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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. Juli 2017 | 18:50

    Buchwald/Wolf (Hrsg.): Jahrbuch der Lyrik 2009

    27.04.2009

    Das dreißigste Jahr

    Ob das Jahrbuch der Lyrik 2009 das letzte sein wird, ist noch nicht ganz raus. Ein besonders schönes ist es jedenfalls geworden. Von DANIEL GRAF

     

    Als Ende Februar die Wirklichkeit einen auf Symbolik machte und ausgerechnet am Aschermittwoch die Nachricht durchs Netz ging, dass der S. Fischer Verlag die Reihe Jahrbuch der Lyrik nicht fortführen werde, war das drohende Aus für Christoph Buchwalds Jahresanthologie ein paar Tage lang der Aufreger schlechthin – innerhalb der Lyrikgemeinde. Die Wahrnehmung außerhalb dieses Inner Circle? – Ja, eben. Insofern offenbarte die Debatte, so berechtigt die Hinweise auf die Bedeutung dieser Anthologie waren und so verständlich die Enttäuschung über den Ausstieg des Verlags, auch selbst wieder viel von dessen Gründen. Richtig ist jedoch auch, was Axel Kutsch voreiligen Grabreden entgegengehalten hat: dass Christoph Buchwald „die traditionsreiche Anthologiereihe schon einige Male aus stürmischer See in ruhige Gewässer manövriert“ hat. Also doch nicht Ende der Reise im dreißigsten Jahr?

    Eine ganz andere Art von Schlussdiskussion führt Uljana Wolf in ihrem in vielerlei Hinsicht bedenkenswerten Nachwort zu diesem möglicherweise letzten Band. „Notwendig“, schreibt die diesjährige Mitherausgeberin, „waren für mich unter anderem solche Gedichte, die dem Bedürfnis nach Schlusszeilen bzw. Gedichtenden widerstanden.“ Das steht bei Uljana Wolf im Kontext einer durchaus ethisch motivierten Programmatik des Unabgeschlossenen, für die sie völlig zu Recht die Poetik von Paul Celan als Vorbild anführt. An ihrer These allerdings, wonach „Gedichte mit einem ausgewiesenen Abschluss“ dazu neigen, die Spielräume des Lesers einzuengen, darf man vielleicht dennoch vorsichtig Zweifel anmelden. Wird da nicht zu abstrakt gegenüber dem konkreten Einzeltext von einem äußeren Formmerkmal auf eine ganz bestimmte Implikation geschlossen? Ist nicht Celans Dichtung das beste Beispiel dafür, dass sich ein Schreiben, das ins Offene ausschwingt, und Endzeilen, die nachdrücklich als solche ausgewiesen sind, überhaupt nicht ausschließen müssen?

    Schreiben ins Offene

    Und gilt nicht Ähnliches für etliche Texte im aktuellen Jahrbuch, die auch Schluss-Satz-Gedichte im positivsten Sinne sind? Texte von Simone Hirth, Ulrike Draesner, Anne Dorn, Christoph Wenzel oder Daniela Seel (um nur einige zu nennen), die gerade indem sie einen „ausgewiesenen Abschluss“ setzen dem Text noch einmal eine neue Dimension aufreißen, Assoziationen multiplizieren, dem Erinnerten erst sein unmittelbar Gegenwärtiges geben oder Zusammenhänge durchkreuzen, um frische, unerwartete zu stiften? Oder Texte wie die von Andreas Münzner und Raphael Urweider, die sich ganz nah ans Resümee- und Sentenzhafte, vielleicht sogar ans Sentimentale wagen, aber damit auch über die interne Verweisstruktur der eigenen Bildebene hinausgreifen?

    Trotzdem – und darauf scheint Uljana Wolfs Skepsis ja gerichtet – ist die Endzeile der wahrscheinlich schmalste Grat des Gedichts, sie eigens zu belasten ein besonderes Risiko. Auch das zeigt die (in der Anordnung sehr bewusst komponierte) Auswahl der Herausgeber. So spürt Fabjan Hafner in seiner von Akustik, Gesangslehre und Musikhistorie inspirierten „Geschichte des Lauschens“ tiefgründig den Ambivalenzen des Verhältnisses von Sprache, Denken und Singen nach, läuft aber durch die Verlockung zum gravitätischen Schlussvers Gefahr, die Widersprüche im Emphatisch-Affirmativen wieder einzuebnen.

    Spiel und Sinnlichkeit

    Jedenfalls ist das Unbehagen, das Uljana Wolf gegnnüber dem Statischen und Festgelegten (also auch gegenüber der eigenen Selektionsaufgabe als Herausgeberin) äußert, rezeptionsästhetisch gar nicht so weit weg von der provokanten These ihres Vorgängers: „Das Verstehen in der Lyrik hat der Teufel gesehen.“ Drei lesenswerte Kurzessays von Axel Kutsch, Hans Thill und Gisela Trahms am Ende des Buches sind der Auseinandersetzung mit diesem Diktum von Ulf Stolterfoht gewidmet. Dessen zwei im Band versammelte Gedichte liefern derweil ein überzeugendes Plädoyer für zumindest einen teilweisen Verstehensboykott und bewahren sich ebenso ihren Bodensatz des Unverfügbaren wie dieser kleine Exzellenznachweis von Herta Müller:
         
    In den Straßen mit den frierenden
    alleinregierenden Laternen heiraten
    die Birnenbäume zweimal erst sich
    selber später ihren Zufall – aber
    frag mich besser nicht wie die
    Blätter fliegen lernen und was
    er an mir riecht dass er
    mir nachkommt der magere
    Trompetennasenhund

    Ein Hit auch der „spaziergang“ von Carl-Christian Elze, der in Wirklichkeit eine tour de force ist, eine Jonglage mit dem Absurden und eine Demonstration dessen, was Dichtung zur Not auch an den Haaren herbeiziehen kann, wenn man ihre Mittel beherrscht. Und dann, drei Seiten weiter, Friederike Mayröcker: Mannomann, welche Größe, immer noch. Überhaupt ist ein gehöriger Anteil Spiel und Sinnlichkeit in diesem Jahrbuch. Und Witz: als dialektales Pointengedicht bei Fitzgerald Kusz; als sensible Zeitdiagnose bei Martin Jankowski; als Tonspur in den gesellschaftskritischen Mixes von Gerald Fiebig und Tom Bresemann. Nicht zuletzt wartet die Anthologie mit ein paar beachtlichen „Entdeckungen“ auf (auch wenn dieses Wort auf manche der folgenden Namen schon gar nicht mehr wirklich passt).

    Marianne Mühlichens Shakespeare-Update überträgt das Prinzip syntaktischer Mehrstrahligkeit gekonnt auf die Gesamtform. Gestaltet als Doppelkolumne, hat dieser „akt I“ mindestens zwei Versionen, das ganze Gedicht wird gewissermaßen zum Apokoinou. Ebenso unverbraucht wie diese Technik ist Claudia Kohlus’ Vokabular, mit dem sie abgegriffene Redensarten zu reanimieren versteht. Auch wenn sich ihr ganz eigener Ton in der zweiten Gedichthälfte von „nüscht“ ein wenig verliert – man freut sich auf mehr von dieser Autorin.

    Jan Imgrunds Dialog mit Eichendorff ist geprägt von einem Humor, der auf der Kippe ins Tieftraurige steht; einem Lächeln, das zur Romantik auf Distanz zu gehen scheint, aber „still und heimlich“ deren Entgrenzungssehnsucht fast noch übersteigert. Aus diesem Widerstreit resultiert ein entscheidungslähmendes Vielleicht als Grundbefindlichkeit, ein second life in der Warteschleife. Von noch ferner, aus Mythologie und Märchen, kommt die Gedichtstimme von Marjana Gaponenko, die so sehr dem bezirzenden, umgarnenden Tonfall verschrieben ist, dass die eingebauten Stolpersteine fast als Koketterie erscheinen: als selbstbewusstes Spiel einer Ästhetik, die dem sprachlichen Sog auch die Überwindung aller Irritationsmomente zutraut.

    Sehr viel welthaltiger hingegen die Lyrik von Greta Granderath, in deren Bildern der Mensch buchstäblich am Tropf der Technik hängt. Die Natur, so derb sie sich behauptet, bleibt wahrnehmungstechnisch sekundär, erscheint längst als Mimesis der Maschinen. Krähen „imitieren die Bewegungen des Kameraauges / über einem Herrn in roter Regenjacke / allein und atmungsaktiv“, heißt es da. Das nehmen wir als Schlusssatz.

     

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