• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 26. Mai 2017 | 22:53

     

    Oswald Egger: nihilum album

    29.10.2007


    Und alle Fragen offen ...

    Der kürzlich erschienene Lyrikband mit 3650 Vierzeilern ist ein Buch für Lyrikleser, vor allem aber für Lyriker selbst, die auf zahlreiche Worte stoßen werden, an die es anzuknüpfen lohnt.

     

    Es mag eine ungewöhnliche und in den meisten Fällen unangebrachte oder gar falsche Vorgehensweise sein, aber auch solche Wege wollen gefunden, erforscht und mit den eigenen Gedanken verbunden sein/werden: Erstmalig vor der Vollendung einer Rezension blätterte ich im Internet und warf einen Blick auf die Meinung der Kollegen. Nicht um Inhaltliches oder besonders gelungene, treffende Formulierungen zu stehlen. Der wahre Grund waren aufkommende Selbstzweifel der leichteren Art: Lag es an mir? Konnte nur ich diese Gedichte nicht verstehen, entschlüsseln, ging ich gar als Einziger nicht d’accord? Während diese Fragestellung noch dazu geeignet gewesen wäre, vorangegangene Generationen in ein tiefes Loch der Verwirrung zu stürzen, macht die moderne Technik es möglich, derartig selbstkritische Gedanken in wenigen Sekunden zu eliminieren, und schnell stellte sich heraus: Ich bin nicht allein! Formen wir gemeinsam unsere Münder und sagen wir es zusammen, langsam und deutlich: Wir können nicht alles verstehen! Nicht, dass mir diese Tatsache erstmals durch den Kopf gegangen, dass ich überrascht oder gar beschämt wäre. Aktueller Anlass, eine Rezension mit diesem entlastenden Eingeständnis zu beginnen, ist der kürzlich erschienene Lyrikband nihilum album von Oswald Egger.
        
    Zehn Vierzeiler pro Tag


    Wer in der U-Bahn unvermittelt aufsteht, eine Herrensocke aus der Manteltasche holt und beginnt, sich mit dieser Socke in mehreren Sprachen und mit verstellter Stimme über Eurythmie und weitere anthroposophische Lebensbereiche zu unterhalten, der wird bei großen Teilen der Bevölkerung ein einhelliges Unverständnis hervorrufen. Gleiches dürften sich Oswald Egger und der Suhrkamp Verlag vorgenommen haben, als sie Eggers Gedichtband auf den Büchertisch und der Kritik und der Leserschaft ans Herz legten. Nicht weniger als 3650 Vierzeiler, zehn für einen jeden Tag des Jahres, prasseln auf den Leser ein. Ein Kalenderbuch, wenn man sich an die nach Tagesdatum erfolgte Gliederung hält und nicht alles auf einmal verschlingt, wie man es noch aus Kinderzeiten vom Schokoladen-Adventskalender gewohnt ist. Egger schreibt sich durch das Jahr, beginnt im Januar mit Versen wie Ich spann den / Kläffer ein, den affigen / Wundbock-Hund / am Schlotter-Fuß oder Buntwams Elstern / hungerten / im Bloom-Specht / als Hornvieh, im Mai schreibt er Nägel-Flachs-Werg / stiefelte / sichtbar, aber / niedriger als Gras. Und so geht es weiter, weiter und weiter ... Sicher wird es auch hier wieder einige geben, denn die gibt es ja immer, denen sich der Sinn dieser Zeilen problemlos und beim ersten Lesedurchgang in reinster Bedeutung offenbart, die mit lückenloser und unantastbarer Interpretation aufwarten können. Ich aber erkenne munter und gelassen an, dass ich die tiefe Bedeutung dieser Verse nicht zu ergründen vermag.

    Vom Verstehenmüssen trennen

    Kann man ein Buch empfehlen, anderen Menschen ans Herz legen, ohne ihm selbst in seine Tiefen gefolgt zu sein? Ich sage: Aber ja! Aber eben nicht jedem Leser! Vielleicht sollte sich die gute alte FSK mit diesem Druckwerk beschäftigen und dafür Sorge tragen, dass es nur in die Hände von Menschen fällt, die der lyrischen Sprache auch im eigenen Alltag zugeneigt sind. In die falschen Hände geraten, gießt dieses Buch Öl auf die Feuer jener unermüdlichen Lyrikkritiker, die seit eh und je die Unverständlichkeit in Gedichten als Volksverkrankung geißeln und stattdessen eine reine Romanwirtschaft mit nicht allzu anspruchsvollen Titeln herbeisehnen.

    Und nochmals: Kann man ein Buch empfehlen, mit gutem Gewissen anderen Menschen ans Herz legen, ohne ihm selbst in seine Tiefen gefolgt zu sein? Ich sage: Aber ja! Wer seinen Löffel zur Seite legt und über den Tellerrand schaut, der kann genießen. Man muss Gerhard Richter nicht kennen oder verstehen, um seine großformatigen Abstraktionen zu mögen. Mit der Kompositionslehre muss niemand vertraut sein, nur weil er von Zeit zu Zeit gerne Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ hört. Wer sich vom Anspruch des Verstehenmüssens trennen kann, bekommt hier für den Preis eines Billigflugs eine Reise im Kopf geboten, auf der er Raum zwischen sich und den Alltag bringen kann. Genuss in vollen Zügen, das verspricht nicht nur die Bahn: fernab des reinen Konsumententums erweist sich nihilum album als schier unerschöpflicher Stichwortgeber, als ein Manuel Andrack der Lyrik. Ein Buch also für Lyrikleser (von dieser Spezies soll es ja, nach diversen Berechnungen durch die Herren Enzensberger und Kling, doch einige geben), vor allem aber für Lyriker selbst, die auf zahlreiche Worte stoßen werden, an die es anzuknüpfen lohnt.
        
    stefan heuer.


    Oswald Egger: nihilum album. Lieder und Gedichte, mit CD. Suhrkamp 2007. 150 Seiten. 22,50 Euro.

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Petraeus und sein Stab

    Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter