"Ulrike Draesners Gedichte handeln vom Alltag, von Liebe und Natur, von der Stadt." Wer diesen Satz im Klappentext des Buches liest, kann sich beruhigt zurücklehnen und auf eine gemütliche Abendlektüre freuen: Da ist schließlich von allem und für jeden etwas dabei, und der einfache Satz vermittelt mir als Leser eine gewisse Beruhigung. Das assoziative Feuerwerk, das dann unvermittelt ab dem dritten Gedicht einsetzt, die semantischen Knallfrösche, die während des Leseprozesses gezündet werden, lassen mich den ruhigen Abend schnell vergessen. Hier ist meine absolute Aufmerksamkeit gefordert. Ulrike Draesners (*1962) eigenwilliger Stil in
für die nacht geheuerte zellen verflechtet - fragmentarisch, synästhetisch - alles miteinander, was sich verbinden lässt (so, wie sich Welt in Köpfen abspielt, das ist also weder abartig noch fremd, wenn jemand so dichtet, wie manche Kritiker, die diese für die 90er Jahre so typisch neue Art Verse zu setzen, behaupten, wobei sie offenbar nicht realisieren, dass derartige Gedichte mit ihren bewusstseinsstromförmigen Verknüpfungen Gehirnwirklichkeiten spiegeln).
Ganz Poetin, lässt Ulrike Draesner sich in den Sog der von ihr in Bewegung und Verse gesetzten Sprache hineinziehen, und der Leser wird mitgerissen, muss sich wehren, indem er einhält, nach Halterungen im lyrischen Geäst sucht und sich an Wortwurzeln klammert Denn blitzschnell springt sie hin und her, lässt sich von Begriffen, Farben, Lauten, Wörtern (...) weitertragen, und wir müssen auf der Hut sein, nicht zu viele Anschlüsse zu verpassen, denn wer z.B. die Verbindung von Tulpen / zwei Lippen verstehen will, muss wissen, dass tulips auf englisch Tulpen heißt u.v.a.m. Wer sich dieser dichterischen Akupunktur unterziehen will, dem sei das in die Kapitel feuer, metall, wasser, luft, erde und holz unterteilte - sehr interessante - Gedichtbuch von Ulrike Draesner nahegelegt.
…is really killing you
fahr zum mir
auf der erde entlang. erde. dass wir daraus
wachsen, schrötig, komplex, hätte wer gedacht. Wir fahren
doch. autobahn, wald, schilder wie wimpern
am rand. kompaktes info, touristisch himmelland,
pudding der rest. im fond die
prüfbodies, 10 meter vorm katapult,
winken noch, die kinder, winken,
this treck, my dear, is really kidding you.
Von Theo Breuer
Ulrike Draesner: für die nacht geheuerte zellen. Gedichte, Originalausgabe, 136 Seiten, Broschur, 19,50 DM. SL 2004