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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 26. Mai 2017 | 09:16

    Christoph Wenzel: tagebrüche

    29.11.2010

    Technik, Botanik und das Gefühl für die Vergänglichkeit

    Christoph Wenzels neue Lyrik: Parallel zur Konkretisierung und Prosaisierung das Bewahren wichtiger Konstanten: stimmige, sensible Bilder und vor allem - in tagebrüche findet der Leser geistige Bewegungsfreiheit, verspricht STEFAN HEUER.

     

    Kürzlich scrollte ich mich durch die Meldungen der Lyrikzeitung und entdeckte Auszüge aus einem Artikel aus der ZEIT zur zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrik, wiedergegeben und gewohnt leidenschaftlich kommentiert von Michael Gratz. Ausgangspunkt war der neue Band von Ann Cotten, überschwänglich gelobt und von allgemeinen Auslassungen zur jüngeren Dichtergeneration, der angeblichen temporären Allmächtigkeit eines Robert Gernhardts sowie den "in der Bastelecke sitzenden Experimentellen" flankiert. Gratz setzte andere Namen dagegen, hinterfragte am Beispiel von Kookbooks das Verhalten einiger Großkritiker, den Trend nicht aufzuspüren, sondern ihn selbst zu erschaffen und machte sich bitter lustig über die superlativistische, keinen Widerspruch duldende Art und Weise, mit der die ZEIT Ann Cotten zur modernen Jeanne d’Arc ausruft.

     

    Ach ja, ich habe den ZEIT-Artikel nicht zur Gänze gelesen, und vielleicht sollte man Milde walten lassen, mehrere Augen zudrücken und es begrüßen, dass eine Zeitung überhaupt Zeilen für die Lyrik opfert, die man auch mit einer Glosse oder einem Was-geschah-vor-20-Jahren-Kasten füllen könnte – aber wahrscheinlich hat Michael Gratz recht und es stünde einem renommierten Medium weitaus besser zu Gesicht, die eigenen Fühler auszustrecken, eigene Perlen zu erspüren, anstatt durch Einstimmen einen Kanon zu initiieren, in dem die Individualität verschütt geht. Nichts wäre dagegen einzuwenden, wenn einmal ein Lyriker ohne Feuilleton-Abo in den Genuss einer ausführlicheren Besprechung käme (zumal der Suhrkamp-Verlag durch die Verleihung des Nobelpreises an Mario Vargas Llosa momentan ohnehin genug – verdiente – positive Schlagzeilen bekommt): Adrian Kasnitz oder Frank Milautzcki zum Beispiel, oder warum nicht Christoph Wenzel. Letzterer hat vor kurzem mit "tagebrüche" seinen zweiten Lyrikband veröffentlicht (nach "zeit aus der karte", Rimbaud).

     

    An Schärfe gewonnen

    Gänzlich unprätentiös kann darauf verzichtet werden, den 1979 geborenen Christoph Wenzel als Heilsbringer, Speerspitze eines neuen Realismus oder Sprachrohr einer Generation auszurufen – ihn als guten, bild- und wortreichen Lyriker zu bezeichnen, trifft es präzise und reicht voll aus. Mit seinem zweiten Gedichtband hat er sich Zeit gelassen, und es hat der Auswahl, der Dichte des Bandes, gut getan. Waren die Gedichte seines Debüts im Jahre 2005 noch fragmentarischer, mit weicheren Rändern ausgestattet und dazu angetan, den Leser in vielfältige Assoziationen zu entlassen, so hat Wenzels Lyrik in den neueren Texten an Schärfe gewonnen, an Präzision zugelegt und ein konturierteres Bild der Botschaft geschaffen.

     

    Seine Gedichte sind zu kleinen, feinen Gebilden geworden, die sich komplex einer Thematik annehmen und sich an ihr abarbeiten; konsequent und mit Seitenwänden, aber ohne einzuengen. "das ausbrechende jahr", erstes von 5 Kapiteln, ist spätem Winter und Frühling gewidmet. Aufbruchstimmung trifft auf Schilderungen aus der Natur samt dazugehörigen Wetterphänomenen; Wenzel versucht und gelingt dabei die Kombination der dieser Jahreszeit zugeschriebenen Gefühlswelt, konkreter Meteorologie und Medienlandschaft (vom Biowetter in der Zeitung bis zur Berichterstattung über Sturmtief Kyrill im Januar 2007) sowie der Botanik (NACHTKERZE: ein botanisches uhrwerk und / die pünktliche entzündung der blüten: natürlich).

     

    Wenzeltypische Techniken

     

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