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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. Juli 2017 | 16:15

    R. Bossert: Ich steh auf den Treppen des Winds / H. Samson: Und wenn du willst, vergiss

    09.11.2010

    Ich steh auf den Treppen des Winds (Und wenn du willst, vergiss)

    Gedichte

    : satte Piranhas küssen die blauen Nachtigall-Fi­sche

    am tollsten Kadaver der Ideologien

    Rolf Bossert

     

    Von THEO BREUER

     

    Ich fiebre Rolf Bosserts gesam­melten Gedichten in Ich steh auf den Treppen des Winds entgegen, die Ger­hardt Csejka 2006 herausgab und die der Postbote zu­sammen mit ei­nem Brief Hans Benders über­reicht. Rolf Bossert (1952–1986), von dem Name und ein­zelne Ge­dichte (gele­sen, beispielsweise, in Der Große Conrady und Hans Benders Was sind das für Zeiten) mir seit Jahren geläufig sind, dem ich aber bis heute, wie, beispiels­weise, auch Horst Sam­son oder William To­tok, nicht die Auf­merk­samkeit schenkte wie anderen rumänendeut­schen Dichtern, die seit Jahr­zehn­ten in Deutschland leben: Klaus Hensel · Franz Hodjak · Johann Lippet · Georg Mau­rer · Herta Müller · Oskar Pastior · Carmen Elisa­beth Puchianu · Dieter Schlesak · Klaus F. Schneider · Werner Söll­ner · Er­nest Wichner · Ri­chard Wagner, deren Gedichtbücher und Romane mich seit vielen Jah­ren begleiten.

     

    Ich entferne den Schutzumschlag, lege ihn in den dafür umfunktionierten, fast vollen Schuh­karton, in dem ich die Umschläge sammle, denke an Herta Müllers lyrischen, mich in den Träumen der Frühmorgenstunden verfolgenden Roman Der Fuchs war damals schon der Jä­ger: An der Ecke, an der dicken rostigen Drahtrolle, kriecht eine Rostschliere über den Weg, höre die Echos der Böller und Kra­cher, die mir noch aus der Nacht in den Oh­ren dröhnen, als ich, bei herabgelassenen Rolläden im Wohn­zimmer sitze und die letzten Seiten von Paul Austers Roman Invisible le­se.

     

    Weihnachten 1973 und Weihnachten 1984 sind die Titel der Gedichte von Rolf Bos­sert auf den Seiten 11 und 244, die unmittelbar Erinnerungen wachrufen an den vierten Ad­vent am 20. De­zember 2009 in der 1260 er­bau­ten Pfarrkirche von Bürve­nich (wo ich an Karfreitag 1956 gebo­ren wurde), in der ich gemeinsam mit der Bür­venicher A-cappella-Gruppe einen Lieder-Lyrik-Abend gestaltete, bei dem die rund zweihundert an­wesen­den Men­schen, in die­sem über die Jahrhunderte von Cho­ral, Gebet, Gesang, Litanei, Orgelspiel und Psalm durchwobenen Re­sonanz­raum gleich­sam zu einer Gestalt ver­schmel­zend, Ge­dicht- und Liedgut aus tausend Jahren er­lebten: Und es schweifen leise Schauer / Wetterleuchtend durch die Brust.

     

    Andreas Altmann mit Das zweite Meer (brillant, wie Altmann mir durch die Hinzu­fü­gung eines einzigen Buchstabens über den längst zum Klischee erstarrten Topos hin­aus zum wei­ten, weiten Blick verhilft) und Michael Basse mit skype connected (wir lesen mitunter sogar gedichte), beide in der merkwürdigen Zeit ›zwischen den Jah­ren‹ gelesen, zeigen, daß die Lyrik 2010 ein­drucksvoll weitermacht. Meine tieferge­henden Gedanken und Empfin­dungen bleiben bei Rolf Bossert und den Ge­dichten in Ich stehe auf den Treppen des Winds, die mich, seit ich sie in einem Zug gelesen habe, nicht mehr loslassen:

     

    Mein gläserner Blick,

    zu neuer Tiefe geschärft, bohrt sich

    ein Grab ins Laubwerk.

    Die Bäume stehn still

    auf der anderen Seite der Straße. 

     

    Gerhardt Csejkas Nach­wort endet mit den Worten und das Fenster am Ende des Flurs steht offen. Mich fröstelt.

     

    Zuversicht

     

    In Saloniki
    weiß ich einen, der mich liest,
    und in Bad Nauheim.
    Das sind schon zwei.

     

    Günter Eich

     

    Und wenn du willst, vergiss

    Am 23. September 2010 ist es auch mit Horst Samson soweit. In der Lyrikzeitung lese ich in Artikel 90 vom 22. September schmunzelnd, daß Michael Gratz mich indi­rekt als ersten Leser des Buches bezeichnet, woraufhin ich den Lyrikband direkt beim Verlag bestelle. Und schon flattert, gleich am nächsten Tag, Und wenn du willst, vergiss mit Gedichten aus den Jahren 1981 bis 1994 ins Haus. Ach, nein, das Buch flattert ja gar nicht ins Haus: Als der Postbote kommt, stehe ich auf der Leiter und streiche an einer Hauswand rum (das ist gleichsam mit Algen balgen), und die Büchersendung liegt mit einigen Briefen und einem großen Paket, das ich für den Nachbarn annehme, erst einmal draußen im Wind ···

     

    Ich liebe es, Lücken in meiner Büchersammlung zu schließen, und so wird Horst Sam­son noch heute in der Nachbarschaft von, beispielsweise, Werner Söllner, Lutz Seiler oder Lud­wig Steinherr stehn.

    Die Wand ist gestrichen, die Lektüre der Gedichte Samsons kann beginnen. [Idealer Alltag sieht oft so aus: Er beginnt ganz früh / endet möglichst spät mit Lesen, das gleich­sam die Grundierung meines Tagesbilds ist, an einem Essay oder Gedicht bosseln ist natürlich immer gut und gedeihlich, zwischendurch Arbeit im Garten oder Reparaturen im und am Haus, da­vor, danach, wann immer es eben möglich ist: lesen, dazwischen: E-Mails schreiben, Tele­fongesprä­che mit Hans Bender, Axel Kutsch, Andreas Noga, Ma­ximilian Zander und anderen schreiben­den Menschen, dann wieder lesen, gern auch ein Spaziergang, eine Begegnung oder, we­nigstens einmal die Woche, Fußballtennis, an­schließend wieder lesen, usw. Das al­les am liebsten bei Re­gen, aber heute scheint die Sonne, und das ist auch gut.] Und wenn du willst, vergiss ...

    Schwedeneck

    Saukalter Wind zerbrach

    Bäume. Kein Stern

     

    Leuchtete, alle Sicherungen

    Waren durchgebrannt.

     

    Gott fluchte über dem Meer und schrie

    Nach einem Elektriker,

     

    Aber ich hatte zu lieben.

    An der warmen Brust lag mir

     

    Eine Sirene. Herrlich roch sie

    Nach Fisch und nach Algen.

     

    Horst Samson

     

    Der Schriftsteller und Journalist Horst Samson Der Schriftsteller und Journalist Horst Samson

    Am 28. September, 5 Tage nach der (trotz immer wieder düster dräuender Wolken, die die lakonischen, lockeren, luftigen Verse naturgemäß und notgedrungen durchziehen) erfrischen­den und begeisternden Lektüre, kommt eine Büchersendung mit dem Absen­der Horst Sam­son. (Offenbar hat Michael Gratz ihm empfohlen, mir das Buch zu schi­cken.) Ich bin ver­blüfft, bislang hatten wir keinerlei direkten Kontakt. Ich ahne es schon, und ich behalte recht: Ich finde Und wenn du willst, vergiss vor, und nachdem ich den beiliegenden Brief gelesen habe, stehe ich erst einmal bloß da, stirnrun­zelnd schmun­zelnd. Samson schreibt:

     

    Ich bin – nach Günter Eichschem Vorbild – mit einem Teil meines „Frühwerks“ seit einiger Zeit auf Le­sersuche. Das klappt schlecht. Ich gebe das zu, denn obwohl ich durchaus bereit bin, meine Bücher sogar zu verschenken, will sie kaum einer haben. Ich kann das verstehen, wenn ich es auch nicht verstehe. Klar ist mir auch in diesen Jahren des Exils nicht entgangen, dass das Leben hier im Wes­ten vor allem ein Kampf ist, ein Kampf gegen den Staub und das Papier und die Lyrik.

     

    Spontan wähle ich Samsons Nummer in Neuberg und höre die automatisierte Stimme eines Anrufbeantworters. Am späten Nachmittag erreiche ich Samsons sehr freundliche Frau, mit der ich mich angeregt über Lyriker (vor allem Horst Samson) und Lyrik (vor allem Horst Sam­sons Gedichte) unterhalte. Danach lese ich viele Gedichte in Und wenn du willst, vergiss ein zweites Mal. Der Abend ist bereits jetzt gerettet. (Was morgen sein wird, darauf pfeif ich in diesem Augenblick mit dem Wind, der durch Bosserts und Samsons Verse weht, und ver­gessen wird hier gar nichts. Jedenfalls nichts Lyrisches.)

     

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