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Nora Gomringer: Nachrichten aus der Luft

27.09.2010

Honiglich bitter im Abgang

Nachrichten aus dem Netz: „Nora schürft Gold – Kehlchen ist ihr öd“, heißt es in der Rubrik Nora kurz auf der Homepage von Nora Gomringer. Goldige Preise hat die 30-jährige Lyrikerin und Performance-Künstlerin schon viele erhalten, ihre Liste ist lang. Von VERENA MEIS

 

Auch der Gomringersche Herbst ist Gold wert: Ihr gerade erschienener Gedichtband fängt Nachrichten aus der Luft ein – Stimmungen von heiter bis wolkig über Gewitter³ bis zu lachendem Sonnenschein; internationale Luftströmungen umgeben Nora Gomringers Wortflugkünste. Schon ihr Gedichtband Klimaforschung (2008) erkundete die Wetterlage in der Liebe, auch in Nachrichten aus der Luft ist sie allgegenwärtig und bestimmt die Wolkendichte über dem Kopf des Lesers.

 

I Luftbrücke - (rettende) Wege in die Zweisamkeit?

Heiße Herdplatten und „so viele SMS wie Döner“ bleiben meist vergebliche Versuche, die Brücke zum (begehrten und geliebten) Gegenüber zu schlagen. Die Frau wird zur Idiotin, der Mann zum chinesischen Haustier oder zum vergänglichen „Husband for a Night“. Was bleibt, ist die Feststellung, dass sich „inniglich“ auf dem Handy „honiglich“ mit Worterkennung tippt.

 

Es sind quälende Gedankenblasen, die der Andere zu lösen vermochte, wäre er noch da. Doch die Retter und Erlöser bleiben fern, kein Therapeut in Reichweite, kein Tortenheber, um das Gehirn auf die noch nicht abgenutzte Hälfte umzuwenden.

 

Die Negation, die Auslassung, das zu Sagende vernebeln erscheinen in Nachrichten aus der Luft als beliebtes Prinzip: Wir lesen von der Liebe, die in den Versen verschwindet; der Andere wird erst im Wegsehen erkannt; wie die Liebe ist, erfahren wir nicht, nur dass die Adjektive des lyrischen Ichs zahllos seien, um diese zu beschreiben; Seitensprünge sind flüchtig und verschwinden ins „Nachtnichts“; Kapitulation wird zum vielversprechenden Ausweg, wenn  nichts mehr geht und Zweisamkeit zu Einsamkeit verkommt.

Auch Rachegelüste und Küchenutensilien als Folterinstrumente sind zugelassen: Dem Verlassenden mit Hund werden Flöhe hinterher gewünscht, ein Löffel führt dazu, dass das Herz des Verlassenen am Ende im Container landet.

 

Nur Schreibmaschinenschrift scheint Zeuge und Bewahrer des Liebesspiels zu sein: „sex.doc“, an dessen Ende die Liebe aber doch auf einer Torte erkaltet.  

 

II Luftwege, die begangen werden können?

Island I-III und Russland dominieren die „Luftwege“, das zweite Kapitel aus Nachrichten aus der Luft. Die Städte scheinen zu sprechen, ihren Passanten etwas einflüstern zu wollen. Doch ein Apfel ist dort ein russischer Apfel und Russischstunden sind teuer. Und der eigene Name bleibt trotzdem unaussprechlich. Die fremde Sprache wird zur Bedrohung für den Text(er). Wortfetzen, Sprech- und Gedankenblasen klopfen ans Ohr des Lesers: Nowosibirsk 2008.

 

Das Reisen per Luft reicht bis in die Grammatik: Nora Gomringers Konjugationen sind originell statt grammatikalisch korrekt: „ich reise / Du Reis / Er reißt“. Von Luft allein kann man nicht leben, so geht die Liebe in Nachrichten aus der Luft in Form von Teigwaren oder Früchten auch durch den Magen: Was macht eine angefressene Pink Lady in einer Berliner Küche? Handelt es sich um einen Apfel oder eine Dame?

 

III Luftspiegelung: Wir, die Erschaffer der Spiegelbilder.

Auch im dritten Kapitel bekommen wir ein Stück vom Kuchen: „Ob es einen satt macht, wenn ich ein Gedicht backe / Und einen Kuchen sprechen lasse? Dazu kommen familiäre Strukturen: Vater, Mutter, Rind – wie idyllisch.

 

Das Frauendasein ist bei Nora Gomringer klischeebeladen: Eine Frau ohne Mann bedeutet eine Frau ohne Glück zwischen den Beinen, ihre Tage sind „bestimmt vom Stand des Höschenbandes“. Und wer hat Einlass? Der Gynäkologe, der ihr aufgeklappt niemals in die Augen schaut, sondern nur die Diagnose eines „Bilderbuchuterus“ stellt. Aber was nützt der in Einsamkeit, als „Beziehungswaise“?

 

Lasst uns eine Kerze anzünden, für den Hund ohne Flöhe, für die Liebe ohne Klischees. Nora Gomringer schnappt nach in der Luft (f)liegenden Stimmungen, bringt sie aufs Papier und auf den Punkt. Ein turbulentes Sprachexperiment, ein Backwerk nicht ohne Witz und Tiefe: inniglich süß auf der Zunge, honiglich bitter im Abgang.


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