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Dienstag, 28. März 2017 | 08:09

 

Jörg Schieke: Count Down

24.06.2007


Die Konstruiertheit jedes Welterlebnisses

Die Zeit eines Reisens, das sich nicht zuletzt als ein Mechanismus zur Erfahrung und Aneignung von Kultur versteht, scheint abgelaufen. In der vernetzten Welt ist der Tourismus an die Stelle des Reisens getreten. Und der sucht nicht das Erlebnis, sondern die Zerstreuung, auch wenn er sich als Erlebnis- oder Abenteuertourismus ausgibt.

 

Wir erinnern uns: Goethe war nicht der einzige, der behauptete, um eine Reise nach Venedig als eine glückliche zu verbuchen, müsse man die Stadt vom Seeweg aus ansteuern. Freilich war es dennoch nötig, wollte man die Schiffsreise – die dann bloß noch eine Art Bootstrip sein würde – so kurz wie möglich halten, erst über die Alpen zu kommen, hinter denen schon die Adria heraufschimmerte. Man gab sich also einige Mühe, den angemessenen Blickwinkel auf sein Reiseziel zu erhalten. Denn nicht selten hatte man im Hinterkopf, aus den unterwegs gesammelten Eindrücken ein Stück Literatur machen zu müssen. Die Welt war damals noch weiter, weil man sie mit langsameren Techniken - und Körpern – durchmaß. Ob nun der Ministerialrat aus Weimar, Heinrich Heine auf der Flucht oder der spätromantische Eichendorff – um nur wenige zu nennen – die Reise als Erlebnis und Sujet bleibt ein prägendes Element der deutschen Literatur.

Trotzdem mutet es seltsam an, wenn Jörg Schieke seinen neuen Gedichtband im Untertitel als „Ein Reisegedicht“ bezeichnet. Die Zeit eines Reisens, das sich nicht zuletzt als ein Mechanismus zur Erfahrung und Aneignung von Kultur versteht, ist abgelaufen. In der vernetzten Welt ist der Tourismus an die Stelle des Reisens getreten. Und der sucht nicht das Erlebnis, sondern die Zerstreuung, auch wenn er sich als Erlebnis- oder Abenteuertourismus ausgibt.

Und so rücken in Schiekes Langgedicht emblematisch die Zeichen einer globalen Kultur in den Vordergrund, die unter dem lokalen Kolorit nur augenblicklich verborgen liegen, um sich dem Blick des Dichters als das ewig Vertraute zu vermitteln. Ein Leonard-Cohen-Song in einer südostasiatischen Strandbar macht zwar nicht direkt Angst, trägt aber auch nicht zum gesuchten Gefühl des heimelichen Fremden bei, das man, gegen jede Vernunft, ab und an noch zu finden hofft, wenn man sich tausende Kilometer weit entfernt von den heimischen vier Wänden befindet. Die eigene post-bürgerliche Existenz verfolgt einen, und man entrinnt ihr nur in kurzen Phantasiesequenzen, die sich wie eine kollektive Erinnerung vom angeschauten Bild lösen.

Logisch-konsequente Anordnung

Formal trägt Schieke seinem Thema mittels vertrackter und gleichsam logisch-konsequenter Anordnung des Materials Rechnung. Die einzelnen Teile des Gedichts werden – wie es der Titel will – von Zehn auf Null heruntergezählt, um, wenn die Tiefebene erreicht ist, erneut anzuheben und auf die abermalige Zehn zuzusteuern. Das reicht jedoch nicht aus. Und so reduziert sich die Zeilenzahl der Strophen innerhalb eines jeden Ziffernabschnittes von Fünf auf Eins. Als diesem mathematischen Prinzip gegenläufiges Mittel, löst sich die Metrik in den einzelnen Abschnitten zugunsten eines ganz freien Rhythmus auf und nähert sich der Prosa bis auf Atemnähe an. Strenge und Unwägbarkeit stehen somit dicht beieinander, wie um deutlich zu machen, entlang welcher Fluchtlinien touristische Realerfahrung und der Wunsch nach authentischem Abenteuer sich treffen könnten, wenn die Welt nur den Formwillen des Gedichts besäße. Aber gepfiffen auf die Welt! Im Gedicht funktioniert die Konstruktion in verblüffender Unmittelbarkeit.

„...ein Souvenir// ist etwas, das die Reise späterhin bezeugt.“ Und so ist das Gedicht vielleicht etwas, das die Reise überhaupt erst berührbar macht. Nämlich indem es die gesammelten Eindrücke, die ihm Moment des Erlebens stockende Sprache in einen fixierten Raum setzt, worin die Zeiten auf kalkulierte Weise durcheinander geraten, sich überlagern und den Blick freigeben auf die Konstruiertheit jedes Welterlebnisses. Denn „Reisen// ist Zeitverschiebung, ist die Hoffnung/ auf den Fensterplatz.“ Ob die Scheiben immer geputzt sind, ist eine andere Frage.

Lars Reyer


Jörg Schieke: Count Down. Mitteldeutscher Verlag 2007. Kartoniert. 71. Seiten. 11,00 Euro.

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