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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. April 2017 | 03:35

    Andreas Altmann: Gemälde mit Fischreiher

    08.09.2008

    Mit allen Sinnen formuliert

    Die Reihe der LyrikHefte, die seit 2005 in unregelmäßigen Abständen in der Sonnenberg-Presse Chemnitz erscheint, vereint anspruchsvolle (aber nicht hochtrabende) Gedichte vornehmlich jüngerer Autoren mit einem Erscheinungsbild, wie es in dieser Ausführung und Preisklasse edler nicht sein könnte. Von STEFAN HEUER

     

    Es ist keine neue Erkenntnis, und jeder, der sich als Rädchen im lyrischen Markt bewegt, ist sich dessen bewusst, sollte sich dessen bewusst sein: Die Lyrik ist nicht die literarische Gattung, die den Jahresumsatz eines großen Publikumverlags zu verdoppeln vermag. Und dass viele größere Verlage nur sporadisch einen Gedichtband in ihr Programm nehmen, als Prestigeobjekt quasi, lässt sich mit der Verantwortung für die berufliche Zukunft ihrer Mitarbeiter erklären. Wo aber keine finanziellen Interessen vorherrschen, besteht für die Lyrik-Afficinados die Möglichkeit, mit und für die Liebe zum Gedicht in die Bresche zu springen, und so lassen sich unzählige Handpressen, Klein- und Kleinstverlage vom Lustprinzip leiten – ein großes und nicht zu ersetzendes Glück, durch das die Vielfalt an Autorentum und Texttypus erhalten bleibt.

    Die Reihe der LyrikHefte, die seit 2005 in unregelmäßigen Abständen (jedoch mindestens halbjährlich) in der von Bettina Haller initiierten Sonnenberg-Presse Chemnitz in einer Auflage von jeweils 200 Exemplaren erscheint, vereint anspruchsvolle (aber nicht hochtrabende) Gedichte vornehmlich jüngerer Autoren mit einem Erscheinungsbild, wie es in dieser Ausführung und Preisklasse edler nicht sein könnte. Zwanzig fadengeheftete Seiten, die von einem faksimile-bedruckten Kartonumschlag umschlossen werden und heftweise wechselnd mit Grafiken von Bettina Haller und Andrea Lange ausgestattet sind.
         
    Als momentan aktuelle Ausgabe liegt das LyrikHeft 6 – Gemälde mit Fischreiher vor, das Naturgedichte des 1963 geborenen Andreas Altmann enthält. Ich bezeichne die in Gemälde mit Fischreiher präsentierten Gedichte vor allem deshalb als Naturgedichte, weil sich die in ihnen geschilderten Vorgänge und Bilder mehrheitlich im Freien abspielen: an Seen, auf Wegen, in und unter Vogelnestern – und auch deshalb, weil sich in Altmanns Gedichten auffällig viele Tiere, Federn und Winde tummeln.
         
    Nun ist es ein Leichtes, sich mit einfältigen oder ins Kitschige abgleitenden Gedichten über die Natur für naiv zu verkaufen, wenn nicht gar lächerlich zu machen: Bei Andreas Altmann besteht diese Gefahr zu keiner Sekunde, in keiner Zeile. Seine von den Augen ausgehenden Beobachtungen, die zunächst wie schlichte Notate der Dokumentation erscheinen, formuliert er mit den anderen Sinnen aus. Poetisch nähert er sich in seinen Gedichten so oftmals einem stimmungsvollen Ende, das die Texte nachklingen lässt und sie von Unverbindlichkeit befreit:

    DAS GRAS IST GEMÄHT. eine bank lehnt am baum.
    er ist ausgetrocknet. das klopfen des spechtes
    an der grenze zur nacht klingt schüssen ähnlich,
    die ihre erinnerung verfehlen. unter den flügen
    des fischreihers, der jeden abend den gleichen bogen
    über das haus spannt, bewegt sich das land. es ist
    still in den geräuschen der grillen und wind
    umhänge, die von den ästen gleiten. hier hörst du
    das schweigen, das dir die tür öffnet. die südlichen
    störche haben ihre nester dem himmel überlassen.
    auf dem haff schlüpfen die mücken. zwei ältere
    frauen stehen bis zu den knieen im wasser. aus
    ihren händen gleitet das licht, sinkt auf den grund.


    Kein Stürmer, der ohne ein unterstützendes Mittelfeld ein Spiel gewinnt; kein Politiker, der eine Wahl im Alleingang entscheidet – manchmal muss es einfach passen. Die Gedichte von Andreas Altmann passen ausgezeichnet zu den für diese Ausgabe entstandenen und mit guter Farbwahl in Szene gesetzten Holzschnitten von Bettina Haller. Wenn es nicht so ausgelutscht wäre, würde ich schreiben: ein Fest für die Sinne. Ach, jetzt habe ich es schon geschrieben.

     

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