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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. April 2017 | 03:37

    Lutz Steinbrück: Fluchtpunkt: Perspektiven

    29.12.2008

    Diorama: Technicolor

    Mit Fluchtpunkt: Perspektiven rückt Lutz Steinbrück seinen Debütband in die Bildebene, winkelt die Blicke an Gesellschaft und Städten, tastet sich aber auch fernab des Technicolors und aller Peripherien in den Innenraum des Subjekts vor und wieder dorthin zurück. Von SIMONE KORNAPPEL

     


    Stadtflucht in die Matrjoschka


    Die Tiefe und Dynamik, die man sich von Fluchtpunkten im Aufriss verspricht, überträgt Steinbrück dabei mitunter geschickt in seine Texte, sei es nun über Wortspiele, Semantik oder über Ironie, die die Kritik an Umständen und Umständlichkeiten einbezieht. Die jeweiligen Monierungen sind dabei weder mit dem Holzhammer gezimmert, noch drehen sie ihren Zeigefinger unangenehm im Auge eines Lesers umher – mehr ist es eine Art komischer Ernst, der hier zum Nackenbiss ansetzt:

    über jene Stammzellen-Gourmets, die
    99,9 % Mensch-Material mit 0,1 % Rinder-Eizelle
    zu Embryos verschmolzen?

    (ein Quäntchen Kuh hat noch
    keinem von uns geschadet)


    So bleiben die Betrachtungen letztlich auch keine oberflächliche Beschau, sondern ihre Ebenen verschachteln sich wie bei einer Matrjoschka und stecken selbst im Einsatz der Vokabeln, ohne dabei hölzern oder konstruiert zu wirken. Umfeld, Gebrauchsgegenstand und Subjekt werden zudem ineinander überführt und sprachlich verknüpft. Folgt der Leser dieser Linie, so gelangt er zur Fensterflucht ins Private, einem Aspekt, den Steinbrücks Texte gerne als Wunschkind wiegen, jedoch nicht unklar lassen, dass eben dieser Rückzug ohne einen Restposten an Technik nicht umsetzbar wäre.

    misstraue den Städten und ihrem flüchtigen Beginn,
    küss lieber deinen Kühlschrank warm, verlass dich auf
    das Notstrom-Aggregat und das Knistern deiner Schritte



    Sprachlich finden sich aber neben überaus gelungener Metaphorik und frisch-kesser Begriffsjonglage auch Passagen, die ein wenig zu rundgelutscht erscheinen, als dass sie noch Ecken hätten, die groß zum Kauen zwängen: Formulierungen wie „beredetes Schweigen“, „Sagen-Haft“ oder „das Zeitfenster schließt“ sind leider und gerade im Abgleich zu vielen anderen Bildern eher fad bis mundfaul geraten.
    Und auch das ein oder andere Kompositakompott wie „schießwütige Spielzeug-/ Soldaten für kinderfreundliche Kundenstämme“ wirkt zu aufdringlich, ja erschlagend dicht, gerade wenn sich neben der Wortlänge zudem die Stabreime aufbäumen. Sicher funktionieren die Verse als Skizze eines Gedränges gut, auch semantisch und immanent kann der Leser diesem Daumenkino folgen, nur haben solche Begriffscluster oft den Charakter quellender Erbsen, die den übrigen Text an dieser Stelle auseinander treiben.

    kein Cellophan

    Insgesamt haftet den Texten mitunter der leichte Benzingeruch von Rolf Dieter Brinkmann an, was aber keineswegs zu anlehnend oder negativ wirkt. Steinbrück bewahrt sich seine Eigenständigkeit durchaus und bringt lediglich mit einem Flüstern im Hintergrund an, was ihn bewegt haben könnte. Seine Gedichte sind neubacken, innovativ und gegenwärtig und stehen anderen aktuellen Cellophandichtungen mit ihrer Lebendigkeit und Fragenzeichnung verschmitzt gegenüber. Und auch wenn einige Konstrukte im sprachlichen Sinne das Gesamtbild etwas trüben können: Dieser Band hat Luft zum Atmen, einen fühlbaren Puls. Man darf nicht nur, man will gespannt sein, womit Lutz Steinbrück noch aufwartet.

    Unnötige Zitierreflexe sucht ein Leser in diesem Band vergebens: „ein Überleben jenseits der Zitate“, wie es in einem Gedicht heißt, ist so sicher sehr geglückt.

    Fußnote, nicht zu vergessen

    Sehr erwähnenswert sind gelöst von den Texten die Illustrationen von Katharina Berndt, die durch ihre Aufmachung Titel wie Thema aufgreifen und kreativ zeichnerisch ableiten. Die Schnittmenge zwischen Grafiken und Poesie ist es somit, die den Band überdies zur einer sehr stimmigen und ansprechenden Collage werden lässt.

     

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