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Dienstag, 28. März 2017 | 08:20

Till Lindemann: Messer. Gedichte und Fotos

20.02.2004

Ästhetik des Schreckens

Till Lindemann hat es weit gebracht. Doch mit dem steilen Aufstieg des ehemaligen Bautischlers, Stellmachers, Zimmermanns, Korbmachers und Galerietechnikers zum Frontmann der in aller Welt gefeierten Kultband „Rammstein“ ist das Ende der Fahnenstange offenbar noch nicht erreicht. Der Gedichtband „Messer“ soll Lindemanns durchaus beträchtlicher Fangemeinde nun eine ganz neue Seite ihres Idols präsentieren. Von THORSTEN STEGEMANN

 

Das gelingt allerdings nur zum Teil, denn die überwiegende Mehrheit der bezeichnenderweise zwischen 1995 und 2002 entstandenen Texte ist unverkennbar jener eigenwilligen Rammstein-Ästhetik verhaftet, die für die einen nur ein plumpes Aneinanderreihen archaischer und möglichst angstbesetzter Bilderfluten darstellt, während andere dahinter gleich ganze „Sprengsätze voller Kompromisslosigkeit“ vermuten. Dieses schöne Zitat stammt von Lindemanns engem Freund Gert Hof, der den Gedichtband mit eigenwilligen Fotographien versehen hat, die den traurigen Helden auf seinem Weg durch eine puppenhafte Gesellschaft verfolgen. Obendrein war Hof so freundlich, dem opulent gestalteten Band eine Einführung voranzustellen, die in ihrer vollkommenen Distanzlosigkeit beispiellos sein dürfte. Wer sich dieses Vorwort auf der Zunge zergehen lässt, muss Lindemann schließlich für das Alpha und Omega aller dichterischen Bestrebungen halten.

Hofs exaltierte Lobhudelei feiert die Verse des geschätzten Freundes als „lyrische Abrechnung“, „Vollstreckung“, „Lichtskalpell“, „Materialsammlung aus Leidenschaft“, „Sturm aus Flammen, der hoch aus dem Norden über eine Oase aus Nacht fegt“, „modernen Exorzismus“ und „Poesie ohne Rückkehr“ – und entspricht damit ziemlich genau der übersteuerten Sprachakrobatik und wenig plausiblen Bildkomposition der hymnisch verehrten Texte. Wenn Lindemann seine obligatorischen Blutbäder anrichtet und in immer gleichen Wendungen über zerfetzte Leiber, gebrochene Herzen, eiternde Hirne und Stirnen oder all jene am fatalistischen Grenzwall zuschanden gewordenen Hoffnungen schreitet, dann stellt sich – auch infolge sukzessive nachlassender Originalität - selbst beim unvoreingenommensten Betrachter allmählich Ermüdung ein. Das ist – insofern muss Hof zugestimmt werden – sicher allemal erfreulicher als die weinerlichen Nabelschauen einer neuen lyrischen Innerlichkeit oder die Verbalimpotenz politisch korrekter Phrasendrescher. Andererseits gereicht es keinem Buch zum Vorteil, wenn seine Qualitäten aus den Misslichkeiten anderer Publikationen herausdestilliert werden müssen.

Weniger wäre hier wieder einmal mehr gewesen, und das beweist niemand eindrucksvoller als der Autor selbst, dem genau dann die eindrucksvollsten Verse gelingen, wenn er das zwar wortgewaltige, aber eben auch abgegrabbelte Schreckensinventar einmal beiseite lässt und eine dramatische Szenerie in verbale Belanglosigkeit kleidet:

 

Ich habe ein Gewehr
ich habe es geladen
ein Knall
du hast kein Köpfchen mehr
das seh ich durch die Schwaden

Sie klopfen an die Tür
nun werden sie mich fangen
ich kann doch nichts dafür
ist einfach losgegangen

 

Solche Miniaturen finden sich in dem gut 150 Seiten umfassenden Lyrik– und Photoband durchaus – aber man muss definitiv zu lange nach ihnen suchen. Für ein möglicherweise schon in Planung befindliches Folgebuch wäre eine höhere Trefferquote jedenfalls wünschenswert.

 

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