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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. April 2017 | 03:36

    Der Lyrikkalender 2009 des Deutschlandfunks

    08.12.2008

    Krisenfester Wert

    Früher, in der Schule, wollten wohl die meisten von uns bei der Ankündigung „Gedicht!“ am liebsten die Klasse verlassen. Aber um wieviel Vergnügen und Weisheit brächte man sich, wollte man diesen Fluchtreflex aufrecht erhalten bis zum Grabe! Eine vorweihnachtliche Kaufempfehlung von STEFFEN RIZZ.

     

    Wortreich lockt er / Schätze birgt er /
    Ist zu stellen, zu hängen /
    Zum Kauf will ich drängen.

    Keine Sorge: Solche Schlichtgedichte enthält er nicht, der Lyrikkalender 2009…

    Aber das „drängen“ meine ich schon dringlich, denn dieser Kalender ist wirklich ein Lebensgenusserhöher. Voraussetzung dafür ist nicht Gelehrsamkeit, sondern ein wenig Lust am Wort sowie seelisches Schwingungsvermögen. Da dies ja seit einiger Zeit nicht mehr auf Frauen begrenzt ist, sei der Kalender auch ausdrücklich dem Mann empfohlen. Am Morgen, schon bedient vom Blick in Spiegel und Zeitung, die Augen noch rasch auf ein Gedicht zu richten, ist einfach ein Labsal.

    ich will nicht sein
    so wie ihr mich wollt
    ich will nicht ihr sein
    so wie ihr mich wollt…

    beginnt Ernst Jandls my own song, und wer führe, so gestärkt, nicht aufrechter in den Arbeitstag?

    Trifft Poesie die eigene Befindlichkeit, vermehrt sie die Lebenslust oder den Grimm aufs Wohltuendste. Ist sie in anderen Stimmungen unterwegs, belebt der Kontrast. Und ist sie einem nicht genehm oder hält man sie gar für Sülze, reißt man eben das Blatt ab und schleudert es, zum Ball zerknüllt, gegen die Wand.

    Aber das wird wohl selten geschehen. Michael Braun, der den Lyrikkalender des Deutschlandfunks herausgibt, ist einer der profundesten Lyrikkenner Deutschlands. Auf seine Wahl ist Verlass. Bekannte und unbekannte Namen hat er hier versammelt, die Lesebuch-Erbaulichkeit gänzlich gemieden, Verrücktes nicht gescheut, Seltenes ausgegraben und Zeitgenössisches in verträglicher Dosierung hinzugefügt. Und der Verlag hat glücklicherweise das gute Papier und die ausgewogene, das Auge erfreuende Gestaltung unverändert beibehalten. Nur das Deckblatt kommt immer ein wenig herb daher. Egal: Ab 1. Januar bereichert es das Altpapier.

    Gedichte sind beides: ganz einfach, ganz komplex. Wer ein bisschen mehr wissen will über den Dichter / die Dichterin, die Entstehungszeit, die formalen Tricks, hebt einfach das Blatt hoch und liest auf der Rückseite, was Braun dem Text mit auf den Weg zum Herzen des Lesers gegeben hat: einfühlsame, knappste Deutungen, die genügend Spielraum lassen für die eigenen Reaktionen. Wer lieber nur sich selbst vertraut, genießt das Gedicht pur.

    Früher, in der Schule, wollten wohl die meisten von uns bei der Ankündigung „Gedicht!“ am liebsten die Klasse verlassen. Aber um wieviel Vergnügen und Weisheit brächte man sich, wollte man diesen Fluchtreflex aufrecht erhalten bis zum Grabe, statt endlich erwachsen zu werden!

    Außen ist man nur verwirret,
    Innen ist man klar und deutlich,
    O wie hatten Träume Recht!
    Könnten wir nur recht erwachen,
    Uns besinnen, Trug verscheuchen;
    Zu dem wahren Traum hinab!
    ….

    Wie wahr, denkt man, wie zauberhaft! Wann wurde das wohl geschrieben und von wem?

    Vor fast 220 Jahren, von Rahel Varnhagen, deren Namen jeder mal gehört hat (sie hatte den berühmtesten literarischen Salon im Berlin der Romantik) und deren Texte kaum jemand kennt. Dieser, ein still schimmernder Fund, ist heute so neu und anrührend wie damals und wartet darauf, mit seinen Versgefährten auf 365 Seiten Ihr nächstes Jahr zu bereichern. Verschenken Sie den Kalender oder gönnen Sie sich selbst das Vergnügen, am besten beides.

     

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