden zu einer grotesken Ahnengalerie zeitgenössischen Lebensgefühls.

 

Richtige Lyrik im Falschen

In der Auswahl und Hängung dieser Galerie wird auch die Position deutlich, die diese Gedichte politisch beziehen: Sie wird im Negativen vor allem der Rollengedichte sichtbar, bleibt aber strikt. Was der Band einfordert, ließe sich vielleicht als Integrität der Person, als Trennung ökonomischer und privater Persönlichkeitsanteile umreißen. Die Kritik an Gier und Egoismus lässt am Horizont den Raum für das erhoffte Unverkäufliche offen, ohne dass es benannt werden würde (Vielleicht noch am ehesten im zartesten Gedicht des Bandes, Begegnung, der auch hier sich kühlend zwischen die Sinnlichkeit und den Ausdruck stellenden Reflexion zum Trotz). Nicht zuletzt stehen Ausbeutung und die sie bemäntelnde Heuchelei nebeneinander am Pranger.

 

Dieser philanthropischen Position ist wenig entgegenzusetzen. Und gerade deshalb ist der Umweg, auf dem Steinbrück formuliert und gestaltet, so wertvoll, ja nötig. Die Gedichte werden nicht zu schlüssig, zu eindeutig, zu moralisch. Der Körper dieser Lyrik bleibt rätselhaft, offen, nicht auszurechnen ohne irrationale, spontane Regungen. Der inhaltliche Tenor dagegen bleibt klar.

 

Hervorzuheben ist die Kraft des einzelnen Bildes, das Steinbrück oftmals findet. Die Dichte des concetto, wenn beispielsweise im Gedicht Sei versichert plötzlich kein Gletscher lila kalbt, nachdem die Assoziation durch die Nennung einer »heiligen Kuh« vorbereitet wurde, ist bemerkenswert, und es ist eine Freude, sie zu bedenken und zu verfolgen. Vom Rückzug der Eismassen aus den großen Schalen der Gebirge bis zur Milchschokolade nebst Werbekuh und zur Eventisierung des Zerfalls ziehen sich unabsehbare Fäden aus diesem Vers. Aber es ist nicht nur das aparte Sprachmaterial, das hier besticht. Ein Blick wird hier auf die Insektennadel gespießt und ausgestellt, ein Blick, der von mediensatter Zeitgenossenschaft so kaputt ist, dass der Gletscher ihm gegenüber nie mehr Landschaft sein kann. Hier sind Augen blickdicht geworden: was sich ihnen nähert, prallt vom Glas einer Bildröhre ab.

 

Die Gedichte in Blickdicht drehen in solchen Momenten durch, rotieren gleichsam auf der Stelle und verleihen recht ernsten Scherzen nicht selten den Grundgestus einer todtraurigen Clownerie, in der man sich findet oder verfängt. Die Zusammenhänge, die hier beschrieben werden, geraten zu einem verbalen Treibsand, dem gegenüber die Zopfzeit der rettenden List längst vorbei ist. Vielleicht kann es doch richtige Lyrik im Falschen geben.

 

 

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