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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. Juli 2017 | 16:15

    Horst Peisker: Dillingers Blues

    17.05.2010

    Rhapsodies in Blue and Black

    Lyrik und Leben: HANS-KLAUS JUNGHEINRICH über die „testamentarische“ Sammlung der Gedichte von Horst Peisker.

     

    Eine der wenigen Literatur- und Kulturzeitschriften, die überhaupt noch regelmäßig Gedichte veröffentlichen, ist „Sinn und Form“ (rüstig wie zu DDR-Zeiten), und ich muss gestehen, dass ich die dort (man möchte fast sagen: pflichtgemäß) eingestreuten lyrischen Strecken oft ziemlich lustlos lese oder überlese. Das gilt insbesondere auch für die Hervorbringungen von Durs Grünbein, dessen lyrische Physiognomie mit schnell gestiegener Berühmtheit mehr und mehr ins Gipsbüstenhafte erstarrt scheint. Bildungslyrik solcher Provenienz mag sich noch so gerne auf Rilke berufen; in ihrer Angekommenheit und ihrer mit müder Souveränität gehandhabten Verfügungsvirtuosität spiegelt sie ein vom Überfluss des Zuhandenen ersticktes (allgemeines?) Lebensgefühl. Dichtung könnte dergestalt zum Synonym für Nicht-Leben werden. Womit nicht der finster-ehrwürdige Tod gemeint ist, sondern ein Schattenleben, das neben dem wirklichen Leben blass und pappkulissenhaft herläuft.

     

    Schade eigentlich, dass sich die Begeisterung über einen Dichter wieder erst mal abstößt von einer Missbilligung. Sei’s drum. Vielleicht ist es sogar unabdingbar, die Naivität des eigenwilligen Dichters Horst Peisker so zu markieren. Naivität heißt hier: Fest auf die Haltbarkeit des beschädigten Ich vertrauen. Sich vor den lyrischen Traditionen nicht scheu auf den subjektiven Kahlschlag zurückziehen. Die eigene Erlebnisfähigkeit immer wieder im Gedicht thematisieren. Gelebtes Leben erzählen. Unsagbare Rätselgestalten aus der Nacht der Sprache, aber auch, Überraschungsfund wider Zeitgeist und alle Vernunft, die Lerche im Blau.

     

    Horst Peiskers lyrische Familienzugehörigkeit verweist auf den poète maudit, und so liegt der Vergleich mit der von Charles Bukowski zur Sprache gebrachten Poesie-noire-Welt nahe. Die Intensität der lyrischen Verknappung und Verdichtung lässt bei Peisker freilich kaum so etwas wie ein atmosphärisches Behagen an der Rotlicht- und Kneipen-Realität am Rande  bürgerlich saturierter gesellschaftlicher Ordnung aufkommen. Peiskers Balladen – er hat dieser Gattung des Erzählgedichts in seinem Oeuvre zu einer neuen Dringlichkeit verholfen – sind gesättigt mit Autobiographischem. Sie machen deutlich, dass theologische Topoi wie Purgatorium und Hölle innerweltliche Realität bedeuten. Peiskers balladeske Höllenfahrten – gekühlt dramatische und hochkomödiantische Reisen, durch Verlockung, Ekel, Routine und Überdruss hindurch – durchmessen kaum mehr als die paarhundert Meter der Leipziger Straße im „Kiez“ Frankfurt-Bockenheim, einen unendlichen, bodenlosen Seelen-Raum.

     

    Artikulation eines Sprachmächtigen

    Wunderbar ist der Aufbau des (nicht allzu umfang-, aber inhaltsreichen) Bandes. Mit einem im besten Sinne neu-romantischen Liebesgedicht („The long way to Madrid“) beginnt’s. Kurzschluss und langer Weg des erotischen Augenblicks. Dann folgen zumeist kürzere Gedichte, motivisch changierend zwischen Natur- und Gedankenlyrik. Unvergesslich schön der Doppelsinn am Schluss von „La vie en Rose“: „Der letzte Morgen heutet sich“.  Nach der Mitte des Buches zu kommen die Balladen, meist größerformatige Stücke, mit denen Peisker namhaft und unverwechselbar wurde, darunter welthaltige Mini-Dramen wie „Ein Morgen in Thule“ und „Hangman oder Ein Herz im Schnee“ und das gleichsam leitthematische „Dillingers Blau“ mit seinem Doppelgängermotiv und der ironisch-existentiellen Farbsymbolik. Im fast unmerklichen Übergang zum dritten und letzten Teil erscheinen wieder kleinere, zusammengefasstere lyrische Formen, teilweise von sehr ernstem, exponierten Charakter wie „Die Nacht der Dinge“ mit den Schlusszeilen „Ein Wort/Das den Tag nicht aushielt/ Und nachts/Wenn er es rief/Aus den Dingen/Auf ihn zurückfiel/Wie ein Blick/Aus sehr ferner/ Vorwurfsloser Distanz“.

     

    Ein Sprachmächtiger artikuliert sich da. Zugleich einer, der sich (in den Balladen weniger, in den Gedichten streng) um knappestmögliche Formulierungen bemüht. Der Leser staunt, welche Wunder an differenzierter Wahrnehmung und sprachlicher Präzision aus einem Leben äußerster Beschädigung (das ist bei Peisker wahrlich kein feuilletonistisches Klischee) hervorgehen. Richtiger ist es wohl, andersherum zu denken: Die scharf gekelterte, geläuterte Sprach- und Gedankenform bedurfte der vorangegangenen verstörenden Höllenfahrten unbedingt. In gewisser Weise bleibt beides aber auch rätselhaft unverbunden, und so oszillieren in Peiskers Werk die Sinnlosigkeiten eines sich vergeudenden Lebens mit den (sinnlosen? illusionären? heroischen?) Sinnerfülltheiten des unstillbaren Willens zur Form. Peisker selbst erachtet diesen Lyrikband als die repräsentative und „testamentarische“ Anthologie seiner Dichtungen. Leben, zur Form gebracht. Da steht es, unerschütterlich und fragil. Der ansprechend aufgemachte Band, in einem kleinen Verlag erschienen, wurde – um eine Wichtigkeit mit einer freilich niemals unerheblichen Banalität zu verabschieden – vom Druckfehlerteufel leider nicht verschont.

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