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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. April 2017 | 03:36

     

    Oskar Pastior: Speckturm

    03.02.2008

    Ideen-Echo aus achtzehntausend Entsprechungen

    Oskar Pastiors posthum erschienener Speckturm ist aus dem knisternden Spannungsfeld von Sprachspiel und Erinnerung erwachsen und führt noch einmal die ganze Bandbreite des Werkes des letztjährigen Büchnerpreisträgers vor Augen.

     

    Wie weit trägt die Methode? - Diese Frage stellt sich unwillkürlich bei jedem neuen Gedichtband von Oskar Pastior, denn ein Großteil seiner Buchveröffentlichungen ist geprägt vom Durchexerzieren je eines dichterischen Verfahrens, von Eigenschöpfungen wie den Gedichtgedichten und Wechselbälgern bis zu tradierten, aber gemeinhin eher als abseitig betrachteten Formen wie Sestine, Palindrom, Villanella oder Pantum. Dieser Vorliebe für ein poetisches Regelwerk, das er so virtuos auszufüllen verstand, dass die so entstandenen Gedichte eine Leichtigkeit vermitteln, die den oft langwierigen und komplexen Schreibprozess vergessen machen, verdankt Pastior seinen Ruf als Sprachspieler.

    Und auf den ersten Blick scheint auch Speckturm, ein von Pastior vor seinem Tod noch nahezu vollständig vorbereiteter und jetzt von Klaus Ramm herausgegebener Band, dieses Bild zu bestätigen. Zwölf Gedichte aus Baudelaires Fleurs du Mal werden darin unter Anwendung fünf verschiedener Verfahren neu gestaltet; nachdem Pastior sich vor fünf Jahren in o du roher iasmin in 43 Intonationen einem Baudelaire-Gedicht genährt hatte, verbreitert er nun also die textliche Ausgangsbasis und reduziert die Anzahl der literarischen Methoden. So beschränkt er sich auf Anagramme, auf sich am Sprachklang der Vorlage orientierende Oberflächenübersetzungen und auf buchstabengewichtete Gedichte, denen Pastior bereits sein letztes Buch, Gewichtete Gedichte, gewidmet hat. Daneben stehen Texte, die in Prosa oder Gedichtform assoziativ auf das mittels dieser Verfahren gewonnene Wortmaterial Bezug nehmen.

    Vielfältiges Sprachmaterial

    Nun ist Anagramm nicht gleich Anagramm, wie auch ein Sonett Trakls nicht einem Rilke-Sonett gleicht. Die verwendete Methode ist lediglich der Anstoß zum poetischen Sprechen; ein Gedicht wird durch die gewählte Form mit hervorgebracht, sei es nun durch Reim und festen Rhythmus oder durch Umstellung der Buchstaben. Entscheidend ist das Ergebnis, nicht das Verfahren. Und Pastiors Ergebnisse sind atemberaubend, schon allein dadurch, dass sie jeden Leser an die Grenzen seines Wortschatzes führen. Er verwendet ohne Rücksicht auf Sprach- oder Stilgrenzen alles, was sich im Lauf seines Lebens an Sprachmaterial angesammelt hat. Darüber hinaus kreiert Pastior auch eigene Ausdrücke, die nur lose an verschiedene europäische Sprachen andocken und deren Bedeutung in der Schwebe bleibt zwischen dem, was im Wortmaterial angelegt ist, und dem, was der Leser aus ihnen heraushört.

    Aber nicht nur Sprachmaterial hat sich abgelagert in Pastiors Kopf, auch eine Fülle von Personen- und Ortsnamen sowie diverse Kulturerzeugnisse findet sich in Speckturm. Von Heines „Asra“ und Goethes „West-östlichem Divan“ geht es über Sonja Henie und dem von Pastior geschwänzten Langemarckmarsch hin zu Schwägerin Dollys Ikre. So wird die Lektüre seiner Gedichte zu einem wahrhaft enzyklopädischen Vergnügen für Leser, die solche Anstiftungen zu ausschweifendem Herumstöbern lieben. Auch dies kennt man aus Pastiors früheren Büchern, die kaum je ein abgeschlossenes Universum bildeten, sondern Assoziationsräume öffneten. Also alles wie gehabt?

    Enorme innere Spannung

    Völlig offene Assoziationsräume neigen dazu, konturenlos und beliebig zu werden. Und bloße Ansammlungen aus dem gemeinsamen kulturellen Erbe bieten dem Leser zwar einen kontextuell bzw. sprachmusikalisch mehr oder weniger interessanten Spielplatz an, lassen ihn aber mit sich und den Enzyklopädien in einer Art solipsistischen Niemandsland sitzen. Lyrik kann mehr. Und auch Pastior kann mehr. Deutlich wurde dies besonders in dem (ebenfalls von Klaus Ramm herausgegebenen) Sammelband Jalousien aufgemacht, in dem sich Pastiors Texte, nebeneinander gestellt, gegenseitig kommentieren.

    Ähnlich miteinander verstrickt, wenngleich nicht typographisch parallelgeführt, sind auch die Texte in Speckturm: auf die Oberflächenübersetzung mit dem Titel „karbon knie sud ovar“, deren letztes Wort „Ofenrohr“ lautet, folgt der Prosatext „Das Knie mit dem Ofenrohr“, in dem Pastior über seine Erinnerungen an das Erdbeben 1941 in Rumänien schreibt. Der berühmte „Albatros“ regt Pastior zu Überlegungen über den Spracherwerb an. Die Neubildung „Spongientanz“, abgeleitet aus Baudelaires „Correspondances“, führt über Khatschaturians „Säbeltanz“ zu Rückblicken auf die Zeit von Pastiors Deportation als Zwangsarbeiter zum Bau des Schwarzmeerkanals und deren Nachwirkungen.

    An solchen Stellen wird besonders deutlich, welch enormer innerer Spannung das Werk Oskar Pastiors abgetrotzt ist. Einen Spannungspol besetzen seine persönlichen Erinnerungen, mit denen er nie hausieren gegangen ist (und es auch gar nicht gekonnt hätte?). Den anderen Pol nehmen Pastiors „Poesiemaschinchen“ ein, die Methoden, die solche Texte im charakteristischen Pastior-Sound, aber eben auch Kindheits- und Deportationserlebnisse, erst aus ihm herauszuholen scheinen. So etwa in dem Palindrom „gulagalug“ oder dem „weichbild mit lazarettzug im karpaten-panorama 1942/1943“. Und die Passage „Asras Vokalstruktur wandelte ja am Kanal. Und am Kanal hieß in den Fünfzigern für immer – vom Kanal kam man nicht zurück; wer trotzdem am Kanal gewesen war, schwieg wie ein wandelnder Leichnam“ zeigt in für Pastior ungewöhnlicher Offenheit, wo der Grund für seine Zurückhaltung bei Äußerungen über seine Vergangenheit zu suchen sein mag.

    Wie weit reichen die Ohren?

    Diese Spannung zwischen Verbergen und Offenbaren spiegelt sich auch in Pastiors ambivalenter Haltung zum Begriff des „Sprachspiels“ wider: verteidigte er ihn vehement im Nachwort des Bandes o du roher iasmin von 2002, so lies er ihn in seiner Büchnerpreisrede, die er leider nicht mehr selbst vortragen konnte, nur als Notbehelf gelten, der vieles ausblendet. Neben denjenigen, die Pastiors Texte gemäß der Leitfrage der experimentellen Literatur als Wege zum Verstehen des Verstehens ansahen, gab es immer auch Leser, für die der Weltbezug dieser Gedichte relevant wurde, wie etwa die Geburtstagsgrüße von Thomas Kling zu Pastiors Fünfundsiebzigsten zeigen. Wie weit reichen die Ohren? Weit genug, um in diesen virtuosen Gedichten auch die leise Stimme der Mnemosyne zu hören? In Speckturm hat Oskar Pastior jedenfalls deutliche Markierungen gesetzt, um das gesamte Spektrum seiner Poesie auszuhorchen.

    Carsten Schwedes


    Oskar Pastior: Speckturm. 12 x 5 Intonationen zu Gedichten von Charles Baudelaire. Gebunden. Urs Engeler Editor 2007. 115 Seiten. 19 Euro.

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