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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 00:42

     

    Oskar Pastior: "... sage, du habest es rauschen gehört"

    06.10.2006

    Eine Spur aus der Vergangenheit

    Am Abend des 4. Oktober starb in Frankfurt/Main der diesjährige Büchner-Preisträger Oskar Pastior. Im ersten Band seiner Werkausgabe gibt es jetzt noch einmal neue Gedichte von ihm zu lesen: sie enthält den 1968 zensierten und bislang unveröffentlichten Gedichtband
    namenaufgeben, in dem Pastior erstmals seine charakteristischen eigenlogischen Sprachwelten entwirft.

     

    Mit Oskar Pastior wurde in diesem Jahr einem Autor der Büchner-Preis zugesprochen, der wie kaum ein anderer als Solitär der deutschen Literatur galt. Ein einfallsreicher Erfinder poetischer Spielregeln, sensibel für Rhythmen und Anklänge, der im gewitzten Wörtlichnehmen zahlreicher Sprachen ihren doppelten Boden hörbar machte. Als 1969 Vom Sichersten ins Tausendste erschien, sein erster in der Bundesrepublik veröffentlichter Gedichtband, war der typische Pastior-Sound schon voll ausgeprägt. Pastiors literarische Anfänge hingegen liegen weitgehend im Dunkeln. Wie wurde Pastior zu Pastior? Wie entstand seine unverkennbar eigene Sprache, deren Rhythmus und Melodie die Zuhörer bei seinen Lesungen von jeher in ihren Bann zog?

    Zensur und Sparzwang

    Pastiors erste Lyrikbände Offne Worte (1964) und Gedichte (1965), die noch in seinem Herkunftsland Rumänien veröffentlicht wurden, sind deutschen Lesern kaum bekannt. Gar nicht erst erschienen ist der Band namenaufgeben: schon vollständig gesetzt, wurde er nach Pastiors Übersiedlung nach West-Berlin 1968 in Rumänien zensiert und eingestampft. Der jetzt erschienene ersten Band der Werkausgabe macht nicht nur diese drei Gedichtbände zugänglich, sondern auch verstreut Publiziertes aus den Jahren 1957-72, ein Dutzend unveröffentlichter Texte aus den Fünfzigern sowie Pastiors bundesrepublikanisches Debüt Vom Sichersten ins Tausendste.
    Allerdings trübt ein Blick ins Inhaltsverzeichnis die Freude, jetzt eine unbekannte Seite Pastiors entdecken zu können, ein wenig, denn alle drei in Rumänien geschriebenen Gedichtbände sind (ebenso wie die bislang unveröffentlichten Texte) nur in Auswahl enthalten. Akzeptabel ist, dass Offne Worte und Gedichte jeweils um gut 10 Gedichte gekürzt wurden. Die wesentlichen Konturen der Bände bleiben so erhalten und viele der darin enthaltenen „Zeugnisse des eigenen Versagens“ (so der mit Pastior befreundete Herausgeber Ernest Wichner) könnte man getrost „dem großen Vergessen überantworten“. Indem allerdings über die Hälfte der Gedichte aus namenaufgeben gestrichen wurde („um Platz zu sparen“, wie Wichner im Nachwort schreibt), fällt dieser Band bedauernswerterweise nach der kommunistischen Zensur nun den Sparzwängen des – zugegebenermaßen um einen Kompromiss bemühten – Verlags zum Opfer. Schade, denn gerade in diesem Band macht Pastior sich frei von den Zwängen der rumänischen Zensur und der offiziellen Literaturpolitik. Aufschlussreich wären zudem Anmerkungen gewesen, welche der Gedichte, die ursprünglich Teil von namenaufgeben waren, in Vom Sichersten ins Tausendste eingegangen sind. Wie dieser zensierte Gedichtband Pastiors hätte aussehen sollen, bleibt somit weiter im Dunkeln.

    Dichterische Parallelwelten

    Stöbert man in Offne Worte und Gedichte, so passen die darin enthaltenen Texte gar nicht zu dem heutigen Bild von Oskar Pastior. Lob der sozialistischen Industrie, Liebesgedichte und siebenbürgische Genrebilder sind nicht das, was man von einem Autor erwartet hätte, der sich so häufig gegen einseitige Parteinahme, mimetische Schreibweisen und die Kategorisierung seiner Texte als Exilliteratur ausgesprochen hat. Das gilt auch für die genitivmetapherngesättigten, oft gereimten Verse, die weit entfernt sind von den späteren virtuosen Sprachspielereien. Nur selten blitzt ein hintergründiges Lächeln oder eine Vorliebe für die Neubearbeitung bekannter Texte auf. Verraten diese in Rumänien publizierten Gedichte also nur, wie Lyrik in den 60er Jahren in Rumänien aussehen musste, damit sie gedruckt werden konnte?
    Sicher auch, aber nicht nur. Denn in den wenigen unveröffentlichten Texten, die den „wahren“ Pastior offenbaren könnten, finden sich zwar stupende Vorgriffe auf spätere Entwicklungen, wie das Gedicht „Das periodische System“, in dem eine Eselsbrücke zum Memorieren der chemischen Elemente Ausgangspunkt für die Entwicklung eines pastiortypischen Kauderwelschs wird. Aber daneben stehen eben auch hier konventionell gereimte Heimatszenen und Naturlyrik, wie sie in Offne Worte und Gedichte zuhauf zu finden sind.
    Bei einem Blick auf die Entstehungszeit dieser Texte und denjenigen der ersten beiden Gedichtbände fällt auf, dass sie fast ausnahmslos zwischen 1952 und 1958 geschrieben wurden. Danach klafft eine Lücke bis zum Jahr 1963. Fünf Jahre Schreibpause? Oder eine Zeit, in der Pastior für die Schublade schrieb, da er seine Texte für nicht publizierbar hielt? Vermutlich letzteres, schaut man sich die Textflut an, die sich 1968 mit namenaufgeben und im Folgejahr mit Vom Sichersten ins Tausendste Bahn gebrochen hat. Musste man zuvor suchen nach jenem verschmitzten Wörtlichnehmen, das charakteristisch ist für den Humor Pastiors, überwiegt nun die Lust am Spiel mit Wörtern und Assoziationen. Doch finden sich in namenaufgeben auch noch eher konventionelle Verse, die ebenso gut in dem Band Gedichte hätten stehen können. Und mit den „Prager Etüden“ enthält namenaufgeben einen Zyklus voller historisch-politischer Anspielungen, der für Pastiors Verhältnisse sehr realitätsgesättigt daherkommt. So ist dieser Band ebenso das missing link in Pastiors Entwicklung als Autor, wie ein Zeugnis der dichterischen Parallelwelten, die er in sich vereinte.

    Alte Wegweiser für neue Lesarten

    Fallen bei vielen der frühen Gedichte auch deutliche qualitative Unterschiede zu Pastiors bekannten Texten auf, lassen sie sich noch auf eine andere Art gewinnbringend lesen: sie werfen ein neues Licht auf die Gedichte, die Pastior später schreiben sollte. Ein Satz aus dem Nachwort von Ernest Wichner über die Zensur lässt sich auch auf die Literaturkritik anwenden, die anlässlich der Büchnerpreisverleihung Pastior oft einseitig als bloßen Nonsenslyriker und Wortspieler darstellte: dass dieses Bild entstanden sei, könne nur daran liegen, „dass man (...) selber in die Falle getappt war, die man sich für den Umgang mit den modernen poetischen Sprechweisen geschaffen hatte: die behauptete Inhaltsleere, der unterstellte reine Formalismus etc.“ So können etwa die zahlreichen Transsilvanismen in Pastiors Texten als eine Form des Heimatbezugs verstanden werden, jedoch nicht romantisch-verklärend, sondern die Texte konkret situierend. Die biografischen Fingerzeige in seinen Gedichten sind nicht rein neutrales Sprachmaterial; vielmehr scheinen historische, soziale und emotionale Prägungen des Autors in ihnen durch. Pastiors Texte lassen sich eben nicht auf einen einzigen Standpunkt festlegen, sondern lösen die Zentralperspektive auf, wodurch zwar kein einheitliches Bild entsteht, wohl aber eine Vielzahl schillernder Facetten, die jede für sich eine Welt enthält.

    Carsten Schwedes


    Oskar Pastior: „... sage, du habest es rauschen gehört“ (Werkausgabe, Band 1) Hanser 2006. Broschiert. 376 Seiten. 24,90 Euro.

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