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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. Juli 2017 | 18:50

     

    Carl-Christian Elze: stadt/land/stopp

    29.12.2006


    Am Leben entlang geschrieben


    Carl-Christian Elze hat mit stadt/land/stopp wohl einen der lesenswertesten Gedichtbände des Jahres 2006 vorgelegt.

     

    „rheumatische löwen sich pissen/ die sommer verschlafen, sich pissen/ gedankenlos ein vor natursteinkulissen/ komm, wir gehen zum küssen in den zoo.“ So die erste Strophe eines Gedichtes mit dem Titel „oh baby, berlin“. Der Autor dieser mit rotzig-übermütiger Attitüde dahingeworfenen Zeilen ist Carl-Christian Elze aus Leipzig, welcher mit stadt/land/stopp wohl einen der lesenswertesten Gedichtbände des Jahres 2006 vorgelegt hat. Das „pissen“ kommt wie eine kleine Ohrfeige daher und wird, quasi per Nachtritt, in der zweiten Strophe schmerzlich wiederholt. Hier will offensichtlich niemand nur gefallen, die Zeilen sind ein mutiger Affront gegen jede gefallsüchtige Blätterfalllyrik. Gut ausgebildete Feuilletongermanisten werden bei solchen Zeilen den Band womöglich schnell und angewidert aus den zarten Fingern legen, solcherlei Versdichtung glaubte man längst überwunden.

    Elze ist zunächst einmal bei Gottfried Benn in die Lehre gegangen, dann darüber hinaus, ein Wilhelm Busch auf Sektionskurs: „max am becken, eins zwei drei, spült die wasserleichen frei […] moritz schneidet um die stirnen mit dem messer rote fäden/ zieht die kopfhaut einfach über all die toten augen drüber/ sägt & hebt den deckel ab, legt den deckel rechts vom topf/ max nimmt das wie keine krone dem verschwitzten moritz ab/ bricht die zacken raus & ohne glanz im auge macht er das.“ Das ist keineswegs nur die epigonale Adaption einer Bennschen Wasserleiche, Elzes „forensische ballade“ ist in ihrem ironisch-sarkastisch-beschwingten Tonfall viel eher eine Parodie jener todernsten Bennschen Morgue-Szenarien. Das „Königsorgan“ Gehirn wabert zwar noch dezent im Hintergrund, die Krone der Schöpfung aber, der Mensch, liegt den verspielten Max und Moritz zu Füßen. Diese lassen sich auch nicht lange lumpen und brechen dem hochmütigen Schöpfungswerk alle Zacken aus der Krone. Keine düstere Arztfigur mit hochgeschlossenem Kittel zerlegt hier die Kalotte, nein, neugierige Sandkastenkinder übernehmen diese morbide Arbeit. Also letztlich nur der postmoderne Versuch aus dem Schatten eines fettleibigen Arztes herauszutreten?

    Feiner Blick auf überkultivierte Landschaft

    Bei Elze finden sich die altbekannten Ambivalenzen, z.B. in „es reicht ein gefühl von perfektion“, einem der zahlreichen vertretenen Naturgedichte. Zum einen ist da das Bewundern der Todesfalle Spinnennetz: „es reicht ein gefühl von perfektion, um ruhiger zu werden: das perfekte verheddern/ einer floureszierenden fliege/ in einem spinnenwerk“. Morbide Naturgedichte also, kein Lobpreisen, kein Alpenglühen und Tannenglück, aber auch kein zynisches Verwesungsspektakel. Zum anderen der feine, ironisierende Blick auf die nackte Realität einer uns umgebenden, überkultivierten Landschaft: „der matsche-igel/ auf dem asphalt ist größer/ geworden zuletzt. [...] seine dicke frau/ die iglin, wartet im bau/ stillt quietsche-schnauzen“. Ein Igel, vom hastigen Obsthändler zermatscht, die Frau mit ihren Jungen allein im Bau. Eine herzzerreißende Fabel in Gedichtform, eine jener traurig-brutalen Kindergeschichten, also keine kühle Sektion, sondern die realistische Annäherung an die Alltäglichkeit des Sterbens. Carl-Christian Elze ist ein meisterhafter Erzähler, hinter seinen Gedichten verbergen sich, noch vor jeder Poetologie, echte Geschichten. Die Vorfahren schauen aus den Augen des lyrischen Ichs zu „wie aus einweckgläsern: formlose früchte. [...] nur manchmal stoß ich von hinten dagegen/ dann liegt ein vater drinnen in scherben.“ Verblassende Erinnerungen, Generationenwechsel also und „morgen lieg ich im keller von söhnen/ & halte mich fest in den dunklen regalen.“

    In diesem Gedichtband kreucht und fleucht es, da ist Leben drin. Die junge Leipziger Literaturszene lebt und Carl-Christian Elze ist sicher eines ihrer größeren Talente, ein Beweis dafür, dass gute Literatur sich letztlich nur am richtigen Leben entlang schreiben und nicht etwa auf dem Reißbrett seidenbeschalter Kaffeehausstudenten entwerfen lässt.

    Daniel Ketteler


    Carl-Christian Elze: stadt/land/stopp. Mitteldeutscher Verlag 2006. 120 Seiten. 14,00 Euro. ISBN 3-89812-363-4

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