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    Dienstag, 30. Mai 2017 | 11:16

    Axel Kutsch (Hg.): Versnetze. Buch der neuen deutschen Lyrik

    29.09.2008

    Lyrische Langstrecke

    Vor der Postleitzahlenkarte sind alle gleich. Vor dem Geburtsregister ebenfalls. Lassen wir mal den Reiseführer zu Hause und begeben uns aufs Geratewohl auf eine Bahnfahrt quer durch die deutschsprachige Lyriklandschaft. Von CARSTEN SCHWEDES

     

    „Lies keine Oden, mein Sohn, lies die Fahrpläne: Sie sind genauer.“ Geht in Ordnung, Papa. Wo’s was Schönes zu entdecken gibt, verrät mir deren bleiches Einheitsgelb aber nicht. Metzingen steht darin auf einer Stufe mit München. Was bleibt also, wenn man ohne Reiseleitung den deutschsprachigen Raum erkunden will? Eine Fahrt über das gesamte Streckennetz, mit willkürlichem Halt an zahlreichen Unterwegsbahnhöfen und einem neugierigen Blick auf alles, was sich den Augen darbietet.

    Zugegeben, diese Prozedur ist ein wenig langatmig. Man ahnte ja schon, dass die Fahrt über das platte Land nicht zu den Höhepunkten der Reise zählen würde. Hier und da ein gelungenes Wortspiel oder eine überraschende Metapher, aber nichts, das zu einem längeren Verweilen und Betrachten auffordern würde. Die Orte stellen hinlänglich bekannte Stimmungsbilder nach, wie sie sich in jeder kleinen Gemeinde finden. Was bei manchen hier absteigenden Touristen ein diffuses Wohlbehagen auslösen mag, lässt den nach Eigenwilligerem oder Subtilerem Suchenden eher trostlos zurück.

    Austauschbarkeit der Fußgängerzonen

    Ähnliches gilt für die Fußgängerzonen kleinerer und größerer Städte. Es beschleicht einen schon beim Aussteigen das Gefühl, hier bereits einmal gewesen zu sein, obwohl man genau weiß, niemals zuvor dort gewesen zu sein. Allerdings sollte nicht verschwiegen werden, dass es auf dieser Fahrt auch weniger bekannte, jedoch durchaus sehenswerte Plätze zu entdecken gab. Etwa in Köln oder Göttingen. Im Großen und Ganzen bestätigt sich jedoch der Eindruck, dass die Orte, denen ein guter Ruf vorauseilt, in vielen Fällen auch einen längeren Aufenthalt wert waren, ihn auch selbst einforderten, indem sie die Antworten auf die Fragen, die sie aufwarfen, nicht gleich mitlieferten, und deren Attraktionen in zahlreiche Richtungen ausstrahlten. So ist man geneigt, zukünftig doch eher wenige, dafür relevantere Reiseziele auszuwählen, anstatt sich dem eher dokumentarischen Ergeiz des Erfassens des gesamten Streckennetzes zu verschreiben. Hinzu kommt, dass etliche sehenswerte Destinationen mangels Bahnhof auf dieser Zugreise nicht angesteuert werden konnten, wodurch der Reiz des Unternehmens ohnehin begrenzt blieb.

    Gutes Handwerk, vielerorts

    Überraschend war für den Reisenden, wie sehr der Blick durch die eigene Zeitgebundenheit geprägt ist. Bauwerke im Stil der 60er- oder 70er-Jahre erschienen ihm zumeist schlecht gealtert und wenig ansprechend. Bei neueren Konstruktionen hingegen öffnete deren weniger ein- als vielstimmige Gestaltung einen Zugang, bei dem man nicht nach dem Eintreten gleich wusste, wo er hinführen würde. Auch waren darin die Bestandteile nicht so zusammengefügt, wie es die Bauregeln vorschreiben, sondern sie wiesen Brüche oder neue Fügungen auf.

    Und überhaupt, die Bauregeln: Es ist schon zuzugestehen, dass vielerorts gutes Handwerk geleistet wird. Daher ist man geneigt, dem Diktum zu widersprechen, dass es nur gute oder schlechte Orte gebe, aber keine mittelmäßigen. Jedoch wird aus gutem Handwerk allein noch lange keine Sehenswürdigkeit. So gibt es eben etliche nette Orte, die in der Fülle allerdings eher austauschbar wirken. Herausragendes entsteht dort, wo die Bauregeln zwar bekannt sind, jedoch auf ein neues Zusammenspiel der Bestandteile hin überschritten werden. Daraus erwachsen Ziele, die man unbedingt länger und genauer anschauen möchte und die nicht im Weiterfahren der Vergessenheit anheimfallen.

     

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