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Donnerstag, 30. März 2017 | 00:58

René Steininger: tremolando

07.03.2011

Eine weitere geglückte Partitur

Zu René Steiningers neuem Lyrik-und Erzählband tremolando. Von DAGMAR KOSTALOVA

 

René Steiningers zweiter Textband, ist ein filigranes Stück poetischer Weltbetrachtung. Der »Gewinn, irgendwo anders zu sein«, den er von Regina Ullmann als Motto übernommen und seiner Arbeit voranstellt hat, zeichnet in erster Linie ihn selbst als einen im schönsten Sinne besessenen Wanderer aus, der auf seinen Reisen zum untrüglichen Zeitdiagnostiker wird. Der wörtlich »unterwegs« zur Welt Gekommene (geboren 1970 in einem Pariser Taxi) bleibt seinem Ort »dazwischen« auch in seinen Gedichten stets produktiv verhaftet. Mit geschultem Auge und viel Talent für intensive Situativität durchläuft er darin in sparsamst hingeworfenen Zeilen die kleinen und doch gedanklich großen Odysseen von heute. Von Marrakesch über Wien nach Lettland geht der poetische Wanderweg, von Serbien über Slowakei nach Mexico und New York.

 

Steininger ist kein explizit politischer Autor, eher einer, der das unterschwellige Engagement seiner Bilder und Assoziationen aus den meisterhaft poetisch zugespitzten, bissig melancholischen Reflexionen über zivilisatorische Verfehlungen, historische und Kulturbrüche, über menschliches Leid oder die bedrohten Heilkräfte der Natur implizit hervorklingen lässt. Eingehüllt dies alles in eine wohltuend asketische Sprache, einfallsreiche Pointen und verzaubernde Magie des jeweiligen Augenblicks. Man fühlt sich beinahe genötigt zu behaupten, so vielsagend durch die Welt zu reisen mit so wenig Worten im Gepäck, ist heutzutage allein gerechtfertigt angesichts der zunehmenden ökologischen Misere.

 

 Während man sich als Leser und Kritiker seit Jahrzehnten mit der Frage plagt, wohin der Sinn von all den geschwätzigen Büchern versickert ist, die jeden Tag neu dazu kommen, wirkt die Lektüre von Texten, wie in diesem Fall, geradezu beglückend. Von Christa Wolf stammen die Worte: »Wie schwer ... würde es sein, von dieser Erde Abschied zu nehmen.« Es würde nicht nur, gehörte hier hinzugefügt, es wird für uns tatsächlich zunehmend schwer, von der Erde (auch von Literatur), wie sie vor zwanzig, dreißig Jahren noch war, Abschied zu nehmen. Dieser Tendenz entgegengesetzt schafft es Steininger – apodiktischer in seinen Gedichten als in der thematisch vielfältigen, nicht weniger kritischen und auch sprachlich erfinderischen Prosa -, uns die im Menschengedenken aufgehobene Erdenwelt, wie sie einst war, ist und auch zu entarten droht, in einem kunstvoll gewobenen Sprachnetz synchroner und diachroner Blickwinkel vor Augen zu führen. Mit einer gedanklichen und poetischen Anmut, die ästhetischen Anspruch und ethischen Ernst gekonnt zusammenzuführen vermag.

 

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