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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. April 2017 | 01:32

    Marjana Gaponenko: Nachtflug

    05.05.2008

    Wie zärtlich dürfen wir sein?

    Marjana Gaponenko liebt die deutsche Sprache. Ihr aktueller Lyrikband Nachtflug zeugt erneut von dieser überschwänglichen Liebe. Von MYRIAM KEIL

     

    Eine kindliche Weisheit ist den darin enthaltenen Gedichten eigen; eine Weisheit, die sich auf einem schmalen Grat bewegt. Oft gelingt es der Autorin, sie in kraftvolle und dennoch anmutige Bahnen zu lenken. Der sprachliche Ausdruck, den Gaponenko wählt, ist vielleicht der schwierigste von allen, weil gerade sein einerseits zeitloser, andererseits in seinem Überschwang fast altertümlich anmutender Charakter bei unsachgemäßer Anwendung schneller kitschig wird als jeder andere. „Überlege nicht, lege dich zu mir ins Gras. / Wir gehen zugrund und schaukeln dabei, / und über uns Wolken wie Schollen… / So zärtlich schwimmen die Tage vorbei.“ Wie zärtlich dürfen wir sein, ohne kitschig zu werden? Wie sehr dürfen wir lieben, ohne angreifbar zu sein?

    Gaponenkos Gedichte leben von Personifizierungen. Der Abend wälzt sich als roter Hund im Gebüsch, die Sterne schärfen ihre Zähne in der Dunkelheit, die Bäume treten näher. Der Regen, der Mond, die Wolken - sie alle beginnen zu agieren und fügen sich in einem wundersamen Reigen zu etwas zusammen, über das der Mensch keine Kontrolle mehr hat. Die große Kraft dieser Gedichte liegt in dem, was sie sichtbar machen. Wer beim Lesen die Wörter verlässt und die Bilder gegenständlich werden lässt, der findet hier Gemälde mit differenzierten Pinselstrichen, Farbfilme mir surrealem Bildlauf. Was auf der Wortebene manchmal an seine Grenzen stößt, entwickelt sich auf der Bildebene zu gewaltigen Szenarien.

    Gelegentlich wechselt Gaponenko zur lyrischen Prosa, etwa in „Zwei Münzen“, das teils Traum, teils Märchen zu sein scheint. Überhaupt ist dies eine der großen Stärken der Autorin: Die Grenzen zwischen „traumhaften“ und „märchenhaften“ Elementen sind stets fließend und werden gerade dadurch glaubwürdig. So wird überzeugend eine subjektive Spiegelung der wirklichen Welt erschaffen, die ganz nah an der Wahrnehmung der Autorin angesiedelt sein dürfte und dennoch - über die weitläufige Schiene der Fantasie - jedermann zugänglich bleibt.

    Besonders reizvoll werden die Gedichte an Stellen, an denen die Autorin Wagnisse eingeht und mit beinahe absurden Wendungen überrascht: „Geliebter, sei lieb und schenke mir eine Gans. / Ich verstecke sie unterm Hut und überrasche die Gäste damit. / Im Herbst vergraben wir Drei unsere Köpfe / im kühlen Gewölk. Wir werden ein neues Leben anfangen.“ (aus: „Vom Verschwinden“).

    Bemängeln könnte man die sich oftmals stark ähnelnde Thematik der Gedichte, der es ein wenig an Vielschichtigkeit fehlt, um einen kompletten Lyrikband auszufüllen. Manches Mal, vor allem im Mittelteil des Buches, fühlt man sich, als hätte man ein Gedicht bereits gelesen, obwohl dies nicht der Fall ist. Schwierig wird diese inhaltliche Annährung (die, für sich allein stehend, einen Lyrikband durchaus im positiven Sinne zusammenhalten kann), weil zugleich auch die verwendeten Metaphern ein Übermaß an Wiederholung aufweisen. Das Wort „Stern“ ist ganze zwanzig Mal in diesem Band enthalten. Auch wenn es niemals das Gleiche bedeutet, immer andere plastische Bilder heraufbeschwört, auch wenn die Sterne einmal „in der schwarzen Erde“ stecken, ein anderes Mal „Silberdolche in den Händen tragen“ und dann wieder „in Gottes Bart schwimmen“, so wünscht man sich stellenweise doch, die unterschiedlichsten Dinge nicht immer wieder mit demselben Wort umschrieben zu sehen. Ähnliches passiert, in unterschiedlicher Ausprägung, mit Wolken, Fahnen, Bäumen, Steinen, Träumen, Küssen, der Nacht und dem Mond. Der Nachtflug wird so zu einer Art lyrischer Fortsetzungsgeschichte, was ihn stellenweise etwas undifferenziert erscheinen lässt.

    Nichtsdestotrotz, das Buch endet stark, der letzte Abschnitt konzentriert sich noch einmal ganz auf die Stärken der Autorin, arbeitet mit klaren Strukturen und einem angemessenen Maß an unterschwelligen Schlussfolgerungen, die bereits in den Texten stecken und sich dennoch erst im Leser entfalten müssen, ihm dadurch nichts nehmen. Der Ausklang des Bandes bringt auf diese Weise Gedichte hervor, die mit Leichtigkeit auch ohne die Anbindung an die sie umgebenden Verse bestehen können.

    Wir schimmern golden vor Dunkelheit in uns
    und schwellen an vor Leere innendrin.
    Der Seufzer lässt uns steigen in die Luft,
    und dieser Blick, der an den Wimpern hängenblieb,
    wiegt mehr als wir.

    Es ist uns gleich, ob es der Himmel ist
    oder das Meer, ob Wolken uns berühren
    oder Schaum, der fliegt. Wir sind so leicht,
    dass wir fast Träume sind, die nichts mehr wollen
    als im Anderen zu enden.


    Hier schreibt jemand, der die deutsche Sprache auf eine Art und Weise liebt, auf die wahrscheinlich nur derjenige sie lieben kann, der nicht wie selbstverständlich mit ihr aufgewachsen ist. Vielleicht wird die Faszination der Autorin über diese Sprache eines Tages verblassen, vielleicht werden ihr die Worte selbstverständlicher werden. Sollte dies passieren, darf man gespannt sein, wo neue Schwerpunkte entstehen, möglicherweise nicht nur sprachlicher, sondern auch inhaltlicher Art.

     

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