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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. April 2017 | 01:34

     

    Bess Dreyer: parallele orte

    17.12.2007


    Literarische Landschaften


    Die Bilder schießen auf einen zu, man muss sich zum langsamen Lesen zwingen. So etwas kann ins Auge gehen. Muss aber nicht, wie der Gedichtband
    parallele orte von Bess Dreyer beweist.

     

    Man kennt das Grundgefühl, das sich durch dieses Buch zieht. Vor allem an Tagen, an denen man dünnhäutig ist, stürzen die Wahrnehmungen rückhaltlos auf den Verstand ein. Die Autorin bringt es auf den Punkt:

    ergo

    es gibt diese tage, da bin ich
    nur halb, stehe zäh, bleiern,
    durchsichtig in wachsendem
    dunkel, gehe lautlos und schwer-
    gedrückt durch räume,
    menschen, dinge, nichts ist
    in berührung mit meinem ego, weiß,
    unter verschluss ein mögliches:
    cogito. und es bleiben
    die schatten der tage
    hinter mir, vor mir.


    Dieses schlichte Gedicht steht als Stellvertreter, als Überschrift für alle anderen, die jene Stimmung bis in feinste Details ausloten und immer neue Facetten aufdecken. Dadurch wirkt nichts an diesem Buch verbraucht; es ist das Leben, das man in ihm spürt, das individuell empfundene Leben in ganz allgemeingültiger und doch einfallsreicher, kunstvoller Verpackung, so dass alles zusammen passt und glaubhaft wird. Vieles wird äußerst plastisch dargestellt, man kann durch die Gedichte wandern wie durch eine Landschaft, „blätter sind endlich / handtellergroß“ und „es liegen orte parallel / in meinen fingern / und sommer aus vielen jahren, / über kleine gelenke / in bewegung, durchblutet“. Die Gedichte werden sichtbar, werden Körper, Landschaften, Farben, Formen. Oftmals stellen sich sogar Gerüche ein – keine Gerüche, die mit Worten als solche beschrieben werden, sondern die ganz natürlich und von selbst entstehen, einzig durch die Erschaffung jener sprachlichen Landschaften. Es sind Gerüche von nassem Herbstlaub, abgegriffenen Münzen, frisch gestärkten Tischdecken, der Duft eines geliebten Menschen. In jedem Gedicht bewegt man sich wie in einem Gemälde, in das man hineingezogen wird, in dessen Ausdruckskraft man sich verliert und gleichermaßen wiedergefunden wird. „noch hält sich der tag / mit dem kleinen finger / am himmel“ – man darf festhalten, man darf loslassen. Es ist nichts Unglaubwürdiges in diesem Buch, und das möchte ich durchaus als Ausnahme in der heutigen Lyriklandschaft bezeichnen.

    Fünf Landschaften

    Die Aufteilung in fünf Abschnitte (oder sollte ich sagen: fünf Landschaften?) verhindert eine Naturkatastrophe, denn so viel Leben benötigt eine klare Struktur, eine ordnende Hand. Im ersten Abschnitt "parallele orte" richtet sich die Beobachtung nach außen, ohne dabei die korrespondierende Wirkung auf das Innere zu verlieren. Diese erste Landschaft ist klassisch; Natur, laute Straßen, Gärten, Menschen, Hunde, Bahnsteige, aber auch das Häuserinnere. Die alte Fabrik findet man immer wieder, sie ist ein Fixpunkt, der Halt gibt. Der zweite Abschnitt ("herzklammer") wird persönlich, intim. Der Leser fühlt sich gelegentlich wie ein Voyeur: „taghell das licht am bett / brennt auf dem weichen schenkel / weit oben ein blauer kugelschreiber / strich abwärts oder aufwärts“ (aus „am tag trägt sie hosen“), aber auch ein Ich, ein Du, ein Wir ist vorhanden. Nichts kommt zu kurz, dennoch wird Ordnung gehalten.

    Der dritte Abschnitt ("wortwehr") beherbergt Realismus. Hier wird kein Blatt vor den Mund genommen, der Versuch des Sich-etwas-Vormachens höchstens ins Lächerliche gezogen: „die angst streichen / in der farbe / reifer aprikosen“. Es ist kühl in dieser Landschaft, man sollte sich warm anziehen. Im vierten Abschnitt ("aber orangen") werden Themen des ersten wieder aufgegriffen, doch nun herrscht etwas wesentlich Sanfteres vor. Natur und Jahreszeiten reifen hier heran, es gibt kaum Menschen, kaum ein Ich, weil es nicht relevant ist. Die Texte sind zunächst ein sachtes, manchmal fast ungläubiges Annähern an die neugewonnene Freiheit nach einem kalten Winter. Dann kippt es in den Herbst, und doch bleibt etwas gleich: „kühler wind, stoßweis / sonne, die brennt / wie ein vorlauter märz. / zwischen den gleisen / ein dampfbügeleisen, / ja wirklich, auf dem schotter / schleifend das herrenlose / kabel, als sei ein hund / abhanden gekommen“ (aus „gefälschter august“). So wie die Frühjahrsgedichte noch den ausgehenden Winter in sich tragen, beinhalten die Herbstgedichte einen Rest von Sommer – bis sie schließlich den Winter erreichen. Dieser Abschnitt ist die Landschaft mit den vielfältigsten Farben und der größtmöglichen Stille.

    Der fünfte Abschnitt ("es bricht nur das äußere") spendet Trost. Die Autorin spricht vom Ende, fast gänzlich ohne Bedauern, weiß sie doch von neuen Anfängen. An dieser Stelle herrschen die Menschen vor, denn um sie geht es, auch das Ich fordert seinen Raum. Zum Schluss bleibt Hoffnung, Akzeptanz, innere Ruhe. Selten habe ich ein Buch gelesen, in dem mich derart viele Texte getroffen, ja, verwundet haben. Man sollte diese Texte nur lesen, wenn man nicht bereits allzu viele offene Wunden mit sich herumträgt. Nur selten habe ich ein Buch gelesen, in dem ich mich so oft wiedergefunden habe und dem ich meine Anerkennung so vehement aussprechen möchte. Ich wünschte, einen großen Teil dieser Texte selbst geschrieben zu haben. Es mag sein, dass parallele orte nicht für jeden das richtige Buch ist; es kommt sicherlich auf die Schwerpunkte an, die man setzt, auf das, was man sich von einem Buch verspricht. Ich verspreche mir von ihm ein auf den Punkt gebrachtes Abbild der Realität, versetzt mit einer individuellen und sensiblen Wahrnehmung. Eine Stimme, die vom Leben erzählt und weiß, wovon sie spricht. All dies habe ich in Bess Dreyers Gedichtband gefunden.

    Myriam Keil


    Bess Dreyer: parallele orte. Auslesen-Verlag 2007. 156 Seiten. 11,90 Euro.

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