Eine der Trüffeln der letzten Leseheft-Rutsche: die 1959 im schweizerischen Winterthur geborene Marianne Rieter, bei deren Gedichtband Fortsetzung folgt es sich, wenn man fehlenden entgegensprechenden Angaben in Heft und Internet glauben mag, um die erste eigenständige Veröffentlichung handelt. In leisen Tönen kommen ihre Gedichte daher, unprätentiös, viele von ihnen scheinen auf den ersten Blick unbeschwerte Skizzen aus Alltag und Urlaub und Kindheit zu sein. Doch der erste Eindruck täuscht, und schnell wird die wie ein Damoklesschwert über den Zeilen schwebende Skepsis deutlich. Selbst bei bestem Wetter ist der Regen allgegenwärtig, liegt eine Bedrohung durch Veränderung in der Luft:
wirklichkeit VI
... and heaven stood still. // Willy De Ville
blaufedrige tage
nistmaterial in den schnäbeln
als wären wir barfuss und kinder
ritzen dornen die haut
der himmel steht still
eine katze geht übers dach
bis zum sommer wird einer
von uns beiden wissen was zu tun ist
Marianne Rieter bringt ihre Vergangenheit in Bewegung, selbst ausgesprochen statisch angelegte Momentaufnahmen werden lebendig und miterlebbar. Aber auch der mit aus dem Ausguss blickenden Fischaugen endende Angelausflug mit dem Vater, die sonntäglichen Ausfahrten mit der gesamten Familie, das Füttern der Enten, die oberschenkel eines deutlichen linksträgers ohne belang – kleine, große, vor allem aber wohl wichtige Momente, die unter schlichten Titeln wie episode II oder die wörter und in einer Sprachfarbe dargeboten werden, die mir als in der Nähe von Hannover lebendem Norddeutschen leider zu selten begegnet; dieses wunderbar puppenhaft anmutende Schweizerisch, in dem aus einem Strohhalm ein Röhrli wird ...
Fortsetzung folgt – das freut mich, und das würde mich freuen!
