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Donnerstag, 30. März 2017 | 00:57

Marianne Rieter: Fortsetzung folgt

28.02.2011

Das Damoklesschwert im Chuchichäschtli

Marianne Rieters Lyrik-Debüt in leisen Tönen. Besprochen von STEFAN HEUER

 

Umso öfter und eingehender ich mich mit der Lyrik beschäftige, desto deutlicher wird mir, welche Funktionen sie in meinem von Zeitplan und ständiger Geräuschkulisse geprägten Alltag einzunehmen bereit und in der Lage ist. So ist sie nicht nur ein zwischen Ausschuss-Sitzung und Hausaufgabenkontrolle angesiedelter Ruhepol in Fünfminutengestalt, sie ist auch Fluchtmöglichkeit in andere (Gedanken-)Welten. Unendliche Weiten, auch ohne dass es in den Gedichten um ferne Galaxien und unbekannte Lebensformen gehen muss. Und letztendlich befriedigt die Lyriklektüre natürlich auch meine Natur als Jäger und (vor allem) Sammler, denn wo sonst ließen sich zwischen zwei Buchdeckeln so viele Assoziationen, Verknüpfungen und Wortneuschöpfungen finden wie in einem Gedichtband – was sonst könnte so ausdauernd widerhallen wie ein Gedicht?

 

Neues gilt es zu entdecken, neue Wörter, neue Zusammenhänge. Jede Woche eine neue Welt – die findet man als kulturell interessierter Leser nicht nur bei Tchibo, sondern vor allem bei Online-Magazinen wie dem Poetenladen, satt.org, dem Titelmagazin, dem Cineastentreff oder Fixpoetry, um nur einige zu nennen.

 

Fixpoetry, das im September 2008 im Internet an den Start ging, hat sich zwischenzeitlich zu einem Lyrikzentrum mit tagtäglicher (Gedicht des Tages) bzw. wöchentlicher (als Newsletter zu abonnierender Poetryletter mit illustriertem Gedicht, Autoren- und Künstlerporträts, Rezensionen, Interviews und Essays) Aktualisierung und angeschlossenem Verlag gemausert. 28 Bände der in Schulheftoptik erscheinenden Fixpoetry-Lesehefte liegen bis zum heutigen Tage (Mitte Februar 2011) vor; eine Reihe, die sich sowohl auf eine thematische, als auch stilistische Vielfalt, verbunden mit hoher Anspruchshaltung, berufen kann. Kein einziger Ausreißer ist in der Reihe zu finden, kein Band, den man auf einer guten alten LP als Füller empfinden würde, keine Verlegenheitsveröffentlichung – und warum auch, denn interessante und vor allem veröffentlichungswürdige Lyrikerinnen und Lyriker gibt es auch fernab der großen Publikumsverlage (gerade dort!), und Verlegerin Julietta Fix und ihr Team haben da ein erstaunliches Gespür.

 

Eine der Trüffeln der letzten Leseheft-Rutsche: die 1959 im schweizerischen Winterthur geborene Marianne Rieter, bei deren Gedichtband Fortsetzung folgt es sich, wenn man fehlenden entgegensprechenden Angaben in Heft und Internet glauben mag, um die erste eigenständige Veröffentlichung handelt. In leisen Tönen kommen ihre Gedichte daher, unprätentiös, viele von ihnen scheinen auf den ersten Blick unbeschwerte Skizzen aus Alltag und Urlaub und Kindheit zu sein. Doch der erste Eindruck täuscht, und schnell wird die wie ein Damoklesschwert über den Zeilen schwebende Skepsis deutlich. Selbst bei bestem Wetter ist der Regen allgegenwärtig, liegt eine Bedrohung durch Veränderung in der Luft:

 

wirklichkeit VI

 

... and heaven stood still.   //   Willy De Ville

 

blaufedrige tage

nistmaterial in den schnäbeln

als wären wir barfuss und kinder

ritzen dornen die haut

 

der himmel steht still

eine katze geht übers dach

bis zum sommer wird einer

von uns beiden wissen was zu tun ist

 

Marianne Rieter bringt ihre Vergangenheit in Bewegung, selbst ausgesprochen statisch angelegte Momentaufnahmen werden lebendig und miterlebbar. Aber auch der mit aus dem Ausguss blickenden Fischaugen endende Angelausflug mit dem Vater, die sonntäglichen Ausfahrten mit der gesamten Familie, das Füttern der Enten, die oberschenkel eines deutlichen linksträgers ohne belang – kleine, große, vor allem aber wohl wichtige Momente, die unter schlichten Titeln wie episode II oder die wörter und in einer Sprachfarbe dargeboten werden, die mir als in der Nähe von Hannover lebendem Norddeutschen leider zu selten begegnet; dieses wunderbar puppenhaft anmutende Schweizerisch, in dem aus einem Strohhalm ein Röhrli wird ...

 

Fortsetzung folgt – das freut mich, und das würde mich freuen!

 

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