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David Lerner: Die anmutige Kurve eines Marschflugkörpers

22.09.2008

[paperback panorama]

„ich will nichts anderes tun als / der sonne mein monogramm einzubrennen.“ – Und dass Sprengköpfe dazu bestens geeignet sind, belegen die ausgewählten Gedichte von David Lerner in Die anmutige Kurve eines Marschflugkörpers, aus dem Amerikanischen übersetzt von Ron Winkler. Von SIMONE KORNAPPEL

 

Lerners Sprache tanzt einen „Wahnsinnstango“, voll assoziativer Ausfallschritte und fernab eines Mainstreams artifizieller Kaffeekränzchen: „poesie mag keinen latte macchiato“; sie mag eine glücklich sublimierte Wut, eine Begabung, die David Lerner sicherlich zuzuschreiben ist. Seine Gedichte sind stets auf eine Art ungezügelt, seien sie nun tragisch, lauthals fordernd oder bissig. Nichts plätschert, alles prescht, und zwar mitunter gnadenlos schroff, in bestechend guten Bildern gezeichnet, bis in die letzten Fugen trostloser Räume, als gelte es, den Leser zunächst einen tiefen Atemzug nehmen zu lassen, bevor man ihn untertaucht. So verwundert auch kaum, dass Bruce Iscaacson Lerner als eine Art Prophet skizziert, weniger noch, wenn sich die paternosterartigen Wiederholungselemente in den Gedichten letztlich einbläuen, mit denen David Lerner einem Leser mal Abscheu, mal Misere solange um die Ohren schlägt, bis man ihm glaubt, dass ihm nichts ernster hätte sein können, als zu schreiben, nichts wichtiger, als „gedichte zu lesen von der mitte eines brennenden / gebäudes aus“.

Wenn Lerner anführt: „ich will, dass die leute meine gedichte hören und / kotzen müssen“, ist das schreiendes Einfordern von Emotionen und Reaktionen der Leser und nicht ein bloßer Wunsch nach ausgebrochenem Missfallen. Insbesondere die Texte „Wie man Diamanten macht“, „Die Schwerkraft begreifen“ und „Die Kaputten“ mag man herausstellen, da sie all das widerzuspiegeln scheinen, was aufgrund der gegebenen Konturen als Abbild Lerners vermutet werden kann: Denn wenn er Poesie „von einer klippe aus in die eiskalte / see werfen und / schauen“ will, „ob diese motherfuckerin um / ihr leben schwimmen kann“, so springt er hier mindestens „mit 1000 km/h aus dem fenster“ hinterher.

Bester Brandsatz, auch in der Übersetzung

Sehr erfreulich ist, dass der Band zweisprachig erschienen ist, um über die deutsche Übersetzung, teils Umsetzung, an David Lerner heranzuführen und ihm hierzulande einen Synchrontänzer zu geben. Dabei muss man Ron Winkler zugestehen, dass er die Tangoschrittfolge Lerners sehr gut zu erwidern weiß und die Gedichte in ihrer deutschsprachigen Variante nicht an Brennkraft verlieren, was gerade bei der rotzigen und kraftvollen Ausdrucksweise in Lerners Texten mehr als nur schwierig ist. Dennoch wird man an manchen Stellen des Bandes aber auch gewahr, dass der snap-shot-Duktus der englischen Sprache im Deutschen ab und an kein ebenso pointiertes Adäquat finden kann, woran jedoch Ron Winkler selbstredend nichts zu ändern vermag. Mitunter kritisch hingegen werden manche Leser allerdings Überträge zwischen der amerikanischen und deutschen Sprache aufnehmen, die Bezüge neu setzen und e.g. den Espresso neu aufmischen, indem der Cappuccino auf der gegenüberliegenden Seite des Buches zu einem Latte Macchiato aufschäumt. Aber solche Umsetzungen sind stetes Problem einer Übersetzung, da man zwischen erkennbarer Rückbindung und Gegebenheit einer Zielsprache in die Grätsche gehen muss: Ein Bein spreizt sich in Richtung der Charakteristika eines fremdsprachigen Textes und der eingewobenen kulturellen Hintergründe ab, das andere versucht, Zielkultur und Sprache mit den Zehen aufzugreifen. Dass man sich und den Text bei dieser Übung nicht entzweireißt, bedarf stellenweise einiger Dehnung, ist aber hier in keiner Weise überstrapaziert worden, sondern zeugt mehr davon, dass Winkler den Ernst, mit dem Lerner seine Gedichte verfasst hat, mit aufgegriffen und übertragen hat: „poesie will das auge / sein, durch das die welt sich selbst sehen kann [...]

Dieser Band ist nichts, das man andächtig mit Milchschaumbart auf den Knien wiegt, er flicht einem keine Blumen ins Haar – er ist ungestüm und hitzig, gibt dem Leser zwei Drähte in die Hand, setzt ihn in ein Zimmer aus Steckdosen, macht das Licht hinter sich aus und knallt die Türen.

Und wenn „die künftige aufgabe der sprache / ist / sich in einem gebet selbst zu verbrennen“, so ist Die anmutige Kurve eines Marschflugkörpers, erschienen im Verlag des poetenladens, im Gesamten nicht nur eine herausstechende Lyrikzusammenstellung, sondern im Sinne Lerners bester Brandsatz.

 

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