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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 30. Mai 2017 | 11:14

     

    Philipp Schiemann: Gedichte 1996-2000

    24.02.2004


    Kult aus dem Underground

    Trotz ein paar berechtigter Kritikpunkte, ist dieses Buch ein Muss für alle, die sich mit der jungen deutschen Literatur fernab der Adlon-Clique beschäftigen, denn Philipp Schiemann ist zweifellos einer der interessantesten Schriftsteller aus dem sogenannten literarischen Underground.

     

    In Subkulturkreisen genießt Philipp Schiemanns Debüt Suicide City von 1998 Kultstatus. Jetzt erschien eine Zusammenstellung ausgewählter Gedichte und Portraits des Autors (Aufnahmen von Andreas Schiko, Alexandra Höner, Saskia Boachie) alles Arbeiten, die im Zeitraum zwischen 1996-2000 entstanden sind.

    Doch das Konzept kann nicht überzeugen: Jeweils auf der linken Seite stehen Gedichte, auf der rechten Fotografien, die leider eine so große Dominanz entwickeln, dass die Texte die ja laut Titelangabe den Schwerpunkt bilden sollten unterzugehen drohen. Unverständlich ist, warum sämtliche Querformate hochformatig reproduziert wurden ein großer Makel bei dem ansonst durchdachten Layout. Geplant war wohl, dass Gedicht und Foto miteinander korrespondieren. Ein Zusammenhang ist allerdings in den meisten Fällen beim besten Willen nicht erkennbar. So heißt es in P.C. (Political Correctness): Wenn dir fünf Black Muslims den Arsch dressieren/ bis nichts mehr geht/ .../ Long Dong John gibt dir seinen braunen Shifter/ bis zum ekstaseerprobten Anschlag/ .../ ein schwerer gieriger Ochse. Auf der gegenüberliegenden Seite sieht man den Autor mit einem Kind auf dem Arm.

    Die Gedichte lassen sich in verschiedene Phasen einteilen: vom Social Beat über den Buddhismus bis hin zum Poetry Slam. Literaturcafé thematisiert die Langeweile öffentlicher Lesungen, auf denen Betroffenheitslyriker ihr Publikum mit unnötigen Verschachtelungen quälen, in Liebe & Tod möchte das lyrische Ich sein Leben als Pflanze, Stein/ oder vielleicht auch Vogel fortsetzen und bei Lobgesang auf Claudias Arsch handelt es sich um eine Hommage auf das Hinterteil einer Frau: Ich würde/.../ ihn auf Händen/ durch die Welt tragen/ deinen Arsch, deinen verdammten/ Claudia/ ich bete ihn an. Einige Gedichte wie Thanksgiving oder Ein gottverdammter Jammer wurden bereits in Zeitschriften oder Anthologien veröffentlicht. Leider fehlen diese bibliographischen Angaben, die das subkulturelle Netzwerk besser dokumentiert hätten, als zwei Seiten Auszüge der Liveauftritte und das auf Bilderdruckpapier Profistar mattgestrichen 170 g die in einer Niemeyer- oder Peter Lang-Publikation vielleicht Sinn machen würden.

    Trotz ein paar berechtigter Kritikpunkte, ist dieses Buch ein Muss für alle, die sich mit der jungen deutschen Literatur fernab der Adlon-Clique beschäftigen, denn Philipp Schiemann ist zweifellos einer der interessantesten Schriftsteller aus dem sogenannten literarischen Underground.



    Boris Kerenski


    Philipp Schiemann: Gedichte 1996-2000. Fotografien von Andreas Schiko, Alexandra Höner, Saskia Boachie. Killroy Media Verlag, Asperg, 68 S., 15 Euro.

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