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Dienstag, 28. März 2017 | 08:08

Nico Bleutge: fallstreifen

17.11.2008

Einsteins Kleiderschrank

Es hält sich die Anekdote, dass Einstein mehrere Garnituren der gleichen Kombination besaß, um so keine Gedanken daran verschwenden zu müssen, welchen Anzug es denn anzuziehen gelte. Es gab schlicht den nächsten Satz von der Stange. An eben jene Garderobe erinnert „fallstreifen“ bedauerlicherweise in weiten Teilen ungemein. Von SIMONE KORNAPPEL

 


„die dinge, töne schienen ähnlich“


Das Sprachfeld ist recht eng gefasst, bewegt und wiederholt sich zwischen allzu vertrauten Vokabeln wie „rändern“, „flächen“, „licht“ und „farbe“, die bereits in klare konturen so prägend angeklungen sind. Selbst „rillen und wölbungen“ finden sich erneut. Haut und Häute, dicht an dicht. Ja, sogar die Blätter in ihrem altbekannten Zappeln und Zucken sind vertreten, ohne dass sich der Kontext ihrer Einbindung wirklich ändern würde.

Letztlich tönen nicht nur eine Vielzahl von Begriffen bekannt, auch ihr Passepartout ist häufig in kaum modifizierter Strich- und Farbführung angelegt: So streut sich e.g. Bleutges Passion für Lichtszenarien und die damit einhergehende direkte wie immanente Gestaltung von Bild und Text ein. Der Einfallswinkel der jeweiligen Ausleuchtungen aber gleicht dem Debütband wiederum zu sehr. „ein anderes licht, ein anderes schauen“ ist selten aufzutun - eher findet der Leser probate Lichtpausen.

Und dennoch entdeckt man gelöst davon zuweilen einen Sprachfluss, der weitaus assoziativer und sprungfreudiger wirkt, als im vorherigen Band. Es ist jedoch wieder der sprachliche Rahmen, der diese Sprünge schwerlich über ein vorskizziertes Spielfeld hinauskommen lässt:

es war von schnee die rede, seiner härte
schnee, der sich in spalten frißt und risse
im gelände hinterläßt, ich sagte schnee

[...] das bild sackte in sich zusammen


Setzt Bleutge dagegen dazu an, einen Schritt aus diesem Karree hinaus zu wagen, kommt es verschiedentlich zu eigentümlichen, teils unfreiwillig kuriosen Darstellungen:

das glühen in den achseln, fieber-
Gefühl


ist beispielsweise als Bild genauso unstimmig wie widerwillig amüsant.

Echolot Emphasen

Das Konzept des bewährten Konzeptes vollzieht sich zudem noch auf einer anderen Ebene: Es ist weniger 'Ausgehfleisch' und mehr Sitzfleisch, wenn sich auch das intertextuelle Dickicht erneut als Verästelung durch viele Stücke zieht. So sind in der Vielzahl der eingebauten Fragmente u.a. Bezüge zu Walter Kempowski, Thomas Kling und Michael Hamburger aufzulesen, die als Impulsgeber eingebaut werden. Zwar funktionieren die entsprechenden Zitate innerhalb der Texte gut, wirken wohl platziert und nicht so laut ansagend, als dass sie den mitunter versteckten 'Sprecher' vor dem Souffleur überlagerten oder ihm eine Interpretation der Szene aufdrängten. Allerdings ist es über den gesamten Band bemessen nicht nur das bekannte und geübte Schema des Einbindens, sondern gerade die Masse der Einschübe, die sowohl kritisch wie über-frachtend anmutet. Sicher kann gerade das manchen Lesern oder Rezensenten einen „intellektuellen Spaß“ bieten („FAZ“), nur sollte sich in diesem Zusammenhang die Frage stellen lassen, ob man es mit solcherlei Bespaßung nicht überreizt, wenn der Großteil der Texte mit diesem Prinzip spielt und ob ein solches Ausmaß nicht als unnötiges Kokettieren verstanden werden kann.

„und was, wenn sich die möglichkeit nicht zeigt“

Überraschend positiv ist zunächst, dass Nico Bleutge stellenweise das „Ich“ von seiner bei ihm oftmals hintergründigen Position in „fallstreifen“ vermehrt als ausgeschriebene Sprechinstanz agieren lässt, das außenstehende Subjekt zum direkt integrierten Ich teils explizit ausschreibt. Leider aber befremden einige der entsprechenden Gedichte mehr, als dass sie in Gänze überzeugen können. Nicht nur Formulierungen wie „mir wird noch afrikanischer zumute“ fallen für sich betrachtet und in ihrer Stellung innerhalb eines Gedichtes, das ein Kriegsgeschehen nachzeichnen mag, fraglich bis ungelenk auf. Überdies ist hier unklar, für was dieses bizarre, 'kontinentale' Befinden denn zu stehen gedenkt.
Insgesamt fehlt leider eine kritischere Auseinandersetzung mit den Feldpostbriefen aus dem Zweiten Weltkrieg, die Bleutge als Hintergrund für die besagten Zyklen angibt. Als Ausflug zu den „Resten des Zweiten Weltkrieges“ verkauft, als ein „Führen in die Vergangenheit“ ausgestellt, scheinen sie mehr undifferenziertes Geleit: Insbesondere Passagen wie „immer noch dreht sich der frontgedanke durch den kopf. ich taste nicht danach. ich lausche“ stehen par excellence für ein Nichthinterfragen und einen allzu harmonisch verklärten Übertrag fremder Kriegserinnerungen.

Auch wenn eine nahezu durchgehende und sehr gute Kältemetaphorik mit all ihrem Klirren und aufgeplatzten Lippen dagegen hält, so sind es doch die Natur- und Umgebungsbeschreibungen in ihrer Weichzeichnung, die – Auszügen, wie dem obigen direkt angestellt - für eine teils verstörende Poetisierung der Front sorgen:

fast spür ich mich als habicht,
fern dem ziesel, behaucht


Das lyrische Ich steht zudem, obwohl ausgeschrieben, wieder auf Distanz; nur in anderer Weise. Diesmal geschieht das nicht durch sein Auftreten über die bloße Wahrnehmungsinstanz, ohne dabei selbst genannt zu werden. Es ist eben jener Weichzeichnungsfilter in Flora und Fauna, der das Subjekt trotz Nennung bisweilen in die Unschärfe rückt. Aus dieser Perspektive heraus und nach dem Kontrast geurteilt, hat sich die Distanzschule des Ichs bei Bleutge in Ansätzen gehalten und trotzdem entwickelt.

Und doch: Sprühregen

Bei aller Kritik – es gibt sie: die feinen und versierten Gedichte, die so sehr nach Bleutge klingen, ohne sich im typischen und bekannten Vokabular zu verfangen, dies aus der Bewährung heraus schlicht wieder aufzugreifen oder eingesessene Konzepte aufzubacken. Texte wie „dann, gegen mittag“, „libellenkörper, wie erlegt“ oder „brennessel-schatten“ sind die anmutigen Stücke, denen man nachschaut, die begeistern können. Aber während sie als Sprühregen noch den Boden erreichen, schafft das „fallstreifen“ insgesamt leider kaum:

nichts
will sich lösen, zeichen sein, was sich bewegt
scheint doch zu verharren [...]

 

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