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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. Juli 2017 | 16:16

    John Mateer / Christoph Wenzel

    07.06.2010

    Zwischen Stillstand und Bewegung

    Wie unterschiedlich es sein kann, wenn man zwei junge Gedichtbände von zwei verschiedenen Kontinenten liest, zeigt die Lektüre von John Mateers und Christoph Wenzels neuen Gedichtbänden. Von MARIUS HULPE

     

    Einen durch und durch kosmopolitischen Gedichtband legt der in Australien lebende Südafrikaner John Mateer mit Einmal weiß vor. Ohne konstruierten Standpunkt, aber immer mit der größtmöglichen Freiheit, mit dem Blick des Unterwegssein, scannt er die Welt vor und nach der Apartheid ab, schlägt Wellen im postmetaphysischen Diskurs über das Buschhochland, modernisiert wie nebenbei den Liebesbrief mit Hilfe des Gedichts und greift nach Lianen in Ethekeni, während er über seine Traumform von Europa sinniert.

     

    Die Meditation über den „Fremdenführer“ zeigt aber genauso, dass sich hier niemand zwanghaft im vermeintlich Reichhaltigen suhlt, sondern in den Gedichten gezielt nach der Kehrseite der politischen Aufgeladenheit, nach „Stille“, einem „Berg“ oder schlichtweg „einer Stadt in Afrika“ fragt.

     

    Dieser Dichter ist einer, der weit gereist ist, der sich auskennt, ob nun in den heimischen Breitengraden oder aber im fernen Australien. Und erst Recht der Westen entlockt ihm manche stille und grellpoetische Meditation über den Naturzustand des Menschen, denn alles, was er vorfindet, wird zurückgeblendet auf die ursprünglichsten Fragen, und im Süden Afrikas heißt das zuerst und vor allem der Fragen ums Überleben.

     

    John Mateer ist der lebende Beweis dafür, das es keiner normierten formalistischen Europäisierungen der Lyrik bedarf, keines Sprechens auf Höhe seiner Zeit, wenn denn der Dichter nur bereit ist, sich tatsächlich, in all seiner Verletzlichkeit, auf die Stoffe einzulassen. Dann erst entsteht etwas Großartiges wie hier.

     

    Erinnert und zerhexelt

    Fünf Jahre Zeit mit einem neuen Gedichtband ließ sich der Aachener Lyriker Christoph Wenzel. In seinen zittrigen und collageartigen Gedichten tauchen Bilder von Familienidyllen auf, die jäh auseinanderbrechen, weil die Erinnerung letztlich doch zu schwammig, ein unzuverlässiges Instrument ist. So geraten viele der Texte in tagebrüche zu inneren Kämpfen, die sich wiederum sprachlich lösen, mit Hilfe von Parataxe und Inversion. Wünsch- und unwünschbares überlagern einander auf eine Weise, dass die dahinter liegenden Realmomente nicht mehr kontrollierbar scheinen, ein Ich zählt dahinter die Tage mit, oder erinnert „ein herrliches geschenk der familie an den vater“, doch schon bald ist „der markt mit sturmholz überschwemmt“ oder es wird um Sylt gebangt. Umherfliegende „dachziegel“ bewegen sich hier semantisch auf der strukturell selben Ebene, wie auch der Sprachduktus in den stakkatoartigen Sentenzen: ungeordnetes bringt innere Zustände zum Ausdruck, eine sich überschlagende Welt lässt das Subjekt nicht in Ruhe. Doch es scheint, als wolle dieses Subjekt das auch gar nicht. Es stromert lieber umher und liefert sich den Dingen aus, einer Nachtfahrt, dem Sand, und wie sich das anfühlt, was dabei als Film immer mitläuft, nach diesem Film wird hier dringlichst gesucht, als sei er eine kleine Droge oder ein Leckerli, jedenfalls sind die Gegenstände hier mehr als sie selbst, sie sind Auslöser für Dahinterliegendes, wieder hervorzutreten, sie machen Erinnerung schmeckbar.

     

    Es sind Prozessgedichte, sie machen vor allem das Werden und die Bewegung sichtbar, verweisen aus einem gestern auf ein denkbares morgen. Zwar ließe sich einwenden, dass die Verfahren, die Wenzel dabei anwendet, sich doch sehr den schon bisher bei ihm vorzufindenden ähneln – etwa das Verschachteln von Zeitabfolge und Wahrnehmungsraster – und somit eine teils sehr formversessene Angelegenheit sind, die es möglicherweise übertreibt, anstatt über den Tellerrand der Möglichkeiten hinauszublicken. Zugleich stellt sich die Frage, weshalb der Verlag diese Art des Satzes gewählt hat, in dem nur jede zweite Seite überhaupt bedruckt ist. Doch lässt man das außer Acht, sind die Texte vor allem eines: im Stillen berührend.

     

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