TITEL kulturmagazin
Donnerstag, 30. März 2017 | 20:27

 

Norbert Hummelt (Hrsg.): Quellenkunde

03.02.2008


Von der Quelle ins Tal – und zurück


Norbert Hummelt hat Gedichte junger Lyriker in einer schönen und wertvollen Anthologie versammelt, die Lust darauf macht, den Conrady zur Hand zu nehmen und mal wieder durch die Klassiker zu flanieren.

 

Wer seine Augen durch die Landschaft der Literaturzeitschriften streifen lässt, dem dürfte auffallen, dass diese sich in ihrer Mehrheit immer weiter von der bloßen Präsentation von Primärtexten entfernen und ihre wichtige Rolle im Literaturbetrieb unter anderem dadurch manifestieren, dass sie den Leser zum Nachdenken über Ursprünge und Fortgänge anregen – besonders im Bereich des Gedichts ist dies verstärkt der Fall. Immer öfter lautet die Frage: Wohin geht die Lyrik? Nun, eine hypothetische Diskussion, zu oft wird so getan, als ließe sich die Zukunft des Gedichts am Reißbrett entwerfen: 2010 ausschließlich Naturgedichte mit mystischem Ursprung, 2012 die Renaissance der Gedichte über den Einzelnen in der Menge, ab 2015 die Rückbesinnung auf das Sonett und (für die Talentiertesten) auf den Sonettenkranz. Letztendlich aber: ein vielstimmiger Chor, der der momentanen Lyrikszene ihren Klang verleiht – und so wäre es doch schade (wenn es denn mach- und lenkbar wäre), sich durch Dogmen und zielorientierte Planerfüllung einschränken zu lassen. Weiterhin also die Hoffnung auf eine bunte Tüte, deren Hauptbestandteile man zwar abzuschätzen vermag, die jedoch immer auch Unvorhergesehenes und Unvorhersehbares bereithält. Sicher, es ist verständlich und absolut nachvollziehbar, dass einem jeden Autor seine eigene gegenwärtige „Produktion“ wichtig ist, auch dass er auf seinen weiteren Weg neugieriger ist als auf das, was er selbst vor Jahren niedergeschrieben hat. Die Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart und Zukunft kann jedoch nicht hoch genug eingeschätzt werden, und so scheint folgende Frage viel relevanter als die Frage nach dem Wohin: Wo kommt die Lyrik her? Unsere Sozialisation, sei es auf musikalischem, gesellschaftlichem oder auch literarischem Terrain, hat uns fest im Griff – die Fußspuren anderer sind nicht verschwunden, nur weil wir unsere eigenen daneben setzen.

Entgegengehen, aufgreifen, verwandeln

Norbert Hummelt, von 2005 bis 2007 Herausgeber der Lyrikedition 2000, bat 2006 junge Lyriker, sich an einer Anthologie zu beteiligen, aus der eben diese Spuren ersichtlich sind. Sie waren aufgerufen, „Gedichte zu schreiben, die sich auf die Spuren älterer Gedichte begeben, ihnen nachzuforschen, ihnen entgegenzugehen, sie aufzugreifen, zu verwandeln“ – jede Form der Quellenerkundung sollte dabei möglich sein: Anverwandlung, Gegenentwurf, Fortschreibung, Coverversion, Zitat, Parodie. Aus Gründen des Urheberrechts sollten die Quellen dabei von Dichterinnen und Dichtern stammen, die bereits vor mindestens 70 Jahren das Zeitliche gesegnet hatten. Diese Einschränkung sorgt dafür, dass viele der literarischen Vorbilder der heute 30- bis 40-jährigen Autorinnen und Autoren außen vor bleiben: kein Benn findet sich, kein Brinkmann, Fauser, Born; kein Ginsberg, kein Bukowski, auch kein Hamburger, kein Grünbein, kein Pastior oder Krolow. Stattdessen Gedichte, die sich auf Verse von Friedrich Hölderlin, Martin Luther und Theodor Storm berufen, auf Kurt Tucholsky, Georg Heym oder Joseph von Eichendorff. Über 40 junge und jüngere Autorinnen und Autoren sind vertreten.

Ron Winkler, der sich in seinen Intendenzen ebenfalls mit der Theorie zum Gedicht beschäftigt, begibt sich mit seinem „Hünengrabfeature“ (... / jeder Kiesel warf einen / Felsenschatten. Graustufenmassive im Alienmoos. alien Modus. / ...) auf die assoziative Fährte von Annette von Droste-Hülshoffs (1797–1848) Langgedicht „Der Hünenstein“ (... / Des Krautes Wallen und des Wurmes Licht, / Ich sah auch nicht, als stieg die Mondesscheibe. / ...). Uljana Wolf wagt sich an drei Sonette von Elizabeth Berret-Browning (1806–1861) heran und legt neben die Übersetzungen von Rilke die eigenen – wenn auch in recht freiem Vers, ohne auf die fürs Sonett bedeutsame Zeilen- und Silbenzahl zu achten. Rilke, der „Sänger der Schönheit“, der sich später zum „Gottsucher“ wandelte, stand auch Pate für Nora Bossongs Gedicht „Jugendfoto meines Vaters“. Nicolai Kobus fängt in seinem „Lodern“ geschickt die Stimmung von Trakls „Rondel“ ein, während sich der 1978 geborene Norbert Lange an die Merseburger Zaubersprüche wagt. Und wer Klaus Kinskis unwiderstehliche Interpretation von François Villons „Ballade von den Lästerzungen“ (in der ungeschlagenen Übersetzung von Paul Zech) im Ohr hat, der kann diese hier nicht nur nachlesen, sondern sich mit ein wenig Phantasie auch vorstellen, wie Kinskis Stimme durch Silke Andrea Schuemmers „Ballade auf die Last der Zungen“ bricht.

Eine schöne, wertvolle Anthologie, die Lust darauf macht, den Conrady zur Hand zu nehmen und mal wieder durch die Klassiker zu flanieren.

stefan heuer.


Norbert Hummelt (Hrsg.): Quellenkunde. Gedichte. BUCH&media, Lyrikedition 2000, 204 Seiten. Paperback. 19,50 Euro. ISBN 978-3-86520-205-5.

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

Petraeus und sein Stab

Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

Zwischen Karikatur und Avantgarde

Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter