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Sonntag, 21. September 2014 | 03:59

Theo Breuer: Kiesel & Kastanie

09.06.2008

Kiesel & Kastanie

Monographie zur Lyrik und Prosa nach 2000

Mit der Machete durch das Lyrik-Dickicht, im Papierschiff durch die Buchstabensuppe: Theo Breuer hält es mit Picasso und dessen Motto: Ich suche nicht, ich finde! Von DTEFAN HEUER

 

Eine unüberschaubare Anzahl von über 80.000 belletristischen Neuerscheinungen und -auflagen drängt in pausenloser Folge auf den deutschsprachigen Buchmarkt – wer von sich behauptet, den Markt im Blick und sämtliche lohnenswerten Neuerscheinungen auf dem Schirm zu haben, der leidet an maßloser Selbstüberschätzung und deutlichem Realitätsverlust. Theo Breuer, begeisterter Fußballer und Gartenfreund, den meisten Literaturinteressierten allerdings in erster Linie als eigenwilliger Lyriker, resonanzfreudiger Leser und sorgfältiger Herausgeber (lyrische Einzelbände, Anthologien, Literaturzeitschrift "Faltblatt") bekannt, ist realistisch genug: Obwohl er sich nahezu täglich mit der Lyrik beschäftigt und die Personen, die auch nur annähernd an seinen Lyrik-"Konsum" herankommen, an einer Hand abzuzählen sein dürften, nimmt Breuer die von ihm gelesenen Bücher bewusst nur als kleinen Ausschnitt der ihm dargebotenen Fülle wahr. Eine "Vollständigkeit" kann es nicht geben – nach all den Jahren, die er sich nun schon der (nicht nur) deutschsprachigen Lyriklandschaft widmet, ist Breuer noch immer erstaunt, regelmäßig auf Autoren und Verlage zu stoßen, die ihm bislang "durch die Lappen gegangen" waren.

Mit Kiesel & Kastanie – Von neuen Gedichten und Geschichten ist nun nach Ohne Punkt & Komma – Lyrik in den 90er Jahren und dessen seitenstarkem Nachfolger Aus dem Hinterland. Lyrik nach 2000 seine bereits dritte Monographie zur zeitgenössischen Lyrik erschienen. Erstmals findet auch die Prosa Berücksichtigung, im Mittelpunkt steht jedoch unverkennbar das Gedicht. Auf über 300 mit unzähligen Querverweisen, assoziativen Brücken und Fußnoten versehenen Seiten stellt Breuer Autoren und Verlage vor, porträtiert Editionen und Literaturzeitschriften. Obwohl man seinen Texten anmerkt, mit welchem Respekt, ja welcher Ehrfurcht er sich den herzblutinvestierenden Handpressen und Ein-Mann-Verlagen nähert, erklärt er doch die Qualität zum einzigen Maßstab, und so werden nicht nur bibliophile Kleinauflagen, sondern in gleichem Maße auch Bücher von Suhrkamp, Hanser und S.Fischer vorgestellt. Immer wieder der vorsorgliche Hinweis, dass es sich bei den von ihm vorgestellten Büchern nicht um einen allgemeingültigen Kanon handelt, wie er von Zeit zu Zeit von anderen Anthologisten aufgestellt wird. Theo Breuer verteilt keine Ohrfeigen, übt sich lieber im positiven Umgang mit seinem Lieblings-Sujet: dem Wort. Den Platz eines Verrisses stellt er lieber zwei Empfehlungen zur Verfügung; Breuer ist keiner von denen, die nach einem 8:1-Sieg über das Gegentor diskutieren müssen. Er empfiehlt, was ihm selbst gefällt und gibt kund, wo seiner Meinung nach die Hose kneift – so subjektiv wie möglich, so objektiv wie nötig. Nur selten fällt er in seine eigene Grube, nämlich dann, wenn er sich einem Kanon verweigert, einige Bücher jedoch zum Must-have bzw. Must-read erklärt – die Euphorie eines Süchtigen, der seine Leserschaft zu ihrem Glück zwingen möchte...

Es mag, ebenso wie der Begriff, aus der Mode gekommen sein, aber Kiesel & Kastanie ist ein klassisches "Hausbuch". An willkürlicher Stelle aufschlagen und sich überraschen lassen, ohne einer Chronologie folgen zu müssen. Und wer sich dem Inhalt dennoch geordneter nähern möchte, dem steht mittels eines umfangreichen Registers ein informatives und anregendes Handbuch zur Verfügung.

 

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