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Louise Glück: Averno

25.02.2008


Im Feld mit dem Gott

Mythenexegese, Kindheitsbilder und Naturbetrachtungen verbindet die US-amerikanische Lyrikerin Louise Glück in ihrem neuen Gedichtband Averno zu Meditationen über Grenzsituationen der menschlichen Existenz

 

Persephone, Tochter des Zeus und der Demeter, ist eine Grenzgängerin: vier Monate des Jahres regiert sie als Gattin des Hades die Unterwelt, dann kehrt sie wieder zurück auf die Erde. Die griechische Göttin wird für Louise Glück, vielfach preisgekrönte US-amerikanische Lyrikerin, zur Symbolfigur des menschlichen Daseins. Im Leben mit dem Faktum seiner Sterblichkeit konfrontiert, ist der Mensch nicht sehr verlässlich zu Hause in dieser Welt. Immer wieder sieht er sich Werden und Vergehen gegenüber, hervorgerufen von Mächten, die seine Kräfte übersteigen. Und wie der jungen Persephone steht ihm die Begegnung mit Hades, dem Gott des Totenreichs, noch bevor: „What will you do / when it is your turn in the field with the god?“ lautet die Frage am Ende des ersten Gedichts über Persephone, die Wandernde zwischen den Welten.

Averno ist der Grenzübergang: bei diesem Kratersee in der Nähe von Neapel vermuteten die antiken Römer den Eingang zur Unterwelt. Und die Übergänge sind es, die Louise Glück interessieren – der Übergang vom Leben zum Tod, vom Mädchen zur Frau, vom Tag zur Nacht, vom Sommer zum Winter. Die Unschärfe des Übergangs ist für sie das Geheimnis, mit dem sie sich in Averno schreibend auseinander setzt. Bei der grundsätzlichen Flüchtigkeit der Welt („Who can say what the world is? The world / is in flux, therefore / unreadable“) setzt sie an, um sich in einer Art subjektiver Gedankenlyrik den Grenzbereichen der menschlichen Existenz zu nähern.

Die Zeitlosigkeit des Mythos

Gedankenlyrik ist ein literarischer Grenzfall. Sie neigt zur Erstarrung, zur Festlegung von Erkenntnissen in Sentenzen. Liest man die Gedichte von Averno isoliert, so scheinen auch sie unter dieses Verdikt zu fallen. In einer einfach gehaltenen Sprache, die von Ulrike Draesner solide ins Deutsche übertragen wurde, reflektiert die Autorin über Vergänglichkeit, Natur und die condition humaine. Doch im Zusammenhang des Bandes entspinnt sich ein subtiler Dialog der Auffassungen, in dem die sentenzhaft-abstrakten Behauptungen weitergesponnen und um neue, subjektive Aspekte bereichert werden. Der Persephone-Mythos etwa wird sowohl aus deren eigener Perspektive als auch aus derjenigen von Hades und von Persephones Mutter Demeter erzählt; auch in anderen Gedichten verweisen einzelne Formulierungen immer wieder auf diese Sage. Faszinierend ist es, den zahlreichen Verknüpfungen zu folgen, die von der Autorin zwischen den Texten angelegt worden sind.

Dabei begnügt sich Glück mit einem begrenzten Wörterarsenal: Körper, Geist und Seele, Mutter, Tochter und Geliebter sind die Vokabeln, die immer wieder auftauchen und die deutlich machen, dass es in Averno noch einmal um die großen Themen der Lyrik geht. Auch die Metaphern bezieht Louise Glück aus dem Vorrat der seit Jahrtausenden etablierten Topoi: Sommer und Winter, Hitze und Kälte, Tag und Nacht, Saat und Ernte, Verletzung und Heilung. Diese Lyrik ist zeitlos; sie partizipiert zwar in ihrer Bruchstückhaftigkeit an der Moderne, ihre Bilder, Themen und Darstellungsweisen bleiben jedoch der Tradition verhaftet. Dichterische Identifikationsfiguren wie Orpheus werden ungebrochen aufgegriffen, kaum einmal finden Gegenstände der modernen Zivilisation Erwähnung. Vielmehr ist es die Natur, die als Konstante im Zentrum dieses Gedichtbands steht: „What others found in art, / I found in nature. What others found / in human love, I found in nature.”

Natur als Spiegel der Seele

In der Lyrik von Louise Glück ist die Grenze zwischen Mensch und Natur durchlässig geworden; die Natur wird zum Ausdruck der menschlichen Stimmungen und Bedürfnisse. So kann die Autorin im Gedicht „Omens“ ohne historische Distanz auf Alexander Puschkin zurückgreifen: „To such endless impressions / we poets give ourselves absolutely, / making, in silence, omen of mere event, / until the world reflects the deepest needs of the soul.“ In diesem Bestreben, Bilder in der Natur zu finden, die ihre individuellen Empfindungen widerspiegeln, verknüpft Louise Glück Gedanken- mit Stimmungslyrik, Intellekt mit Gefühl und ergänzt durch Averno die poetische Tradition, wo nicht um ein neuartiges, so doch um ein vielschichtiges Meisterwerk.

Carsten Schwedes


Louise Glück: Averno. Gedichte. Amerikanisch – deutsch. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Draesner. Luchterhand Literaturverlag 2007. Gebunden. 174 Seiten. 16,00 Euro.

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