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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 30. Mai 2017 | 11:14

    Raphael Urweider: Alle deine Namen

    21.04.2008

    Don Juan als Papiertiger

    Ein gefühlvoller Reigen durchs Alphabet der Geliebten, kunstvoll geschlungen von Raphael Urweider, der ein wenig gehaltvoller hätte ausfallen dürfen. Von CARSTEN SCHWEDES

     

    Man(n) ist bescheiden geworden heutzutage: anstelle einer Liste von 1003 Geliebten, für die weiland Don Juan einen eigenen Buchhalter benötigte, begnügt sich Raphael Urweider im „reigen“, dem zweiten Zyklus seines neuen Gedichtbands Alle deine Namen, mit der Aufzählung von 26 Geliebten, deren Folge von A bis Z allerdings von ähnlich sorgfältigem Inventarisierungstrieb zeugt. Weit weniger dramatisch auch als bei jenem legendären Verführer laufen in den Texten des jungen Schweizers die Liebeswirren ab. Kein im Eifer des Gefechts ermordeter Komtur, der später eigens zur Bestrafung des Lüstlings (und zur fragwürdigen Wiederherstellung der Seelenruhe des Zuschauers) von den Toten wiederkehrt, auch keine prozessierenden Ex-Geliebten (die gegenwärtige Form der Sanktionierung allzu persönlicher literarischer Schilderungen, siehe die – freilich recht unterschiedlich gelagerten – Verfahren gegen Birgit Kempker oder Maxim Biller) hat Raphael Urweider zu gewärtigen, denn spätestens dann, wenn im vierten Gedicht des Zyklus’ der Name „Desdemona“ fällt, ist klar, dass es sich bei den Angedichteten mitnichten um Frauen aus Fleisch und Blut handelt. Und einmal dürfen Sie raten, welchem Namen im zweiten Poem des „reigen“ gehuldigt wird.

    Keine Liederlichkeit vor lauter Liebe

    Hat man den ganzen Zyklus durchlaufen, zementiert sich der Eindruck, den man bereits zu Beginn gewinnen konnte: Hier wird in einem heiter-romantisierenden Grundton über imaginierte Lieben geschrieben, die jedoch allesamt eher fleischlos bleiben. Sprachwerklich ist Urweiders Lyrik dagegen virtuos. So entsteht das Gedicht an Antonia, die doch bitte nicht schlafende Hunde mit zuckenden Schenkeln wecken möge, aus drei konsequent durchgeführten Motiven. Beatrice lässt den vom lyrischen Ich (und, wie es scheint, auch vom Autor) so geliebten hohen orphischen Ton im Ohr wieder erklingen. Zum Namen „Caecilia“ gesellen sich im dritten Gedicht die lautlich nahe liegenden und symbolträchtigen Lilien, die freilich schon bleich sind. So geht es ebenso raffiniert wie preziös weiter bis zum Gedicht an Zoe, einer auf die Pointe zugespitzten Parabel über die Gleichrangigkeit von Liebendem und Geliebter.
    Die kunstvolle Komposition, das Spiel mit Mehrdeutigkeiten und der sprachliche Wohlklang, generiert aus einer Häufung von Alliterationen und Vokalgleichklängen, machen deutlich, wem die Liebe Urweiders wirklich gilt: nicht den Frauen, sondern der Sprache. Sie steht hinter, nein, steckt in allen Namen. Lässt der Zyklus den Leser deswegen so unbeteiligt, weil es letzten Endes doch „nur“ um Sprache geht? Hat man nicht bereits Klassikern der Liebeslyrik wie Dante, Petrarca oder Shakespeare den Vorwurf gemacht, ihre Geliebten seien nicht aus Fleisch und Blut, sondern nur Phantasiegeschöpfe? Warum bewegen uns aber, im Gegensatz zu Urweiders „reigen“, deren Gedichtzyklen sowohl sinnlich als auch geistig und wecken das Interesse des Lesers an den Liebenden?
    Sowohl im Canzoniere als auch in Shakespeares Sonetten wird, anders als bei Urweider, eine Liebesbeziehung differenziert dargestellt und nicht eine Geliebte routinemäßig nach wenigen Versen durch die nächste abgelöst. So entsteht kein Spannungsbogen, sondern nur eine Abfolge schemenhafter Modelle, in der die Möglichkeiten der lyrischen Langstrecke verschenkt werden. Zudem hat sich seit den Zeiten der hohen Minne und der Romantik einiges geändert im Miteinander der Geschlechter, so dass man sich in Urweiders Gedichten bei aller Liebe ein wenig mehr Liederlichkeit wünschen würde.

    Kunst unter Kontrolle

    Diese stilvoll-gefühlige Unverbindlichkeit zieht sich auch durch den einleitenden Zyklus des Gedichtbands. Hier, in den „acht jahreszeiten“, ist es die Natur, deren beständiger Wandel besungen wird. Wiederum prangen die Texte mit Laut- und Bedeutungsspielen, reizen die gesamte Bandbreite aus von neubiedermeierlicher Nordseedekoration („ich sammle ozeane um sie / dir nach hause zu bringen / und muscheln zum zeigen“) bis zur Umkehrung romantischer Metaphorik in „vollfrühling“, bei der Bild- und Beschreibungsebene verschmelzen („in den kuppeln der kathedralen / bauen sich die engel ihre nester / aus ihren eiern klingt musik“), behalten dabei jedoch stets den hohen Poetenton bei.

    Änderung verspricht der Titel „selbstversuch“ des abschließenden Zyklus’ von Alle deine Namen, in dem die Auswirkungen alkoholhaltiger Substanzen geschildert werden. Dieses hochprozentige Tintendestillat hat aber nichts gemein mit solchen Schreibexperimenten unter Drogeneinfluss, wie sie etwa Henri Michaux mit Hilfe von Meskalin unternahm. Gedanken über die Gewinnung des Gesöffs, das in einen anderen Bewusstseinszustand überführen soll, zeugen noch von der sehr bewusst ordnenden Hand des Autors. Allerdings ist diesen Texten eine deutliche Lockerung der Assoziationsketten und eine ironische Distanz zum Stereotyp des berauschten Dichtergenies anzumerken, was dem Gedichtband am Ende ein wenig Abwechslung verleiht, ohne dass die Sprachkunst dabei außer Kontrolle geraten würde.

     

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