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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 07:48

     

    Jan Wagner: Achtzehn Pasteten

    17.12.2007

    So viele Himmel
    Die NZZ schrieb: „Jan Wagner ist bekannt für seine souffleeleichten Sonette und vertrackten Sestinen, er beherrscht das Rantum, das wir zuletzt vielleicht bei Baudelaire und Oskar Pastior gelesen haben.“ Moment mal! Pantum, Sestine, Sonett? Da drängt sich doch der Verdacht auf, es bei Jan Wagner mit einem zeitverirrten Schöngeist zu tun zu haben, der verfallene Kirchtürme besteigt und lustvoll über die Körper alter Glocken streift. Was soll da also schon herauskommen - außer Epigonentum? Und vor allem, wen interessiert´s in einer Zeit, wo Poesie schon lange basisdemokratisch auf Slams ausgefochten wird?

     

    Aber dann kommt plötzlich alles ganz anders... Man liest die ersten Worte, das erste Gedicht und fühlt sich nostalgisch berührt von Bildinventar und Rhythmik, wird im Weitergehen allmählich der überzeitlichen Dialogkraft der Gebilde immer stärker gewahr, um dann am Ende, nach dreimaliger Wiederholung des Leseganges vielleicht, die zerbrechliche Reimkomposition zu erkennen. Das eigentliche Wunder dieser Wortkunst – es beginnt jedes Gebilde in poetischem Sinne zu schwingen, wird also neben Sinn- oder Bildträger auch wieder ganz Klangkörper. Zunächst folgt man beim Lesen vielleicht der „Story“, wie sie sich nicht selten anbietet, dann ergibt man sich dem Rhythmus, dann erst den leisen Halbreimen, schließlich aber dem Gesamtklang.

    Was daraus resultiert, ist die Komplettheit des Anerzählten, das Ganze als Fragment, die Genauigkeit der Skizze. In diesem Sinne ist Jan Wagner also – das wird er sicher nicht gerne hören – ein lyrischer Erzieher seiner Generation. Und das nicht zuletzt deswegen, weil er immer zu sagen scheint: Seht her, Kollegen, es sind so viele traditionelle Formen der Lyrik noch gar nicht in all ihrer Tiefe ausgeschöpft. Warum sich also ins rein Experimentelle stürzen (und dort eventuell verlieren?), wenn noch so viel ungenutztes Angebot vorhanden ist, durch das wir in Dialog mit unseren Vorschreibern treten können?

    Vom Geschmack der Worte

    „Himmel“ ist Jan Wagners liebstes Wort, wie es scheint. Schon sein erster Band – daran sei hier erinnert - trug den Titel Probebohrung im Himmel. Und viele Himmel zieht er hier vor uns auf, wie ein Bühnenbild beinahe.
    Angelika Overath sagte, dass Wagners Gedichte im Buch der Welt lesen und es fortschreiben. Wagner stellt sich demnach gerne, ja ganz selbstverständlich, in eine schreibende Ahnenreihe. Und das kann ja nur der, der sich seine Ahnen auch einmal genauer besehen hat.
    Dabei ist Wagner aber nie ein Verwalter des erfochtenen Kulturgutes seiner Vordichter, auch ist er kein Nachdichter im Sinne eines Epigonen. Jan Wagner kostet die Worte vielmehr aus, als würde er sie das erste Mal hören, schreibt die entzückte Overath weiter. Und das ist der Schlüssel! Es ist die Begeisterung für das dichterisch schon Erstrittene, für die Bandbreite der Möglichkeiten, die die Lyrik dem jungen Dichter bereitstellt. Und Wagner ist so gewitzt und gebildet, sich der breitbrüstigen Pose des Fortfegens scheinbar überkommenen Materials, die stets in so revolutionärer Attraktion daherkommt, einfach zu enthalten.

    Harald Hartung von der FAZ würdigte (allerdings etwas zu feuilletonesk in Anspielung auf den Titel) Achtzehn Pasteten als "Musterbuch sprachlicher Haute Cuisine" und vergisst dabei nicht, Wagner auch für seine doch sehr "eigenständigen Kreationen" zu loben. Die Achtzehn Pasteten waren übrigens ein Hochzeitsessen, das ein gewisser Sir William Penn entsprechend der Zahl seiner Ehejahre auftragen ließ – was aber auch nur soweit wichtig ist, als dass wir es hier mit Genuss in Form von Ehrung zu tun haben, was man nach der Lektüre einiger Gedichte aber ohnehin längst ahnte.

    Christoph Pollmann


    Jan Wagner: Achtzehn Pasteten. Gedichte. Berlin Verlag 2007. 84 Seiten. 16,00 Euro.

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