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Donnerstag, 30. März 2017 | 20:29

Poesie International in Dornbirn

08.05.2008

Jenseits von Federal Express

Zum zehnten Mal: Poesie International in Dornbirn. THOMAS ROTHSCHILD berichtet

 

Die Wiener Gruppe – Achleitner, Artmann, Bayer, Rühm, Wiener – gehört mit guten Gründen zu den Legenden der Literaturgeschichte. Ihr Ansehen und ihre Verklärung verdanken sich nicht Auflagenzahlen und nicht der Dauer ihres Bestehens. Im institutionellen Verständnis gab es sie gar nicht. Sie war einerseits ästhetisch kompakter und andererseits organisatorisch diffuser als die Gruppe 47, mit der sie die Zeitgenossenschaft verbindet. Bis heute gibt es kaum einen österreichischen Schriftsteller, der sich nicht – positiv oder distanzierend – auf die Wiener Gruppe und damit auf eine bestimmte Haltung zur dichterischen Sprache bezieht.

Weitaus weniger im Gespräch aber sind die zwei Generationen von Nachfolgern, die sich als experimentelle Schriftsteller begreifen und meist auch als Erben der Wiener Gruppe. Eine ihrer wichtigsten Persönlichkeiten ist der 59-jährige Gerhard Jaschke, als Autor wie als Ermöglicher. Literarisch gebildeter als viele seiner Kollegen, aber mit einer dezidierten Neigung für nicht-narrative Literatur, also für jene Richtung, die man einst „konkrete“ oder auch „visuelle Poesie“ nannte, sorgt er unter anderem mit seiner Zeitschrift „Freibord“, mit Vorlesungen an der Wiener Akademie der bildenden Künste und als einer der beiden Geschäftsführer der Grazer Autorinnen Autorenversammlung für deren öffentliche Wahrnehmung. Für Jaschke sind Buchstaben, Laute und Wörter Material, dessen in ihrer Anzahl eng begrenzte Elemente er anordnet und kombiniert, in Anagrammen und Permutationen, etwa die Wörter „Mutter schlaf Schaf“. Auch Haikus gehören zu den von Jaschke favorisierten Formen, und gelegentlich klaffen hinter einer scheinbar gemütlichen Sprache Abgründe auf.

Zur nächsten Generation im engen Sinne gehört Nora Gomringer. Die Tochter eines berühmten und für die internationale Konkrete Poesie bedeutenden Vaters trat unter dem Titel „Bühne Literatur“ zusammen mit den erfolgreichen Slam-Poeten Timo Brunke und Bas Böttcher auf. Was da zu sehen und zu hören war, wirkt, sehr generationenspezifisch, gelegentlich wie eine unfreiwillige Parodie auf Fernsehunterhaltung, routiniert und ein wenig eitel. Der Vortrag verselbständigt sich, Sprachspiel, Lautmalerei, das Zitieren von Bildungspartikeln, manchmal auch ein ziemlich dünner Witz verschwinden unter der glatten Oberfläche der Performance. Wenn Nora Gomringer Allen Ginsbergs „Howl“ erwähnt, heult sie, wenn sie das Wort „Langsamkeit“ ausspricht, so zerdehnt sie es: Mimesis, Verdoppelung der Wortbedeutung im Vortrag statt Verfremdung. Ob das ein Fortschritt ist?

Der Musik nähert sich die Dichtung von Anja Utler an, die in der heuer in Dornbirn präsentierten, auf Lyrik spezialisierten Edition Korrespondenzen publiziert. Mit einem linear lesbaren Text will sich Utler nicht begnügen. Der Polyphonie ihrer Dichtung kommt die Technik entgegen. Von einer CD spielt die in Wien lebende fünfunddreißigjährige Deutsche im Playbackverfahren aufgenommene selbst gelesene Passagen zu, die sie „live“, sozusagen in Zwiesprache mit sich selbst, ergänzt. Die Stimmen überlagern sich zu einem Fugato, dessen phonetische und rhythmische Qualität die Semantik in den Hintergrund drängt. Die meist daktylischen Verse rufen Chöre antiker Dramen in Erinnerung. Bedeutungsfragmente eröffnen dem Zuhörer einen nur schwach determinierten Assoziationsraum. Anja Utlers unspektakulärer Auftritt gehörte zu den Höhepunkten des zehnten Festivals im Dornbirner Spielboden.

Konventioneller, aber nicht weniger virtuos sind die Gedichte des Tschechen Petr Borkovec, die Christa Rothmeier ins Deutsche gebracht hat. Sie überraschen durch eine ungewöhnliche Erstarrung, lassen an Stillleben oder Genrebilder denken. In ihnen werden Gegenstände beschrieben und seltsam unbelebte Menschen, als wären auch sie Gegenstände. Borkovec’ Gedichte sind frei von jenem abgehobenen Tonfall, jener Bravheit, die die Verse und auch den Gestus anderer Dichterinnen und Dichter kennzeichnet.

Anja Utlar und Petr Borkovec stehen für zwei Grenzbereiche der Lyrik, eben die Übergänge zur Musik und zur Malerei. Diese sind so alt wie die Lyrik selbst. Und es scheint, dass Dichtung, wo sie sich auf Nachbarkünste einlässt, eher zu sich selbst findet, als bei der Koketterie mit der Philosophie. „If you have a message, go to Federal Express”, sagen die Amerikaner. Man muss diese aphoristische Zuspitzung nicht verabsolutieren. Aber manchmal wünschte man sich bei Dichtern mehr Sprachgefühl und Sinn für ästhetische Kategorien als Gedanken, die, genau besehen, schon tausendmal gedacht wurden.

Ingrid Bertel, die bewährte Moderatorin der vergangenen Jahre, war just bei der zehnten Auflage von Poesie International nicht dabei. Sie hatte sich schon für ihre Aufgabe vorbereitet, als ihr Arbeitgeber, das Fernsehen, sie auf die Spuren von 007 abberief. Der Kopf des Festivals, Franz-Paul Hammling, hat sie zwar kundig, sympathisch und wie stets bescheiden vertreten, aber der Grund für Ingrid Bertels Absage wirft doch eine prinzipielle Frage auf. Warum sind einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt die Dreharbeiten für zehn Minuten eines James-Bond-Films wichtiger als eine Veranstaltung mit rund zwei Dutzend bedeutenden Dichtern aus aller Welt, darunter Richard Burns aus Großbritannien, Sinan Gud¸evi? aus Serbien, Mila Haugová aus der Slowakei, Ales Rasanau aus Weißrussland? Welchen Informationswert besitzen Reportagen, aus denen man erfährt, dass die Seebühne in Bregenz in Betrieb genommen sei, in welchem Hotel ein mittelmäßiger Schauspieler abgestiegen sei oder wie weit die Absperrung gegen störende Zivilisten in den Bodensee rage?

Die übliche Antwort ist bekannt: weil die Konsumenten an dem nebensächlichsten Tratsch mehr interessiert seien als an Poesie. Man darf aber weiterfragen: Reagieren die Medien auf ein vorhandenes Interesse, oder erzeugen sie es? Berichten sie vom Trara um einen wohl schon in zwei Jahren vergessenen Film, weil die Zuschauer, die Zuhörer, die Leser so nachdrücklich danach verlangen, oder erhält all dies nur Bedeutung, weil die Medien ihre Sendeminuten und ihre Seiten damit füllen, wenn nicht gerade gefangene und missbrauchte Frauen aus einem Keller befreit werden? Es gab Zeiten, da hat man Trakl im Tornister, Biermann im Buchregal und Erich Frieds „Liebesgedichte“ auf dem Nachttisch bereitgehalten. Hat inzwischen eine Mutation stattgefunden, dass selbst seriöse Medien meinen, ihre Kunden mit belanglosen Meldungen über „Prominenz“ aus Film, Fernsehen und „besserer Gesellschaft“ abfüttern zu müssen? Ingrid Bertel muss ihren Arbeitgeber zufrieden stellen. In Dornbirn hätte sie eine bedeutendere Rolle gespielt als unter den Statisten eines Rummels.

Der österreichische Bundeskanzler verwahrt sich gegen die angebliche internationale Verteufelung Österreichs wegen eines (eines!) Kriminellen. Gegen die Anerkennung für Österreich wegen eines (eines!) Oscars hat er nix. Ein (ein!) Poesiefestival in Dornbirn wird von ihm nicht zur Kenntnis genommen. Ein (ein!) James Bond am Bodensee hingegen ist, patriotisch, also touristisch betrachtet, fast so wertvoll wie Mozart und Kaiserschmarrn zusammen. Es ist halt alles relativ. Was den einen der Fritzl, ist den anderen Daniel Craig. Verglichen mit beiden führt die Dichtung ein Schattendasein. Spricht das nun für Fritzl und Craig oder gegen sie?
                                            

 

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