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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. Juli 2017 | 18:58

    Monika Rinck: zum fernbleiben der umarmung

    28.01.2008

    Die Puten auf Caspar David Frierichs Bildern

    Monika Rinck lotet in ihrem neuen Gedichtband das ganze Spektrum von eingängigen bis zu nicht mehr auflösbaren Bildern aus. Von CARSTEN SCHWEDES

     

    Eine Bearbeitung des „Eismeers“ von Caspar David Friedrich auf dem Buchumschlag, der Titel des Bands (zum fernbleiben der umarmung) und des ersten Texts („das unternull der romantik“) machen es von Anfang an klar: Seelenwärmer sind die neuen Gedichte von Monika Rinck nicht. Auch spielen in ihnen die traditionellen ästhetischen Kategorien der Lyrik keine wesentliche Rolle mehr: ihre Langzeilen stehen einer rhythmisierten Prosa näher als Versen, Spiele mit dem Sprachmaterial kommen zwar vor, scheinen der Autorin aber eher zu unterlaufen als dass sie die Struktur der Texte prägen würden.

    Nein, diese zwischen Lounge und Lesesaal locker hin- und herspringenden Gedichte folgen anderen Maximen. Hört man auf ihre Tonlage, so fällt ein eigenwilliges Changieren zwischen spöttelnder Ironie und existenziellem Ernst auf. Ein Gewährsmann für die humorvoll-schrägen Metaphern Monika Rincks ist der auch von T.S. Eliot sehr geschätzte Jules Laforgue, dessen Gedicht „Encore à cet astre“ sie einen Variationszyklus widmet. Ausgehend von Laforgues Bild der Sonne als flammendem Schaumlöffel führt die Assoziationsreihe über den „märz meiner gier nach gegrilltem“ und einem Seitenhieb gegen Duchamps und die Surrealisten hin zur im Verstummen endenden Vorstellung des erlöschenden Sterns als kosmischer Vanitasdarstellung.

    Literatur und Lebenswelt sind in zum fernbleiben der umarmung gleichermaßen von Belang, was sich etwa im Kontrast der beiden Pflanzengedichte „hoho hortensie“ und „das gegenteil von verführung“ zeigt: thematisiert Rinck in ersterem ihrer Suche nach zeitgemäßen sprachlichen Bildern, wobei sie sich von Rilkes zartbesaiteten Kinderschürzen und Briefpapieren absetzt, um in saloppem Jargon bei Clublampen und Raumstationen zu landen, so bildet in letzterem das Vor-sich-Hingammeln einer Büropflanze den mit biblischem Vokabular und dem ein oder anderen Augenzwinkern evozierten Kontrapunkt zur Betriebsamkeit des Arbeitsplatzes.

    Versinnlichte Begriffe

    In den besten Gedichten von zum fernbleiben der umarmung führt die Spannung zwischen ironischer Distanz und emotionalem Eingebundensein bei den „großen Themen“ wie Liebe oder Vergänglichkeit über das Erfinden neuer Bilder für Gedanken oder Gefühle hinaus in einen Zwischenraum, in dem bildliche und geistig-emotionale Sphäre nicht mehr klar voneinander zu trennen sind. Thematisiert wird diese Form der intellektuelle Anschauung beispielsweise im Eingangsgedicht: in einer metaphorisch angereicherte Betrachtung des Gemäldes „Das Eismeer“ von Caspar David Friedrich fällt unvermittelt der Satz „es wandeln die puten, von denen nur der kern zu sehen ist“. Wie aber soll der Kern einer Pute aussehen? Wie sollte man ihn sehen können? Das so entstandene sprachliche Bild lässt sich nicht mehr anschaulich auflösen, führt ebenso zu einer Störung der vertrauten Wahrnehmung wie die Vorstellung von Puten auf einem der bekanntesten Gemälde der Romantik.

    Für die Versinnlichung von Begriffen verwendete Kant in seiner Kritik der Urteilskraft die Bezeichnung „Hypotypose“. Und es erstaunt nicht, diesen Terminus in einem Gedicht von Monika Rinck zu finden, in dem die Schilderung einer Alpenüberquerung (Winckelmann!) von Hinweisen auf den Königsberger Philosophen ebenso durchsetzt ist wie von sexuellen Konnotationen. In der Verbindung von Begriffen und Anschauung in ihren Gedichten gelingt Monika Rinck, worüber einige ihrer Dichterkolleginnen und -kollegen in diesem Jahr so eifrig diskutieren: Sprachreflexion und Welthaltigkeit miteinander auf kunstvolle Weise zu verbinden.

     



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