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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. April 2017 | 01:34

    Jürgen Nendza: Die Rotation des Kolibris

    06.07.2009

    Ein filigranes Schweben

    Fein ausgearbeitete Gedichte und eine gehaltvoll-reduzierte Sprache kennzeichnen Jürgen Nendzas Lyrikband Die Rotation des Kolibris. Von STEFAN HEUER

     

    Oftmals ist jenes, was man sich im Laufe der Zeit vornimmt, präsenter als das, was man im Zuge des Alltags zu erledigen bereit und in der Lage ist. Gute vier Jahre ist es her, dass mir in einer Buchhandlung die von Manfred Enzensperger herausgegebenen "Hölderlin-Ameisen" ins Auge krochen, jene poetisch-poetologische Anthologie, in der sich so unterschiedliche Lyrik-Charaktere wie Marcel Beyer, Oskar Pastior oder Ulrike Draesner versammelten, um ihre Gedichte mittels Material und Kommentar begehbar(er) zu machen. Einer der in den "Ameisen" vertretenen Autoren blieb mir aufgrund seiner umbarmherzigen, eindringlichen Schilderung eines Kriegsverbrechens (nur als solches lässt sich ein im Ersten Weltkrieg von den deutschen Besatzern errichteter Starkstromzaun entlang der belgisch-niederländischen Grenze, der bis 1918 über 2.000 Todesopfer forderte, wohl bezeichnen) in besonderer Erinnerung: Jürgen Nendza – augenblicklich der feste Vorsatz, möglichst bald einen Einzelband von ihm zu lesen.

    Ein fester Vorsatz, wie gesagt, und dann lag da ein anderes Buch, und noch eins, noch ein weiteres... und so war es höchste Zeit und zugleich erfreulicher Zufall, dass ich vor kurzem den in der Landpresse erschienenen Band Die Rotation des Kolibris erhielt.

    Voodoo Shrimp

    Nahezu freundlich eröffnet Nendza mit dem ersten Gedicht des Bandes: „Wieder tritt der Frühling über die Schwelle“ – sangesgleich heben diese ersten Wörter an – hier heißt es wachsam sein, sich nicht einlullen lassen: so positiv befrachtet die erste Zeile auch sein mag, so allgegenwärtig ist die Bedrohung, die latente Gewalt, der viele von Nendzas Gedichten unterliegen. Unvermittelt kann bei ihm die Stimmung kippen, und so dauert es auch hier nur wenige Zeilen, bis die Situation brenzlig wird: Vor Pollenflug warnt man jetzt stündlich – das klingt bedrohlich, nicht mehr nach dem Problem Einzelner, sondern nach konkreter Bedrängnis aller. Zum Ende des Gedichtes hat sich die Gefahr des Pollenfluges auch akustische Unterstützung gesichert, in diesem Fall vom Häher, der fliegt jenseits der Vergleiche, schreddert die Luft – mit geschredderter Luft lässt Nedza hier enden, was noch vor wenigen Zeilen mit frühlingshaften Kirschblüten begann.

    Die okkulte Präsenz gewalttätiger Veränderung ist symptomatisch für viele seiner Gedichte; niemand sollte oder darf sich in Sicherheit wiegen. Vieles, was harmlos, beinahe romantisch beginnt, erhält im weiteren Verlauf einen Knüppel auf den Kopf. In einem anderen Gedicht ruft roter Mohn zunächst Bilder von bunten, chemielosen Blütenmeeren hervor – lange aber lässt Nendza diesen Eindruck nicht gewähren, denn: wo das Mädchenauge wuchs, rotieren Schermesser heran. Hat sich was mit Unversehrtheit! Dass viele Gedichte bedrohlich oder mit offener Wunde enden, macht Jürgen Nendza jedoch nicht zum negativ wirkenden Unker, sondern weist ihn aus als genauen Beobachter und unterscheidet ihn wohltuend von denen, denen der Himmel nur ein makelloses Blau zu bieten hat.

    Den zentralen Hauptteil des Bandes bestreiten die beiden Kapitel "... sagen die Luftwurzeln" und "Tobago Jetlag", die bestimmt sind von einem Aufenthalt auf Trinidad und Tobago. Wem dieser karibische Inselstaat, gelegen nordöstlich von Venezuela, lediglich als exotischer Teilnehmer der letzten Fußball-WM bekannt ist, erfährt hier interessante Details zu Flora und Fauna, Lebensweise und kreolischen Spracheigenheiten, Geschichtlichem und Religiösem – ein lyrischer Reiseführer, der Lust macht, den "Voodoo Shrimp" (Plump, succulent shrimp in a flavourful garlic sauce – gut für Voodoo, schlecht für Vampire) zu bestellen und mit frischer Kokosmilch zu probieren.

    Fein ausgearbeitete Gedichte in gehaltvoll reduzierter Sprache sowie die landpressen-typische elegante Aufmachung der Rotation des Kolibris erzeugen einen filigranen Schwebezustand – den man als Leser gerne teilt.

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