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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. Juli 2017 | 18:49

     

    Stefan Heuer: honig im mund - galle im herzen

    07.11.2007


    Gebrochene Terrorgeschichte

    Stefan Heuer veröffentlicht 68 Gedichte zur RAF und setzt statt auf ein überzogen-emotionales Blockbuster-Farbenspiel auf Grautöne und die nüchterne Macht des eigenen Urteils.

     

    Für manchen Redakteur und Kunstschaffenden hat der deutsche Terrorismus auch seine guten Seiten: zumindest ist der Terrorstoff spannend! Während Tageszeitungen und Magazine 30 Jahre nach dem Deutschen Herbst wieder Chroniken zu jedem Detail der Schleyer-Entführung veröffentlichen, Verlage nun auch die letzten RAF-Mitglieder zu einer Biographie pünktlich zur Buchmesse in gebundener Form nötigen und die Diskussion über eine Begnadigung des RAF-Terroristen Christian Klars Bundespräsident Horst Köhler genauso umtreibt wie Edmund Stoiber oder den Intendanten des Berliner Ensembles, Claus Peymann, in ach solch finster-versachlichten Zeiten, nimmt sich Lyriker und Kulturveranstalter Stefan Heuer der Historie der RAF als künstlerischen Rohstoff an. Im Ergebnis versammelt der Autor in seinem Lyrikband honig im mund - galle im herzen dabei 68 Gedichte über die Geschichte der Roten Armee Fraktion – fein gegliedert vom 2. Juni 1967 und der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorgs bis zur Endlassung Brigitte Mohnhaupts nach 24 Jahren Haft im März dieses Jahres. Eine Terror-Chronik mit Zeilenumbrüchen: streitbar, kritisch, originell.

    RAF-Geschichten ohne Hollywood-Charme

    Gedichte über, für oder von der RAF sind keine Innovation. Schon Peter-Jürgen Boock hat Lyrik zum Leben im sogenannten Toten Trakt geschrieben, der Autor Peter-Paul Zahl hat in seiner Zeit im Gefängnis Hunderte von Gedichten erdacht und auch die mal-mehr-mal-weniger Sympathisierenden außerhalb der Knastmauern haben fleißig Lyrik verfasst: Erich Fried beschäftigte sich ausführlich mit dem Leben und den Todesumständen von Ulrike Meinhof, Kaufhausbrandstifter Thorwald Proll setzte auf experimentelle Lyrikfetzen als subversives Revoluzzer-Mittel, Freunde von Irmgard Möller gaben einen Soli-Gedichtband namens Die schönste Jugend ist gefangen für die gefangene Möller heraus und auch im Lyrik-Band „Sie würden uns gern im Knast begraben“ wurde reichlich für die Genossen getrommelt. Und heute? 2007 reduziert sich die Auseinandersetzung mit der RAF vor allem auf die sachliche Recherchearbeit und Faktenvermittlung. Künstlerische Ansätze gab es zuletzt 2005 in der stark umstrittenen Ausstellung in den Berliner Kunst Werken. Literarische Umsetzungen gab es bisher eher wenige, rein lyrische kaum. Scheinbar taugt der Terrorstoff nur noch zum Kinofilm – mit einem Baader-Bogart als Macho-Liebhaber der durchgedrehten Katholikentochter Gudrun Ensslin. Hier setzt der Chronist Stefan Heuer an, entzieht der RAF-Geschichte den Hollywood-Charme und setzt statt auf ein überzogen-emotionales Blockbuster-Farbenspiel auf Grautöne und die nüchterne Macht des eigenen Urteils.

    Anspielungsreiches Szenarienstakkato

    Heuer konstruiert seine Gedichte aus Erklärungen der Terroristen, Zeitungsberichten und biografischen Details. Er kombiniert Umgangssprache mit einem sachlich-berichtenden Ton, Zeitgeistfetzen mit dem Blick des zusammentragenden Historikers. Der Burgdorfer entwickelt ein Szenarienstakkato von „der ersten generation auf studienfahrt, wahlpflichtkurs waffentechnik“ (die militärische Ausbildung der RAF in einem Camp der El Fatah in Jordanien) über „der harte kern entfernt, die frucht dadurch nicht weicher“ (die Verhaftung von Andreas Baader, Holger Meins und Jan Carl Raspe) bis hin zur „entführung über den wolken / als aktionsform abgelehnt, als letzte chance willkommen, heiligt der zweck seine unheiligen mittel“ (die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“). Mal lakonisch, mal berichtend tragen Heuers Gedichte durch die Geschichte. Lyrik wie Kassiber, die einen Grundverlauf skizzieren, aber voller Anspielungen einen noch größeren Rahmen erahnen lassen. Und trotzdem verzichtet der Autor vehement auf ein Urteil – was gerade angesichts der Quellen für die vielen Zitate fast erstaunlich wirkt. Mitten im Meer von Meinungsschnipseln besinnt sich der Leser auf sein eigenes Urteilsvermögen. Manchmal fungieren die Worte Heuers dabei wie ein Blick durch ein Kaleidoskop, das nach einem kräftigen Schütteln neue Bilder und Fragen zulässt, mitunter hochpolitische: Haben sich die Terroristen in Stammheim wirklich selbst das Leben genommen? Wenn es richtig ist, wie Stefan Aust jüngst im Spiegel belegt, dass der Staat die Terroristen abgehört hat, hat er vom geplanten Selbstmord gewusst? Ist er bewusst nicht eingeschritten? Heuer gibt keine Antworten in seinen Gedichten, entwirft keine moralischen Richtlinien oder droht mit erhobenem Zeigefinger. Er zeichnet in seinen sehr lesenswerten Gedichten einen Geschichtsverlauf nach. Er deutet dabei aber genauso deutlich auf die Seitenstreifen, auf mögliche Abwege, Irrwege. Dieser Feinsinn, der in vielen Chroniken und Diskussionen zur RAF aus Vorsicht vor dem Sympathievorwurf für den deutschen Terror auf das Faktenstarren reduziert wird, macht eine nüchterne Aufarbeitung der deutschen Terrorgeschichte erst möglich. Heuer hat dazu mit seinem Gedichtband honig im mund - galle im herzen erstklassig beigetragen.
     
    Jan Egge Sedelies

    Ausgewählte Gedichte aus honig im mund – galle im herzen im Titel-Magazin.


    Stefan Heuer: „honig im mund - galle im herzen“, 79 Seiten, 8,50 Euro, Lyrik Edition 2000.

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