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    Samstag, 22. Juli 2017 | 14:32

    Dieter M. Gräf: Buch Vier

    14.12.2009

    Sprachästhetisches Statement

    Dieter M. Gräfs Gedichte sind flussaufwärts treibende Köpfe. Oder auch nicht. Denn alles, was man über Gräfs Gedichte verbindlich zu sagen versucht ist, erweist sich im nächsten Moment schon wieder als unwahr oder zumindest als nicht ganz richtig ... Von LARS REYER

     

    In Buch Vier, dem, wer hätte es gedacht, vierten Gedichtband Gräfs, scheint dann auch das einzig Greifbare die Flüchtigkeit der lyrischen Gebilde darin zu sein. Wie in einem halbausgebrochenen Mosaik werden hier Wort an Wort, Zeile an Zeile, Vers an Vers gereiht und ineinander verschachtelt; und es sind nicht zuletzt die fast zwangsläufig bei solcher Intarsienarbeit entstehenden Lücken, die den Entdeckerehrgeiz anstacheln.

    Auf den ersten Blick liegen alle Einzelheiten wie wahllos aufgeschüttet vor dem Leser da. Er hat nun zusammenzusetzen, was der Dichter vorher akribisch auseinanderbrechen ließ. Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht. Es ist ja ohnehin nie so einfach, wie man zu Beginn denkt. Es ist unter Umständen sehr viel einfacher.

    Bei Gräf allerdings nicht. Da ist alles kompliziert. Das Schöne ist jedoch: Zum Komplizierten gesellt sich auch eine Komplexität, die dem Thema fast immer angemessen erscheint. Doch worum geht es in diesen Gedichten eigentlich? (Falls es so etwas bei Gedichten überhaupt gibt.) Es geht um nichts weniger als um Weltgeschichte. Und auch dies ist im Grunde bloß angemessen, denn die Weltgeschichte ist in Gräfs Schreibung vornehmlich eine Wortweltgeschichte. Wie sollte es auch anders sein. Beginnend mit dem ersten Kapitel spannt sich diese Weltgeschichte vom 11. September 2001 bis hin in das abschließende vierte Kapitel zum – 11. September 2001. Hört sich komisch an, ist aber so. Die Gleichzeitigkeit der Weltereignisse, ihre mediale Vervielfachung sind die grundierenden Elemente dieser Dichtung. So geschieht die Wahrnehmung der Katastrophe, die unser jetziges Zeitalter eingeläutet hat, folgerichtig auch zuerst von außerhalb des eigentlichen Katastrophengebietes; von Taiwan aus, wo zur selben Zeit ein Taifun zusammen mit den Fernsehbildern einstürzender Zwillingstürme wütet. Am Ende des Buches stehen wir dann wörtlich, an der Seite des Dichterauges, mitten in Ground Zero. Ein Kreis, der sich niemals schließen lässt, weil er seinem Wesen nach immer wieder von vorne beginnt, sobald sein Ende eingeläutet wird. Die letzten Seiten des Buches sind folgerichtig auch nur noch Buchstabenmassaker mit teils darin aufblitzenden, teils darin verglühenden Sinnandeutungen. Der Zusammensturz erfährt sein sprachliches Äquivalent. Und ganz am Schluss leuchten Barcodes auf, denn die werden auch noch ohne Auge, rein maschinell, lesbar bleiben.

    Zwischen diesen beiden Polen, die streng genommen nur einer sind, steht der Rest der Weltgeschichte. Die Alte Welt. Ihre Hin- und Unzulänglichkeiten. Venedig, Rom, Faschismus und Black-Muslim-Bewegung. Der Duce als traurig-einsamer Nudist. Manchmal fällt die Differenzierung schwer und man weiß nicht, welche Stimme gerade das Kommando übernommen hat, was nicht ausschließlich an der gedichtimmanenten Vielstimmigkeit liegt. Sondern vor allem auch an Gräfs ausgreifender Verwendung von vorgefundenem Sprachmaterial – sei dies nun identifizierbares Zitat oder einfach herausgegriffen aus einem quasi durch Luft und Äther schwingenden Fundus an Wendungen und Verwendbarem; lauter kühles Gestein, das man sich nur haltbar machen muss. Et frigida saxa liquido spargemus. Dies der letzte Vers des Buches, der sich noch nach dem Inhaltsverzeichnis findet.

     

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