TITEL kulturmagazin
Donnerstag, 30. März 2017 | 00:58

Michael Lentz: Offene Unruh. 100 Liebesgedichte

12.04.2010

Michael Lentz weint in sein Handy und einige Fragen, die man sich beim Lesen von Liebeslyrik stellt

Neulich war Michael Lentz beim SWR zu sehen, in der Sendung Literatur im Foyer zusammen mit seinem Dichterkollegen Raoul Schrott, der neben Gastgeberin Felicitas von Lovenberg aussah wie ein strubbeliger Fernsehkommissar, während Lentz wie sein Hauptverdächtiger wirkte, der am Ende aber nicht schuldig, sondern nur seltsam ist. Offene Unruh, 100 Liebesgedichte, gelesen von BRIGITTE HELBLING.

 

Das Thema der Sendung waren Liebesgedichte. Schrott hatte welche übersetzt, Lentz hatte welche geschrieben. Beide Sammlungen waren gerade erschienen, diejenige von Lentz in packpapierbrauner Aufmachung mit der handgeschriebenen Aufschrift Offene Unruh.

Ihr Urheber äußerte im Lauf der Sendung einiges Erhaltenswertes: zum Beispiel, dass das Gegenüber in Liebesgedichten für ihn, Lentz, stets imaginär sei.

Oder dass der Denker Niklas Luhmann (Liebe als Passion) beim Verfertigen dieser Lentzschen Lyrik eine wesentliche Rolle gespielt habe.

Und dass er, Lentz, ganz bewusst auf „wilde Sexszenen mit ekstatischer Sprache“ verzichtet habe und lieber auf die Botanik ausgewichen sei, wenn es etwas Körperliches zu vermelden gab.

Und wer hätte da nicht gleich zu Lentz’ Gedichtband gegriffen und nach „Stellen“ gesucht? Es dauert ein bisschen, bis man eine findet. Aha. Hier –

 

Ich bin staub und stempel

aber du bestäubst mich nicht

(Michael Lentz: „ich bin dein“)

 

Klingt nicht nach einem erotischen Großereignis. Ein paar Gedichte weiter vorn ist mehr los:

 

wie du ganz knospe aus der knospe schlüpfst

ganz edelauge veredelt mich dein blick

ich treibe treibenden sinnes zurück

grünes blatt du

weißes blatt ich

so füll mich an

(Michael Lentz: „ich sitze im november“)

 

Botanische Verrenkungen sind laut Lentz der Gefahr, peinlich rüberzukommen, vorzuziehen. So dreckig (so der Dichter) wie Brecht geschrieben habe, das könne man nicht so leicht überbieten. „Ist doch wunderbar. Ist ja dann schon gemacht.“

 

Und wie klingt Dreck nach Brecht?

 

Die nachfolgenden Verse sind aus den 1940ern, da war Brecht in etwa so alt wie Lentz jetzt. Lentz kam in Düren als Sohn des späteren Dürener Oberstadtdirektors zur Welt. Brecht wurde in Augsburg als Sohn des späteren Direktors der Haindlschen Papierfabrik geboren. Geld in der Familie schadet nie, wenn man im Dichten seine Passion findet.

 

Brecht ist ein Postbote, Lentz ein Klosterbruder

Zu vermerken wäre zudem, dass Brecht 1964, im Jahr von Lentz’ Geburt, schon acht Jahre tot war. Hier der Auszug aus Brechts Glücksgott-Zyklus:

 

Als die Braut ihr Bier getrunken

Gingen wir hinaus. Der Hof lag nächtlich.

Hinterm Abtritt hat’s gestunken

Doch die Wollust war beträchtlich.

(Bertolt Brecht: „Drittes Lied des Glücksgotts“)

 

Bei Fotos von Brecht denkt man an einen Postboten, den man in einer vormedialen Zeit gerne auf einen Schwatz in die Küche gebeten hätte, damit er einem von der Welt berichte. Betrachtet man Lentz, denkt man an einen Klosterbruder. Und sogleich kommt einem ungebeten Gerald Manley Hopkins durch den Kopf spaziert, der britische Jesuit aus dem 19. Jahrhundert, der sich ein Leben lang mehr oder weniger vergeblich bemühte, seine Neigung zur Lyrik zu unterdrücken. Heute gehört sein schmales Werk zu den meistzitierten der englischen Sprache:

 

Glory be to God for dappled things
For skies of couple-colour as a brinded cow;

For rose-moles all in stipple upon trout that swim...

 

Ehre sei Gott für gesprenkelte Dinge –

Für Himmel zwiefarbig wie eine gefleckte Kuh;

Für rosige Male all hingetüpfelt auf schwimmender Forelle ...

(Gerald Manley Hopkins: „Pied Beauty“, übersetzt von Ursula Clemen und Friedhelm Kemp)

 

Das ist Ekstase, ein Liebesgedicht an die Schöpfung, entstanden hundert Jahre vor Brechts Glücksgottlied. Wie wird man hundert Jahre nach Brecht die Liebe andichten? Wie die hundert Gedichte von Michael Lentz vielleicht, knapp und botanisch, eine Liebeslyrik, in der sich auffallend viele Todesbilder breitmachen ... Verse auf der Suche nach einer „Sprache der Liebe“, geleitet vom eiskalten Händchen des Niklas Luhmann. Der Schalk, der Lentz in Versen sonst gerne trägt, sitzt diesmal im Keller und schmollt.

 

wer nie sein handy mit tränen aß

wer nie das display durchweinte

wer nur die abgebrauchte sehnsucht kennt

weiß nicht was ich dulde ...

(Michael Lentz: „dir zu schreiben hab ich angst“)

 

Das parodierte Original zu dieser Stelle ist von Goethe und findet sich bei Wilhelm Meister, als Klage eines alten Harfenisten, die (so berichtete ihre Schwester dem Dichter) die Königin Luise zu Tränen gerührt habe. Andere Zeiten! In Lentz’ Band gibt es Verse, da ist schon der Titel so einleuchtend, dass man im Grunde gar nicht weiterzulesen braucht. Zum Beispiel:

 

Don’t drink and dial

 

Dieser Überschrift folgt das längste Gedicht der Sammlung, knapp fünf Seiten.

Mein persönlicher Liebling ist eine Ode an Blumen und Jahreszeiten:

 

kaum frühjahr

ist der krokus verblüht

was stellt er an das ganze Jahr

 

soll auch ich einfach verschwinden?

 

jedes jahr dieses große hallo

als sei weiß gott was geschehen ...

(Michael Lentz: „kaum frühjah“)

 

In diesen Versen meint die Botanik dann einfach nur sich selbst.

 

Wie sieht in der Lyrik die perfekte Liebe aus?

Und was hält „Sophia“ von dem Ganzen? Ihr ist diese Sammlung gewidmet, laut Widmung hinten: „für Sophia“. Immer fragt man sich bei Liebesgedichten – empfinde ich auch so, wenn ich liebe? Und immer schleicht sich auch die Frage an – möchte ich von einem, der so über die Liebe schreibt, geliebt werden?

 

„Sophia“, sagt Michael Lentz im SWR auf Anfrage, bedeute auch „Weisheit“. Frau von Lovenberg dringt nicht weiter auf ihn ein.

 

Sehr ordentlich ist die Lentzsche Liebeslyrik an (vielleicht) die Weisheit strukturiert, immer zehn Gedichte für jedes der zehn Kapitel, die sich atmosphärisch minimal unterscheiden – hier etwas mehr Tod, da mehr Beziehungsstress, dort ein Hauch von Heiterkeit.

Das Gegenüber ist imaginär.

Konturen der Geliebten (Einzahl oder Mehrzahl?) lassen sich keine ausmachen.

 

Behauptung: Die meisten Frauen möchten in der Dichtung geliebt werden, wie Lord Byron das einst tat, nämlich mit der überwältigenden Feier des Eindrucks, den sie auf den Liebenden gemacht haben:

 

She walks in beauty like the night

Of starry skies and cloudless climes

And all that’s best of dark and bright

Meet in her aspect and her eyes...

 

In ihrer Schönheit wandelt sie
Wie wolkenlose Sternennacht;
Vermählt auf ihrem Antlitz sieh
Des Dunkels Reiz, des Lichtes Pracht ...

(G. G. Byron: „She Walks in Beauty“, übersetzt von Otto Gildemeister)

 

Gurkenkühl wickelte der britische Lord einst sämtliche Frauen Europas um den Finger und blieb doch seiner Halbschwester Augusta verfallen, die ihm wie ein Ei dem andern geglichen haben soll. Vielleicht sind die besten Liebesgedichte diejenigen, die sich an den Spiegel richten, um das, was „ausgeht“, gleich wieder „einzulieben“ (die Worte von Rilke in Narziss). „Ich habe sehr viel Rilke gelesen, merkwürdigerweise“, gesteht Lentz im Fernsehen und fasst sich dabei behutsam an den kahlen Schädel. „Hätte ich vor ein paar Jahren auch nicht gedacht, dass ausgerechnet ich noch mal Rilke so stark lese.“

 

In Offene Unruh richtet sich eins der hübschesten Gedichte an das ICH, das Gegenüber im Spiegel, Narziss in der Zeitmaschine, und redet – das kann Lentz phänomenal gut – von der Sprache:

 

was soll ICH denn sagen?

ein satz mit zukunft?

ein satz jedenfalls

der jahre voraus ist

und du lebst

und du lebst

und du lebst vor dich hin

du beobachtest dich

und der satz beobachtet dich auch.

(Michael Lentz: „was soll ICH denn sagen?“)

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

Petraeus und sein Stab

Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

Zwischen Karikatur und Avantgarde

Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter