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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 26. Mai 2017 | 09:29

    Knut Schaflinger: Flüchtige Substanzen

    26.07.2010

    Der überraschende Klang beim Brechen der Zeile

    Neue Gedichte von Knut Schaflinger. Gelesen von STEFAN HEUER

     

    193 von der UNO anerkannte souveräne Staaten (lt. Wikipedia), dazu die nichtanerkannten: Kriege, Wirtschaft, Prominenz, Sport und Politik – jeden Tag die weltweit wichtigsten Ereignisse zusammenzufassen, ist eine anspruchs- und verantwortungsvolle Aufgabe. Sich dabei, je nach weiterem Programm, auf ein Zeitfenster von 15-30 Minuten zu beschränken, setzt sekundengenaues Zeitmanagement voraus, die absolute Reduzierung auf das Wesentliche; kein/wenig Platz für Nebenschauplätze.

     

    Menschen, die aus beruflichen Gründen zu einer derartigen Reduktion des Arbeitsmaterials "Wort" gezwungen sind, neigen nicht selten dazu, es an anderer Stelle sprudeln zu lassen. Knut Schaflinger, seit 1995 Redakteur und Chef vom Dienst bei den ARD-Tagesthemen in Hamburg, des weiteren Dozent an der Bayerischen Akademie für Fernsehen in München, ist so ein Fall. Während er sich im Brotberuf sicherlich mehr Wörter verkneifen muss als erlauben kann, nimmt er sich bei seinen Gedichten jene Freiheiten, auf die er beim Geschäft mit Nachrichten zugunsten der Verständlichkeit verzichten muss. Detailverliebt reiht sich im prosaischen Ton Wort an Wort, Zeile an Zeile, ohne dabei zu Geplauder (oder noch schlimmer: zu Geplapper) zu werden.

     

    Sinn für Wort und Klang

    Eines der Hauptmerkmale in Schaflingers Lyrik ist seine exzessive Affinität zum Enjambement, die in nahezu allen seinen Gedichten die Zeilenenden mit doppeltem Sinn und die Gedichte mit neuen Fügungen versieht. Eine abschüssige Fahrt mit der selbstgebauten Seifenkiste wird da schnell mal zum Trip durchs Universum:

     

     

                NACHTS MIT DIR IM AUTO GEGEN DIE WAND.

                EIN SCHULDGEFÜHL.

     

                Weiter nichts

                außer daß Schnee keine handfeste

     

                Größe war nur Flocken

                rasten auf uns zu so etwa müßte man sich

                in leicht abschüssiger Milch

                Straße bewegen im Sternenstaub mit

     

                dieser Gänsehaut eines Astronauten aber du neben mir

     

                dachtest an alle Spielarten des Glücks oder an Seifen

                Kistenrennen und wie du hinein

                fuhrst zum Bremsen in die Ballen aus Stroh

                als strahlender Sieger

     

                kehrtest du heim indes deine kleine Schwester

                hatte noch Laufen zu lernen

     

                an ihrem Buggy fehlten plötzlich die Räder

     

     

     

    Während es bei den Tagesthemen größtenteils um aktuelle Geschehnisse, um das Heute bis zum Redaktionsschluss handelt, begibt sich Schaflinger in seinen Gedichten gerne in Kindheit und Jugend zurück, konserviert in ihnen Momente des Glücks, aber auch Tragisches, Alltägliches.

     

    Die von DAS GEDICHT-Mastermind Anton G. Leitner im Verlag Steinmeier herausgegebene Reihe "POESIE 21" zeichnet sich durch abwechslungsreiche Gedichtbände bereits bekannterer AutorInnen, aber auch durch lyrische Debüts sowie stimmige Lyrik-Anthologien aus. Schaflingers "Flüchtige Substanzen", als Band 30 der Reihe erschienen, versammelt 53, in drei Kapitel unterteilte Gedichte – jedes von ihnen ausgestattet mit Sinn für Wort und Klang, mit Emotion und, ja, auch mit Ironie: Wenn ein Fernsehmensch im letzten Gedicht seines Bandes den Sendeschluss mit der "Angst vor der Stille" umschreibt, dann ...

     

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