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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. Juli 2017 | 22:33

     

    Steffen Jacobs: Der Lyrik-TÜV

    12.07.2007

    Liebesdienst an der Sprache, Bärendienst an der Sache

    Man reibt sich zunächst schon ein wenig die Augen: Da liegt einem dieser wunderbar aufgemachte Band aus der anderen Bibliothek in der Hand, schwarz-weiß marmorierter Umschlag, Seriennummer 1313, ein Lyriker, den man schätzt, als Autor - und dann diese unglaubliche Fehlgeburt von Titel!

     

    „Und so brechen wir denn auf zu einer Zeitreise durch die lyrische Dichtung der letzten hundert Jahre. Für jedes Jahrzehnt werden wir einen Lyrikband auswählen und auf den TÜV-Prüfstand stellen. Nicht nur große Dichter, auch große Scharlatane werden unseren Weg kreuzen, und manch einer vereint gar beide Rollen in einer Person. Kleine Hochstapler und schmierige Trickbetrüger werden unsere Nähe suchen, doch selbst, wenn sie sich hinter berühmten Namen verbergen, darf uns das nicht täuschen. Die meisten von ihnen haben ohnehin keine Chance, auf den kommenden Seiten erwähnt zu werden, denn unsere Tugenden lauten Beschränkung und Konzentration.”
    Soweit die konzeptuelle Vorgabe. Der Verfasser - Steffen Jacobs - ist übrigens Kulturpessimist und Weltverbesserer in einem. Wie sympathisch. Und er verkörpert lupenrein den Beweis, dass sich dieses absurd erscheinende Titelpaar bedingt. Er war lange Jahre ein Bespöttler des lyrischen Betriebs dieser Republik, allerdings schoss er (zumeist auch scharf und präzise) aus dem Schützengraben des Pseudonyms. Nun entsteigt er der sicheren Grube dieses Stellungskriegs um das ästhetisch Wertvolle. Beide Hände... äh... Zeigefinger erhoben kommt er auf uns zu, mit nur zehn, zumeist schmalen Bändchen im Marschgepäck. (Nun gut, Lyrik ist zumeist schmal. Und die „Wörtersee“-Ausnahme von Robert Gernhardt muss hier der Bestätigung der ansonsten ziemlich weltgültigen Regel dienen.) Als Wegzehrung nichts dabei als kritische Vernunft und gut geschultes Sprachgespür.
    Busch, Rilke, George, Weinheber, Benn, Rühmkorf, Enzensberger, Hartung, Gernhardt, und Grünbein – das ist die vorgegebene Route quer durch das 20. Jahrhundert. Die Frage, die sich Jacobs nun stellt: Wie gut sind sie wirklich, diese Sockelbewohner? Und werden sie zu Recht von uns verehrt?

    Wohin, Kapitän?

    TÜV bedeutet „Technischer Überwachungsverein“. Doch zum Glück geht Jacobs über das rein Technische an den Gedichten, ihre Bauweise und Machart hinaus. Manchmal geht er dabei leider auch zu weit, allzu sehr tapert er da ins vulgärpsychologische Detail von schwerer Kindheit und gestörter Sexualität. Aber egal, das mag ihm ankreiden wer will. Denn wer schafft es schon, in so einem leichten und inspirierten Stil, als wäre hier ein französischer Essayist am Werke, durch diese überaus komplexe Materie und Zeit zu führen? Es ist schlicht ein riesenhaftes Vergnügen, sich von Jacobs an die kurze Leine nehmen zu lassen! Und Steffen Jacobs ist selbst Lyriker, womit er sich natürlich angreifbar macht. Aber darauf scheint er nichts zu geben – und das ist ja durchaus mutig von ihm. Denn: Wie leicht wäre es, ihn selbst aller möglichen Patzer und Ungereimtheiten zu bezichtigen?
    Dass keine Frau aus dem 20 Jahrhundert das Gesamtbild komplettiert verwundert allerdings schon ein wenig. Bei so viel Auswahl. Denn man wünscht sich beizeiten schon eine weibliche Stimme in diesem raunenden Männerchor.

    Das Löschen der Ladung

    Das Resultat der Unternehmung lässt sich dann etwa wie folgt zusammenfassen: Wilhelm Busch ist ein Verkannter, Stefan George eine zweifelhafte Führerpersönlichkeit, Rilke ein etwas empfindungsgestörter Schnellschreiber, Gottfried Benn ein dichtender Übermensch, Peter Rühmkorf ein sympathischer Handwerker, Hans Magnus Enzensberger ein doppelzüngiger Kritikaster, Harald Hartung ein etwas formalistischer Aufrechter, Robert Gernhardt ein neuer Volksdichtertypus und zuletzt Durs Grünbein ein völlig überschätzter Nostalgiker. Steffen Jacobs auf jeden Fall ist ein Stilist alter, aber guter und witziger Schule, auch wenn er dabei manches Mal ein wenig o­nkelhaft daherkommt. Ich verzeihe es ihm gerne.

    Christoph Pollmann


    Steffen Jacobs: Der Lyrik-TÜV
    349 Seiten
    Erschienen bei: Eichborn
    ISBN 3821845651
    Preis: 28,50 Euro.

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