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    Freitag, 26. Mai 2017 | 09:16

    John Updike: Endpunkt und andere Gedichte

    05.10.2009

    Mach Platz, Alter?

    Man muss nicht alles von Updike mögen, um diesen Gedichtband zu genießen: Ein seltsam heiteres Trostbuch, gelesen von BRIGITTE HELBLING

     

    Er sei „Chronist und Stimme der von sich am meisten eingenommenen Generation seit dem Sonnenkönig“, schrieb David Foster Wallace 1997 in einem halb verzweifelten, halb huldigenden Artikel über John Updike, dessen Altersbeschwerdenroman Gegen Ende der Zeit soeben erschienen war und von Wallace im Weiteren zu winzigen Fetzen zerrissen wurde. „Mach Platz, Alter, du packst es nicht mehr!“

    Das stand zwar so nicht in dem Bericht, fasst jedoch in etwa seinen Inhalt zusammen. Wallace hatte zu diesem Zeitpunkt mit seinem 1200-Seiten-Roman Unendlicher Spaß gerade Kultstatus erlangt. Bis zu seinem Freitod 2008 schreibe er nichts Vergleichbares mehr, während Updike mit dem ihm eigenen protestantischen Fleiß (der einen Autor wie Wallace irritieren musste), noch sieben gute bis sehr gute Romane in die Läden brachte, nebst Kurzgeschichten, Gedichten und einem erstaunlichen Pensum an klugen, nachdenklichen Buchbesprechungen für das New Yorker Magazine.

    Und dann, im Januar 2009, starb auch Updike. Als allerletztes Buch hinterließ er seinen Lesern einen Band von Gedichten, der auf Deutsch Endpunkt heißt. Man muss nicht alles von Updike mögen (und es leben wohl nicht mehr allzu viele Menschen, die alles von ihm mögen), um diesen Band zu genießen. Der gefeierte Autor der Rabbit-Reihe und von Die Hexen von Eastwick erscheint darin in mutwilliger Feierabendlaune, entspannt und diskret melancholisch – „Altern muss ich, aber sterben würde ich lieber nicht.“

    Natürlich geht es in vielen der Gedichte um das Alter, den Tod, die Krebserkrankung. So wenig wie seinen zahlreichen Romanfiguren erlaubte Updike sich selbst, den Blick abzuwenden von dem, was ihm gerade widerfuhr:

    „Heute Morgen wusste ich nicht den Rechnercode
    für den accent grave in fin-de-siècle, eines
    meiner Lieblingswörter. Was ist los? Was ist von mir geblieben?“
    („Das Leben erleichtert“)

    Aber viele der Verse sind auch steifbeinig verspielt, beinah heiter – nicht weil in Heiterkeit eine im Alter errungene Weisheit läge, sondern weil die Heiterkeit dem Dichter Updike (im Gegensatz zu Rechnercodes) geblieben war. Und noch lebte er ohne größere Beschwerden, brachte Umschläge mit Manuskripten zur Post, konnte die Gedanken in Worte fassen, die ihn umtrieben:

    „Endpunkt – ich dachte, er beendete ein Kapitel in einem Buch jenseits der Vorstellungskraft, das, neu gesetzt
    in frischen exotischen Typen, eine Zukunft bekäme, die ich –
    o Wunder! – lesen könnte. Vage war meine Hoffnung,
    doch sie hielt mich in Gang, liebenswürdig, beschwingt.“
    („Hospital 23/–27/11/08“)

    Ein wenig Glück schwingt häufig mit. Oder eine Idee von „Glück gehabt“. Dabei war klar, dass das größere Unglück nicht auf sich warten lassen würde. „Die Welt ist zugedeckt mit vorausgegangenen Toden, die kleinen Egoperlen, leuchtend vor Gier.“
    Woher wusste Updike, dass der Tod ihn vom Schreibtisch (mehr oder weniger) holen würde und nicht nach Jahren pflegebedürftiger Gebrechlichkeit oder des langsamen Selbstverlusts? Das allerdings sind keine Bilder für den Feierabend und wurden beim Akt des Dichtens vielleicht aus dem Grund auch nicht zugelassen. Oder es gab Vorkehrungen.

    „Vor kurzem dachte ich bei mir,
    wenn ich jetzt sterbe, sagt niemand hier:
    „Ach, welch ein Jammer! Und so jung,
    so vielversprechend – diese Begabung!“
    („Requiem“)

    Am Ende ist Endpunkt auch, und das macht seine Schönheit aus, ein Trostbuch. Gewidmet ist es seiner Frau Martha, „die sich noch ein Buch gewünscht hat“. Mehr als Widmungen sonst möchte man diese ernst nehmen, sich vorstellen, dass Updike bei der Zusammenstellung der Verse auch die Person vor Augen hatte, für die der Band gedacht war – „hier ist es, mit all meiner Liebe“ –, und dass die vielen Gedichte zu Ausflügen in die Umgebung und Reisen in alle Welt vor allem ihr gelten, die den Kontext kennt.

    „Von unserer Terrasse im Taj Garden Retreat gesehen,
    leugnet die Stadt unter uns ihren bleckenden Kommerz
    Männer verhökern Postkarten auf wimmelnden Straßen ...“
    („Madurai, Indien“)

    Ein Trostbuch für den Dichter selbst war es wohl auch, mit seinen Erinnerungen an die Kindheit und den leichtfüßigen, oft ironischen Reminiszenzen zum eigenen Schreiben und, warum nicht, dem trotzigen Stolz, dem Unabwendbaren soweit wie möglich ins Gesicht zu sehen:

    „Denn Leben ist schäbig, Ausflucht bloß,
    der Tod ist wirklich, und dunkel und groß.
    Der Schock, wenn er kommt, wird nicht registriert,
    außer da, wo er eintreten wird.“
    („Requiem“)

     

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    ... bis sie dann gestorben sind.

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