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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 26. Mai 2017 | 22:49

     

    Theo Elm (Hrsg.): Lyrik der Neunziger Jahre

    12.02.2004

     




    Hier stehen die, die immer hier stehen



     

    Der eigentlich längst ad acta gelegte, wahrlich nicht sonderlich lyrische Kneipenspruch "Hier stehen die, die immer hier stehen" käme mir wahrscheinlich in den Sinn, wenn ich in einem einzigen, zugleich leicht fasslichen Satz meinen Gesamteindruck von der Anthologie Lyrik der neunziger Jahre (herausgegeben von Theo Elm) wiedergeben sollte...

    Der pejorative Hauch dieses Statements ist zum einen natürlich ungerecht gegenüber den vielen durchweg guten Gedichten von Dichterinnen und Dichtern, deren Verse ich immer wieder gern und mit Gewinn lese. Als Beispiel der älteren Generation hebe ich Walter Helmut Fritz hervor, der für mich zu den herausragenden Lyrikern der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts gehört. Aber - ist er auch ein typischer Vertreter der Lyrik der 90er Jahre? Ohne Zweifel gehört er in die vorliegende Sammlung, aber ein Gedicht hätte vielleicht genügt - ebenso wie bei Hilde Domin und zahlreichen weiteren prominenten Beispielen, deren Gedichte wir seit Jahrzehnten kennen. H.C. Artmann, Büchnerpreisträger von 1997, und Christoph Meckel fehlen allerdings - wie auch Kurt Marti (kein einziger Schweizer fand Berücksichtigung, auch nicht der Leonce-und-Lena-Preisträger von 1999 Raphael Urweider mit seinen guten Gedichten). Kerstin Hensel, Brigitte Oleschinski, Barbara Köhler mögen exemplarisch für die jüngeren DichterInnen stehen, die der Herausgeber erfreulicherweise berücksichtigt hat.

    In einer vom Reclam Verlag herausgegebenen Anthologie der Lyrik der neunziger Jahre darf ich zum anderen allerdings die Strukturierung von Schwerpunkten erwarten: Im Verlauf der Lektüre muss mir das - im Unterschied zu vorhergehenden Jahrzehnten - Besondere der Lyrik der neunziger Jahre vor Augen geführt werden, es muss hervorgehoben werden, wer die entscheidenden Akzente gesetzt hat und wo lyrische Konturen bzw. Profil und Programm der Lyrik 90er Jahre sichtbar werden. Die einzelnen großen und kleinen Gedichte (denn die sind wesentlich, weniger die Namen, die dahinter stehen), stehen dabei eben nicht nur für sich, sondern bilden gemeinsam die Gestalt Lyrik. Diese wird allerdings in Elms unvollständigem Sammelsurium nicht sichtbar.

    Die einfache Zweiteilung in ‚Erlebnisdichtung' und ‚Transitpoesie', wie hier im ausführlichen Vorwort vorgenommen, hilft auch nicht entscheidend weiter - und Formulierungen wie "zweigeteilte Situation der deutschen Lyrik" oder "Gegengruppen" sind mir nicht recht begreiflich: Wo und wann in der Literatur (wo und wann im Leben überhaupt?) gäbe es die beiden gegensätzlichen und einander doch anziehenden Pole nicht? Antithetisches, Antonymes, Gegenläufiges zieht mich an, treibt mein Werk an, beflügelt mich, es (wenn notwendig) ganz anders zu machen. "Auch das Yin und Yang / der Chinesen / erinnert mehr an einen Beischlaf / als an ein Schlachtfeld" heißt es in einem Gedicht des Dänen Iwan Milanowski (Jg. 1929). (((Da kommt mir die romantische Idee einer ironischen Installation: Ulla Hahn & Thomas Kling zusamm' im Bett - - - rein - dichterisch - natürlich, ergo: FARCE POETICA...))) Nein, so sind die deutschsprachigen Gedichte der 90er Jahre nicht zu fassen und in lyrischer Hinsicht in den Begriff zu kriegen...

    Thomas Kling gehört zu den exzentrischen lyrischen Erscheinungen der gesamten 90er Jahre und taucht doch erst ganz am Ende des Bandes auf (mit gerade einmal 3 Gedichten wie z.B. auch Ulla Hahn, die in den 90er Jahren nur noch eine periphere Rolle spielt, während Büchnerpreisträger Durs Grünbein wiederum wesentlich mehr Platz eingeräumt bekommt), nach den Altmeistern Mayröcker, Pastior, Jandl, von denen Kling sicherlich viel gelesen und erfahren, die er aber mit seinem lyrischen Prototyp der 90er Jahre überwindet. Hier vermisse ich Leute wie Dieter M. Gräf oder Norbert Hummelt. Apropos vermissen: Was in dieser Anthologie so alles nicht aufgenommen wurde (s.o.), grenzt bereits an eine Form von Ignoranz, die auch von den aufgenommenen Dichtern als Beleidigung der Lyrik empfunden werden muss: Auf so originelle Lyriker wie Ulrich Johannes Beil, Franz Josef Czernin, Adolf Endler, Elke Erb, Gerhard Falkner, Manfred Peter Hein, Franz Hodjak, Steffen Jacobs, Johannes Kühn, Peter Waterhouse, Paul Wühr (u.a.) kann eine Anthologie nicht verzichten, die einen repräsentativen Querschnitt präsentieren will. Hören wir Ernst Jandl (S. 171):

    literatur und tod

    d literatur, des wisz jo

    ist a gaunz a diaffs grob

    wo kaana drin waas

    ob a jemoes a r aufaschdehung hod

    Von der - leider, leider - fast gar nicht berücksichtigten, schier grenzenlos sich in vielerlei Richtungen bewegenden Lyrik, die in den Hunderten von deutschsprachigen Kleinverlagen und Minipressen publiziert wird, will ich hier gar nicht erst groß sprechen. Dabei bleiben neben Lyrikerinnen und Lyrikern wie Ewa Boura, Kersten Flenter, Aldona Gustas, Hadayattullah Hübsch, Oliver Pade, Arne Rautenberg, Anja Utler, Erich Wilker, Peter Will u.v.a. allerdings auch ganze Gruppen außen vor, die aber mit ihren z.T. internationalen, z.T. lautstarken, z.T. stillen Aktionen, Projekten und Festivals in den 90er Jahren viel Power in den lyrischen Laden gebracht haben - sehr zum Unterschied zu den 80er Jahren. Bleibt noch der Hinweis auf eine weitere, ebenfalls bei Reclam erschienene aktuelle Lyrikanthologie, die von Harald Hartung herausgegebene Sammlung von Gedichten des ganzen 20. Jahrhunderts Jahrhundertgedächtnis, die ich in ihrer Gesamtkonzeption für wesentlich gelungener halte.

    Erfreulicherweise hat auch der Heidelberger Verlag Wunderhorn unter der Herausgeberschaft von Michael Braun und Hans Thill mit Das verlorene Alphabet eine lyrische Anthologie der 90er Jahre herausgebracht, die natürlich auch nicht alle Wünsche erfüllen kann, aber eine interessantere, spannendere, überraschende Lektüre gewesen ist und vor allem dem gestalthaften Charakter der Lyrik wesentlich näher kommt als Theo Elms Anthologie, in der eben in erster Linie die stehen, die immer da stehen...

    Von Theo Breuer



    Theo Elm (Hrsg.): Lyrik der Neunziger Jahre. Reclam Verlag Stuttgart 2000, 218 Seiten . 5,10 Euro.

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