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Donnerstag, 30. März 2017 | 20:29

Nora Gomringer: Klimaforschung

16.02.2009

Raum für Echos

Nora Gomringer erforscht mit ihrem neuen Gedichtband die Schwankungen im Betriebsklima zwischen Ich und Welt. Und die Möglichkeiten ganz unterschiedlicher Sprechweisen. Von DANIEL GRAF

 

Man hat bei Nora Gomringer ja schnell das Wort „Performance“ parat. Großartige Vortragskünstlerin, Slam-Poetry-Herkunft – völlig richtig. Trotzdem will spätestens ihr neuer Gedichtband doch nicht mehr so richtig in diese Schublade passen. Oder zugespitzter: Was das Buch vor allem performt, ist ein Einspruch gegen ein zu einseitiges Etikett. Natürlich gibt es die genuinen Sprechtexte auch in Klimaforschung. Aber das ist nur eine und noch nicht einmal die dominierende Spielart.

Schon im Eingangskapitel: leise, intime Töne; viel Genesis und Antike. Meditationen über die großen Themen. Erinnerungstexte, die über die private Bestandsaufnahme vor- (oder besser: zurück) dringen zur Geschichte und einem Bewusstsein, das von dort her den kritischen Blick auf die eigene Gegenwart richtet: „Ich sorge mich. Um das Erinnern. Dass es nicht mehr. Rechtzeitig geschieht. Es nicht mehr. Abrufbar bleibt.“

Ganz anders wieder der Tonfall dort, wo Gomringer den zwischenmenschlichen Verwitterungen nachspürt, wie in diesen lapidaren Anfangszeilen von „Liebesrost“, die im Grunde schon alles enthalten: „Über Nacht/ Bist du oxidiert/ Neben mir“. Das ist mit einem trockenen, vollkommen unsentimentalen Realitätsblick gesehen. Aber die Mehrdimensionalität von Gomringers Sprachwitz geht auf Abstand zu blankem Zynismus, behauptet kein falsches non-involvement, sondern bleibt grundiert von einer Unbegreiflichkeit, die gleichzeitig Verlusterfahrung und analytisches Staunen bedeutet. Nichts wird hier fein säuberlich geschieden, weil das auch die Realität nicht tut. Die Experimente dieser Texte suchen gerade nicht die Laborsituation, ihr Interesse gilt dem Mischklima.

Mehrdimensionaler Wortwitz

So sind es in gewisser Weise die Kulissen, die hier die Hauptrollen spielen, die sichtbaren und unsichtbaren Räume zwischen den Akteuren. Fenster, Türen, kleine Spalten heben die Geschlossenheit einzelner Sphären auf, lassen den einen Bereich den anderen überlappen. Subtil wie kaum ein anderer Text in diesem Buch registriert „Raum für Echos“, was bei diesen ganz realen Versuchsanordnungen vor sich geht:


Als ich meinen Geliebten zum ersten Mal besuchte,
In seinen Badezimmerspiegel sah,
Aus seinem Geschirr trank und aß, stellte sich ein Verdacht ein:

Hier alles wie Wohnung
Nur Bett nicht Bett und Stuhl nicht Stuhl und

Auf dem Parkett Ringe,
Hier waren irdene Töpfe, Blumen welk darin

Alles wie weggenommen
Nicht zurückgestellt
Fehlen von Material und Dichte
Raum für Echos

Entstanden
Als eine ging
Mit lautem Schritt über das Holz.


Vollkommen schlicht kommt das Gedicht daher, und doch bleibt nichts ohne doppelten Boden, kein Wort, das nicht aus der Vorvergangenheit übergreift ins erzählte Geschehen und dieses so infiltriert, dass sich da etwas in neuer Personenkonstellation noch einmal zu vollziehen scheint: „eine ging / Mit lautem Schritt über das Holz.“

Wird Irritation hier zu einem zentralen Verfahren des Gedichts, ist der verspielte Boykott von Lesererwartungen insgesamt eine Grundtechnik dieser Klimaforschung. Das gilt auch für das Verhältnis von Buch und integrierter CD. Es ist der Band, der einen echten hidden track enthält, nicht der Tonträger. Dieser wiederum arrangiert die Texte neu, nicht nur, was die Reihenfolge angeht. Und dass Nora Gomringer eine glänzende Interpretin ihrer Texte ist, ist glücklicherweise eine nicht durchkreuzte Lesererwartung.

Zugegeben: Wer unbedingt nörgeln mag, findet ein paar etwas vorhersehbare Pointen, die eine oder andere Langatmigkeit, auch einige eher flache Texte. Man kann sich aber auch einfach über die Ideenfülle des Bandes freuen, über Gomringers intelligenten Humor und ihr Spektrum an lyrischen Sprechweisen. Man muss sich nur die beiden englischsprachigen Gedichte des Bandes ansehen (oder -hören): Gegensätzlicher im Thema, verschiedener im Register und – trotz kleiner phonetischer Verknüpfungen und teilweise gleicher Protokoll-Syntax – unterschiedlicher im Ton können zwei Gedichte kaum sein. Wer deshalb glaubt, Nora Gomringer würde eine von beiden Sprechweisen weniger beherrschen, hat noch eine Leserirritation mehr.

 

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