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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 07:49

     

    Michael Madsen: Shooting

    19.02.2004

     

    Ein Quentchen Tarantino

    Tagebuchnotizen zum zweifellos knallharten Stand der noch härteren Dinge mit Überschriften zu versehen, macht noch keine Gedichte - auch wenn man mit Tarantino arbeitet und eine Kindheit hatte, an deren Brutalität es sich poetisch zu erinnern lohnt.

     

    Drei der neun Zuschauer verließen die Vorstellung. Auf der monumentalen Leinwand war soeben einem gefesselten Polizisten ein Ohr abgeschnitten worden; nicht etwa, um ihn zum Reden zu bringen, sondern weil Mr.Blonde der Sinn nach Vivisektion stand. Und natürlich, weil blutspuckende Buscemis alleine niemanden mehr aufs Kinoklo zwingen.
    Der Schein trügt nicht, auch wenn sich Quentin Tarantinos erste Gewaltanstrengung Reservoir Dogs noch so sehr müht, die eigene Fiktionalität zu inszenieren. Denn Michael Madsen alias Mr.Blonde ist auch in Wirklichkeit ein harter Hund, einer, der voll trinkt und echt boxt, und im Rahmenprogramm seiner Künstlerrealität zudem als Mechaniker auftritt: Autos, Motorräder, Dichtung. "Unser Bester", skandiert Dennis Hopper im vers libre seines Vorworts, "schäbiger, packender" als ihrer aller Kerouac. Daß das Bändchen, dem die Gratisrealität vom Dichter Hopper prologisch beigelegt ist, Shooting heißt und zwei Pistolen auf der schäbigen Verpackung trägt, könnte hier eigentlich ebenso unerwähnt bleiben wie der Rest dieser Rezension. Denn wer jetzt noch nicht weiß, was er bei Madsen zu erwarten hat, dem ist ohnehin nicht zu helfen: mag er - und es kann nur ein Er sein - also weiterlesen.

    Bild und Seite zwei des Büchleins zeigen großformatig den Poeten selbst. Beat, klar, aber ästhetisch. Und differenziert: Der Haarschnitt ähnelt nicht JK, sondern Madsen läßt sich Neal Cassady o­ndulieren. Darunter die Kippe, die glimmend auf dem Handrücken des Boxer-Dichters aufliegt, ohne ihn zu versehren - die Antizipation von Gefahr und Kunstcharakter gleichermaßen. Nachdem man sich an der Badboilerflamme selbst eine angesteckt hat, kann es losgehen: Gedichte, der "Slang der Straße" (Hopper), wie ein Tattoo unter die Netzhaut des Lesers genadelt.
    I can still run faster / than a speeding bullet / and I know Superman / had a cigarette / o­nce in a while. So endet der Anfang, d.h. der allererste Text, der unter dem terminalen Titel "White Hair" den Reigen der Selbstbespiegelungen eröffnet. Schon ist der Kreis geschlossen, die grauen Haare zu Beginn des Buchs und also der Biographie vollenden sogleich den Zyklus von Leben und Tod. Doch was sind biologische Konstanten für einen Mann wie Madsen; er wird ihnen davonrennen, rauchend, versteht sich, und wir sollen hinterher.

    Also nochmal zum Boiler und weiter: Gedicht zwei schont zumindest die Lunge, denn der kleine Michael (13) und seine Mitadoleszenten saugen zunächst an Verträglicherem: The Flintstones o­n TV / while we sucked her tits / and she took us / o­ne after another. Nicht nur Barnie Geröllheimer möchte hier lieber wegsehen, ist die Frau, die Madsen inmitten ihrer Verwahrlosung dichtet, doch verheiratet.
    Nachdem sich auch die Nymphomanin titelgerecht ("Good-Bye") verabschiedet hat, schnippt Schauspieler Madsen endlich am Zillo und entzündet, was bis zum Ende des Buches Blindgänger in den Himmel über den Drehorten schicken wird. Daß seine Texte fast ausnahmslos in diversen Rohren krepieren, liegt dabei gar nicht an seinem Projekt selbst. Mündlichkeit, den triefend gelutschten Slang der Straße in die Schrift der Lyrik zu übertragen, muß bekanntlich nicht zwangsläufig im vernieteten Poesiealbum enden; die Namen derer, die das Gegenteil bewiesen und dröhnende Benzedriner geschrieben haben, sind inzwischen zerkauter als der Filter im Mundwinkel.

    Doch Tagebuchnotizen zum zweifellos knallharten Stand der noch härteren Dinge mit Überschriften zu versehen, macht noch keine Gedichte - auch wenn man mit Tarantino arbeitet und eine Kindheit hatte, an deren Brutalität es sich poetisch zu erinnern lohnt. Zugegeben: Diese Erinnerung gelingt Madsen manchmal, einen Lidschlag lang. Wenig überraschend sticht dabei der Text hervor, von dem man im Falle des maskulinen Profilneurotikers größte Brisanz erwarten kann: "Dad".
    Abgesehen von dieser und wenigen anderen familiären Reminiszenzen hält sich Madsen ansonsten jedoch an seine elitäre Poetik: I thought about leaving / this page blank / but then I figured / whatever I write / won't be realized / by most folks anyway; / they see blanks where / there are shotgun shells.
    Daß nicht nur der Wunsch Vater solcher Dichtungstheorie sein muß, beweist leider der Übersetzer. Er zumindest hat die Patronenhülsen in Madsens Broschüre verkannt und außerdem das Pech, daß dem Leser die Originale zugänglich sind. Entlang des Weges (along the way) beiden, Dichter und Nachdichter, daher ein paar Zeilen poetologisches Verbandszeug von Lorine Niedecker, die im übrigen nie boxte: Grandfather / advised me: / Learn a trade // I learned / to sit at desk / and condense // No layoff / from this / condensery.

    Von Mathias Tretter


    Michael Madsen: Shooting. Gedichte. Tropen Verlag. DM 24,80. 146 S

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